Wir sind so ultra gesund. Das ist unsere Sucht, die Lebenseinstellung unserer Generation. Unsere Eltern waren Punks, da lagen wahrscheinlich etwa gleich viele Heroinspritzen am Platzspitz herum, wie heute Avocados in der Gemüseabteilung. Unsere Grosseltern waren Hippies, sie kifften sich die Birne zu und praktizierten viel Liebe. Und unsere älteren Geschwister waren Emos, diese schwarz geschminkten Kids, sie ritzten um die Wette und dachten, die ganze Welt wäre gegen sie. Und was sind wir? Wir sind #sofuckinghealthy, wir müssen der ganzen Welt in unseren Instagram-stories zeigen, dass wir gesund leben, Quinoa essen, ins Fitness gehen und auf Alkohol verzichten. Vodka Red Bull ist out. In sind Ingwer, Açai, oder Gojibeeren. In sind Low Carb und Detoxsmoothies, nicht mehr Komasaufen.

Deshalb wird jetzt ja aus dem 3. Stock auch das Max-Moriz. Ein veganes Restaurant. Das erste in Aarau, erst das zweite im ganzen Kanton. Ein Freund von mir, der in Zürich lebt, meinte, er wisse nicht, ob ein veganes Restaurant in diesem «hinterwäldlerischen» Aargau funktionieren kann. Ähm, ok ... Ich finde, es wird höchste Zeit. Ist doch schön, wenn auch wir in Aarau mit dem Trend gehen. Wir haben lange genug gewartet. Und nur weil ein Restaurant vegan ist, heisst es ja nicht, dass nur Veganer dort hingehen können.

Smoothies trinken auch meine überzeugten fleischessenden Freunde gerne. Auch sie knipsen die Smoothies ab und posten ein #healthylifestyle-Foto. Ich esse auch Fleisch und Milchprodukte. Aber ich finde die vegane Einstellung gut. Oder sagen wir, ich finde diese Lebenseinstellung besser als die unserer Grosseltern, Eltern oder Geschwister. Das ist unsere Zeit und alle, die denken, diese vegane Scheisse und dieses sportliche Getue sei Schwachsinn, und nur weil es Trend ist, müsse es nicht unbedingt gut sein: Ich sage, weil es Trend ist, muss es nicht schlecht sein. Manchmal ist es sogar im «hinterwäldlerischen» Aargau an der Zeit, mit dem Strom zu schwimmen. Sobald wir drin sind, läuft es von selbst.

Auf Facebook wird die Ankündigung vom Max-Moriz heiss diskutiert. Am lautesten sind die Gegner. Die Vegan-Hater. «Mangelernährung», «Bullshit», «Aarau wird noch zu einem Kurort» «Scheiss Hipster-Restaurant» und so weiter. Eigentlich super für die Eröffnung vom Max-Moriz oder? Endlich wieder einmal etwas, worüber man spricht in unserer Stadt. Etwas, das die Leute beschäftigt. Entweder sie lieben es – oder sie hassen es.

Ich freue mich darauf, und ich freue mich auf die vielen Instastories mit Smoothiebowls und veganem Foodbuffet.

An alle, die mit solchen Veränderungen nicht klarkommen: Seid doch einfach froh, befassen sich eure Kinder mit Fragen wie: «Woher kommt die Avocado?» Und nicht mit: «Wie schneide ich mir meine Pulsadern so auf, dass es möglichst böse aussieht, ich aber nicht verblute?»