Wahlen 2019

«Wir verlieren zu viel Zeit mit Kleinigkeiten»

Mirjam Kosch hat sich fürs Foto das Eniwa-Kraftwerk in Aarau ausgesucht.

Die Aarauerin Mirjam Kosch ist Expertin für Umweltpolitik und will für die Grünen in den Nationalrat.

Das nennt man gutes Timing: Just in dem Jahr, in dem Klimapolitik in der Öffentlichkeit so präsent ist wie noch nie, will Mirjam Kosch (34) für die Grünen in den Nationalrat. Die Aarauer Umweltökonomin arbeitet beim Zentrum für Energie und Umwelt der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und ist Expertin für erneuerbare Energien.

Sie analysiert zum Beispiel, wie Emissionshandel und Strommarkt zusammenhängen. Und sie ist schon lange politisch aktiv, aktuell als Präsidentin der Grünen Stadtpartei.

Beim Gespräch mit Mirjam Kosch wird rasch klar, dass sie nicht in die Ecke der Hardcore-Grünen gehört. «Ja, ich esse Fleisch, und ja, ich fliege ab und zu auch in die Ferien. Viel wichtiger als über persönliche Lebensstile zu reden ist aber, dass wir endlich konsequente Klimapolitik machen.»

Immerhin hat sie kein Auto: «Mein SBB-Generalabo rentiert sehr», sagt Kosch lachend. «Ich hätte auch überhaupt keine Lust, mit dem Auto an meinen Arbeitsort in Winterthur zu pendeln.»

Man könnte sich Kosch auch bei den Grünliberalen vorstellen. Aber: «Ich bin ziemlich links, befürworte zum Beispiel eine liberale Asylpolitik und einen ausgebauten Sozialstaat. Da ist mir das Spektrum in der GLP zu breit. Doch, ich bin bei den Grünen schon richtig.»

Und: Die grüne Politik wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Schon ihre Mutter sass für die Grünen im Zürcher Kantonsrat.

Die Eltern sind Theologen, aber «sehr progressiv»

Aufgewachsen ist Mirjam Kosch in Rüschlikon ZH. Ihre Eltern sind Theologen, katholisch. «Aber sehr progressiv, etwa bei Fragen der Homosexualität. Und als ich ein Baby war, arbeitete meine Mutter auswärts, während der Vater zu Hause seine Dissertation schrieb und sich um mich kümmerte. Damals war das schon ziemlich modern.»

Zwar ist Kosch in einem gläubigen Umfeld aufgewachsen, selber sei sie in der Kirche aber «nicht wahnsinnig aktiv». Nach Aarau kam Mirjam Kosch, weil ihr Partner hier wohnt – und sie brachte dafür ein Opfer: Denn Kosch wäre auf dem ersten Ersatzplatz für den Zürcher Kantonsrat gewesen.

Etwas gab die Grüne aber nicht auf: «Ich spiele immer noch Geige im Kammerorchester Thalwil. Davon bin ich nicht wegzubringen.»

Kosch hat an der ETH Umweltnaturwissenschaften studiert. Danach arbeitete sie in der Umweltberatung und kurz in der Entwicklungszusammenarbeit. Dabei beschäftigte sie sich damit, wie sich Kleinbauern in Südamerika an veränderte klimatische Bedingungen anpassen müssen; gab Workshops für Bauern in Guatemala, Brasilien, Kolumbien.

«Schon damals habe ich sehr direkt gesehen, wie sich der Klimawandel auswirkt», sagt die Grüne. Später doktorierte sie an der ETH, blieb dem Klimathema treu. Sie evaluierte die Klimapolitik im Stromsektor.

«Was hat die Förderung von erneuerbaren Energien gebracht? Wie viele Emissionen wurden eingespart und was hat das gekostet? Wie kann ich eine gute Umweltpolitik designen?» – Das sind ihre Forschungsfragen, darin kennt sie sich aus, damit will Mirjam Kosch im Nationalrat Einfluss nehmen.

Zum Beispiel: «Beim Strom halte ich es für sinnvoll, internationale Kooperationen anzustreben. Das Windpotenzial ist in Norddeutschland nun mal höher als im Jura, und in Spanien das Solarpotenzial grösser als bei uns. Wir waren noch nie stromautark und werden es auch nie werden.»

«Das hätte schon vor zehn Jahren passieren sollen»

Der Aufschwung der Klimapolitik, das plötzlich in allen Schichten aufkommende Bewusstsein für den Klimawandel – dies alles erstaunt Kosch.

«Natürlich finde ich es gut. Aber mal ehrlich: Das hätte schon vor zehn Jahren passieren sollen, die Erkenntnisse sind im Grundsatz ja nicht neu. Warum jetzt? Was hat das Fass für die breite Bevölkerung zum Überlaufen gebracht?»

Manchmal, so findet sie, würden Prioritäten völlig falsch gesetzt. «Wir verlieren zu viel Zeit mit Kleinigkeiten; mit Massnahmen, die nicht effektiv sind. Ganz allergisch bin ich zum Beispiel auf die Plastiktrinkröhrli-Diskussion. Wir müssen uns fragen: Was sind die wichtigen Probleme? Wie können wir die Pariser Klimaziele erreichen, welche Politikinstrumente sind auch ökonomisch sinnvoll? Mir ist die Klimapolitik in der Schweiz im Moment noch zu konzeptlos.»

Bei den Nationalratswahlen geht Mirjam Kosch von Listenplatz 4 ins Rennen, hinter der Bisherigen Irène Kälin, Ständeratskandidatin Ruth Müri und Grossrätin Kim Schweri. Aber vor weiteren Grossräten, Stadträtinnen, Fraktionspräsidenten.

Die Chancen auf einen Sitz sind zwar überschaubar. Aber von Mirjam Kosch wird man ohnehin noch hören. Derzeit ist sie auf dem ersten Ersatzplatz für den Grossen Rat, könnte nachrutschen, falls Hansjörg Wittwer (66, seit 2003 im Amt) vor den nächsten Wahlen zurücktritt.

«Wenn es mit dem Nationalrat nicht klappt, möchte ich auf jeden Fall wieder bei den Grossratswahlen 2020 antreten», sagt sie.

Stadion und Mitteldamm als Herausforderungen

Lokal hat Mirjam Kosch über das Parteipräsidium hinaus keine Ambitionen, verfolgt das Geschehen aber genau. Zumal die Grünen bei zwei aktuell heissen Eisen gespalten sind: beim Stadion Torfeld Süd und beim Eniwa-Mitteldamm.

«Beide Themen sind Herausforderungen für mich als Parteipräsidentin. Gerade der Mitteldamm: Aufenthaltsqualität und Biodiversität stehen grösseren Erträgen bei der Wasserkraft gegenüber, innerhalb der Partei gibt es hier sehr unterschiedliche Haltungen.»

Und was denkt sie selber, soll der Mitteldamm oberhalb des Eniwa-Wasserkraftwerks entfernt werden? «Wenn dadurch wirklich viel zusätzlicher Strom generiert werden kann – dann ja.» Und sagt sie Ja zum Stadion? «Aus ökologischer Sicht gibt es sowohl gute Gründe für als auch gegen das Projekt Torfeld Süd. Ich selber weiss noch nicht, wie ich abstimmen werde.»

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