In Seengen wird 2017 das Seniorenzentrum «Casa Hubpünt» mit 26 Pflegeplätzen und 40 Alterswohnungen eröffnet. Wer hier eine Wohnung mietet, lebt selbstständig und kann bei Bedarf kostenpflichtige Dienste beziehen.

Senioren sollen damit so lange wie möglich für sich selbst sorgen können. Schwinden die Kräfte, kann in die Pflegeabteilung des Zentrums gewechselt werden. Dieses sogenannte «betreute Wohnen» ist laut Experten in Zeiten der Überalterung die Zukunft.

Anders als die meisten Seniorenzentren wird die «Hubpünt» aber von einem gewinnorientierten privaten Unternehmen geführt und nicht von einer Stiftung, Genossenschaft oder einer anderen gemeinnützigen Trägerschaft.

Die Einwohnergemeinde und die ortsansässige Chestonag Automation AG realisieren das rund 20 Millionen teure Seniorenzentrum über eine gemeinsame Aktiengesellschaft und vermieten diese an die Sensato AG. Das Unternehmen wird die «Casa Hubpünt» auf eigene Rechnung betreiben und rund 30 Angestellte beschäftigen.

Seengen hat sich nach jahrelanger Planung bewusst für diese private Lösung entschieden. «Der Betrieb eines Alterszentrums gehört nicht zu den Kernaufgaben einer Gemeinde», sagt Ammann Jörg Bruder. «Wir haben deshalb entschieden, den Betrieb auszulagern und als Vermieter die Rahmenbedingungen mitzubestimmen.»

Drei neue Häuser in der Region

Seengen ist nicht die einzige Gemeinde mit einem gewinnorientiert geführten Seniorenzentrum. Anfang Juni ist im neuen Lenzburger Quartier «Im Lenz» ein Wohn- und Pflegezentrum mit 70 Pflegebetten und 43 angeschlossenen Alterswohnungen eröffnet worden. Geführt wird dieses von der Seniocare AG, die schweizweit 28 solche Häuser betreibt.

Ein weiteres privates Zentrum mit 28 Alterswohnungen und 24 Pflegeplätzen ist in Meisterschwanden geplant. Die «Casa Hüetli» wird ebenfalls von Sensato geführt.

Gebaut wird das Zentrum von einer Aktiengesellschaft, an der sich Einwohnergemeinde, Ortsbürger und einheimische Investoren beteiligen.

«Wir haben auch eine Genossenschaft als Träger diskutiert, doch das lässt sich nicht finanzieren», sagt Gemeindepräsident Ueli Haller. «Die Baukosten von rund 18 Millionen Franken sind ein grosser Brocken. Eine Lösung mit einer Vermietung, die Mietzinseinnahmen bringt, ist die beste Lösung.»

Mit dem Alter Geld verdienen

Damit erhält die Region Lenzburg-Seetal gleich drei Seniorenzentren, die nicht gemeinnützig betrieben werden. «Ich denke, dass vermehrt Private diese Aufgabe von den Gemeinden übernehmen», sagt Jörg Bruder in Seengen.

Eine Zunahme von privaten Seniorenzentren beobachtet auch Hans Dössegger. Der SVP-Grossrat aus Seon ist Präsident der Gesundheitskommission und präsidiert die Vereinigung Aargauischer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen (Vaka).

«Private Seniorenzentren sind eine neue Erscheinung», sagt Dössegger. Das bestätigt André Rotzetter (CVP) aus Buchs, ebenfalls Mitglied der grossrätlichen Gesundheitskommission und des Vaka-Zentralvorstands. «Firmen haben realisiert, dass man mit dem Alter Geld verdienen kann.»

Geld verdienen. Das ist das primäre Ziel der Firmen. Sind private Angebote deshalb automatisch teurer? Vergleiche sind schwierig, die Angebote unterscheiden sich stark. Mit mindestens 2550 Franken für eine Alterswohnung mit zweieinhalb Zimmern (3½ Zimmer rund 3500 Fr.) ist die «Casa Hubpünt» auf den ersten Blick einiges teurer als Alterswohnungen in anderen Pflegeheimen. Das laut Sensato «preiswerte Angebot», das sich an «alle Einkommensschichten» richtet, stösst deshalb auf Kritik: «Das kann ich mir nicht leisten», sagt ein älterer Seenger.

Auch die Tarife in der Pflegeabteilung der «Casa Hubpünt» sind hoch: Die Grundtaxe für Hotellerie (Kost und Logis) bewegt sich um 150 Franken pro Tag, jene für die Betreuung um 62 Franken. Denn bei diesen beiden Taxen, die aus dem eigenen Portemonnaie bezahlt werden, haben Pflegeheime Spielraum. Die Pflegekosten dagegen sind vom Kanton fixiert.

«Man muss Vollkosten rechnen»

Heisst privat also teurer? «Nein», sagt Sensato-Geschäftsführer Guido Reber. «Im Preis für die Alterswohnungen sind alle Nebenkosten sowie Abfallentsorgung, Hauswartung, Telefon, Radio/TV und Internetanschluss mit dabei.» Im Mietzins inklusive sei ein 24-Stunden-Notruf und die Bewohner können interne Veranstaltungen des Zentrums besuchen. «Unser Team unterstützt Senioren zudem kostenlos, wenn sie bei kleinen Dingen des Alltags Hilfe brauchen.» Beim Ausfüllen von Formularen etwa, oder bei kleinen Reparaturen. «Rechnet man alles zusammen, sind 2500 Franken für eine Wohnung mit zweieinhalb Zimmern günstig.»

Gemeinnützige Pflegeheime, die günstiger sind, haben laut Reber zudem oftmals andere Voraussetzungen. Eine bereits abbezahlte Infrastruktur zum Beispiel, eine Defizitgarantie der Gemeinde, Spenden – oder Leute aus dem Dorf, die freiwillig im Café mit anpacken. «Macht man hier eine Vollkostenrechnung, sind wir nicht teurer.»

«Finanziell an der Grenze»

Dennoch werden nicht vermögende Senioren die eher gehobeneren Angebote von Sensato mit Inklusivleistungen kaum bezahlen können. Der Seenger Ammann Jörg Bruder relativiert: «Die ‹Casa Hubpünt› ist ein zusätzliches Angebot, das von der Bevölkerung so gewünscht wurde.» Die Gemeinde habe zudem weiterhin Pflegeplätze im Alters- und Pflegeheim Unteres Seetal in Seon. Alterswohnungen biete auch der Seenger Altershilfeverein an. «Die Bevölkerung hat also immer noch eine Auswahl.»

In Meisterschwanden waren die «Sensato»-Tarife in den ersten Phasen der Planung immer wieder Thema. «Für einige Leute sind diese finanziell sicher an der Grenze», sagt Gemeindepräsident Ueli Haller. «Für Meisterschwanden ist diese Lösung aber die beste.»

Ist das die Zukunft? Setzen jetzt immer mehr Gemeinden auf Seniorenzentren, die gewinnorientiert statt gemeinnützig betrieben werden? Experten glauben das nicht. «Der Anteil privat betriebener Pflegeheime wird sich irgendwo einpendeln, wie das bei der Akutversorgung mit den Privatspitälern geschehen ist», sagt Vaka-Präsident Hans Dössegger. «Die privaten Anbieter stehen zudem untereinander und mit gemeinnützigen Häusern im Wettbewerb». Dössegger hat keine Vorbehalte gegenüber privaten Anbietern im Pflegebereich, gibt aber zu bedenken: «Mit mehr Alterswohnungen soll eigentlich erreicht werden, dass mehr Senioren so lange wie möglich selbstständig bleiben können. Werden die Wohnungen zu teuer, kann das die Bemühungen behindern.»