Aarau
Wirtepaar Dätwiler macht Schluss - Legendär waren ihre «Sevilla-Metzgeten»

Am Samstag nach dem Maienzug ist Schluss. Das dienstälteste Wirtepaar Aaraus, René und Annalis Dätwiler, geht in den Ruhestand. Über die Gaste, die Hackordnung im «Sevilla» und die Ordnungshüter.

Hermann Rauber
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Annalis und René Dätwiler-Maurer haben das Sevilla zu einer gastronomischen Institution gemacht. Alex Spichale

Annalis und René Dätwiler-Maurer haben das Sevilla zu einer gastronomischen Institution gemacht. Alex Spichale

«Früher war der Zusammenhang unter den Gästen enger, mit dem härter gewordenen Berufsleben und der lärmigen Partyszene ist auch ein Stück Geselligkeit verloren gegangen», zu diesem Fazit kommt René Dätwiler, der zusammen mit seiner Frau Annalis gut vier Jahrzehnte lang das Restaurant Sevilla an der Aarauer Kirchgasse geführt hat.

Am Samstag nach dem Maienzug ist Schluss, das Haus ist an den Aarauer Architekten Beat Geser verkauft worden, der die Gaststätte im bisherigen Stil weiterführen will.

Der gelernte Gartenbauer René Dätwiler stieg dank seiner Frau Annalis, der Tochter des früheren Wirts Ernst Maurer, im «Sevilla» als Gastgeber ein, und zwar am 10. April 1973.

«Die Stammkundschaft gab uns bei diesem historischen Wechsel wenig Kredit», sagt Dätwiler heute mit einem Schmunzeln, täuschte sich doch die Gästeschar mit dieser Prognose gewaltig. Denn die Dätwilers sind als nunmehr dienstälteste Wirte in der Kantonshauptstadt längst zu einer Institution geworden.

Das Geheimnis für diese Geschichte liegt neben der familiären Atmosphäre in der Tatsache begründet, dass man das urtümliche Lokal vor vermeintlich trendigen Veränderungen und damit vor kurzlebigen Modeerscheinungen verschonte.

Illustre Stammkundschaft

Zweitens trug aber auch die treue Stammkundschaft, die eben jene heimelige Konstante schätzt, dazu bei, dass die Dätwilers mehr als vierzig Jahre ihrem Metier nachgehen durften.

«Wir hatten schöne Zeiten und auch schwierige Momente», resümiert René Dätwiler. Man war im guten wie im schlechten Sinn abhängig vom allgemeinen Konjunkturverlauf, geblieben ist aber die bunte Mischung der Kundschaft, die sich im «Sevilla» von jeher getroffen hat.

Dazu gehörten der «Haldenbaron» Röbi Achermann, Toni Taddei oder der Journalist Gustav Aeschbach ebenso wie Hans Bürgi (mit seiner Handorgel) oder Kari Bettenmann, der sich ab und zu an das (längst verschwundene) Klavier setzte.

Zu den «Frequenzbringern» zählten aber auch der Stadtpfarrer Viktor Hüssy, der frühere SP-Politiker Josef «Sepp» Kälin, der heutige Politexperte Claude Longchamp oder die Künstlerkolonie vom Ziegelrain.

Zu Beginn der Ära Dätwiler trank der Gast vorwiegend günstigen Rotwein (Algerier, Kalterer oder Magdalener) aus dem grünen Römerglas, heute werden «offene Weine mit Flaschenqualität» bevorzugt.

Natürlich gab es auch im «Sevilla» eine Hack- oder Rangordnung. Jüngere Gruppen liessen sich im «Säli» (das nur aus einem einzigen grossen Tisch besteht) nieder, bestandene Gäste durften privilegiert am runden Stammtisch vor dem Buffet Platz nehmen.

Später kam mit dem Umbau der Altstadtgassen eine Gartenwirtschaft hinzu. Höhepunkte im Geschäftsleben waren laut René Dätwiler die legendären «Sevilla-Metzgeten» oder Silvesterfeiern.

Und auch in der Fasnachtszeit ging es damals im Lokal noch hoch zu und her. «Wir hatten eine eigene Guggenmusik und eine demontable Bar, die noch im Keller lagert und jetzt entsorgt wird», schwelgt René Dätwiler in Erinnerungen.

Warnung vor den Ordnungshütern

Zu den treuen «Sevillanern» zählt Lehrer Ewald Boss, der die Ära Dätwiler-Maurer hautnah erlebt hat. «Sie waren als Ansprechpersonen immer für alle da, mancher konnte bei einem Glas sein Herz ausschütten.»

Der Wirt sorgte nicht nur für Ordnung in der Gaststube, sondern auch dafür, dass die Polizeistunde peinlich genau eingehalten wurde. Näherten sich die Ordnungshüter auf ihrer Runde um Mitternacht dem Eingang, so rief er jeweils als Warnung «Sie chöme, sie chöme», was von jedermann verstanden wurde.

Und nicht selten brachte der Wirt auch einen Gast, der über den Durst getrunken hatte, persönlich nach Hause.

Abschied von einer Kult-Gaststätte

Nun ist nach vier Jahrzehnten also Zeit für den Abschied. «Wir realisieren den Einschnitt noch nicht ganz, werden unsere Arbeit aber sicher vermissen», fasst Annalis Dätwiler die Kehrausstimmung zusammen.

Die Dätwilers bleiben aber auch im Ruhestand in Aarau und werden an der Bahnhofstrasse eine Wohnung beziehen. Sie haben nun auch mehr Zeit für ihr «Refugium» im welschen Jura, das ihnen seit 1990 als gemütliche Oase der Ruhe und Erholung dient.

In die leise Wehmut mischt sich aber auch Dankbarkeit für die Pflege einer Gaststätte, die weit über Aarau hinaus längst Kult geworden ist.