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Wir sind aufeinander angewiesen: Das Bedürfnis nach Quartiertreffpunkten wird grösser

Nach dem Aarauer Scheibenschachen wird nun auch im Gönhard der Wunsch nach einem Quartiertreff laut.

Katja Schlegel
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Der Quartierverein Gönhard klärt aktuell ab, ob ein Quartiertreff in einem Raum im «Haus der Musik» möglich wäre. Eine Petition aus dem Scheibenschachen bittet den Stadtrat, das Zwinglihaus zu kaufen und daraus ein GZ zu machen. Das GZ Telli, getragen von Einwohnergemeinde, Ortsbürgern, Kirchgemeinden (ref. und kath.), Kanton und Hausbesitzern.
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Eine Petition aus dem Scheibenschachen bittet den Stadtrat, das Zwinglihaus zu kaufen und daraus ein GZ zu machen.
Das GZ Telli, getragen von Einwohnergemeinde, Ortsbürgern, Kirchgemeinden (ref. und kath.), Kanton und Hausbesitzern.

Der Quartierverein Gönhard klärt aktuell ab, ob ein Quartiertreff in einem Raum im «Haus der Musik» möglich wäre. Eine Petition aus dem Scheibenschachen bittet den Stadtrat, das Zwinglihaus zu kaufen und daraus ein GZ zu machen. Das GZ Telli, getragen von Einwohnergemeinde, Ortsbürgern, Kirchgemeinden (ref. und kath.), Kanton und Hausbesitzern.

ksc Bild: ksc Bild: ksc

Manche sehen sich nie, andere tagtäglich. Die einen trennt eine Gipswand, die anderen eine Parkanlage, die einen teilen sich ihr Essen, die anderen könnten sich Gift geben. Wie auch immer: Nachbarn sind wir alle.

Eine gute Nachbarschaft ist wichtig. In den letzten Monaten hat sich gezeigt, wieso. Kein Wunder, keimen da in Aarau an verschiedenen Orten Ideen für einen Nachbarschaftstreffpunkt, für ein Quartierzentrum.

Gestern ist die Petition für ein Gemeinschaftszentrum (GZ) im Scheibenschachen erfolgreich abgelaufen, unterzeichnet von 306 Personen. Die Petitionäre bitten den Stadtrat, das zum Verkauf stehende Zwinglihaus (es gehört der Reformierten Kirche Aarau) zu übernehmen und dem Quartier als GZ zugänglich zu machen. Ebenfalls in diesen Tagen hat der Quartierverein Gönhard eine Online-Umfrage aufgeschaltet, in der Bedürfnisse und Ideen gesammelt werden, wie ein Quartiertreff aussehen könnte.

Bei den einen ist es Enge, bei anderen die Distanz

So ähnlich die Idee, so unterschiedlich die Ausgangslage: Während im Scheibenschachen und in der Aarenau mitunter das (zunehmend) enge Miteinander zu Problemen führt, für die ein GZ auch vorbeugend oder als Ort der Vermittlung dienen soll, sind es im Gönhard im Gegenteil die grossen Gärten und die Anonymität, die den Wunsch nach einem Quartiertreff stärken. «Wir leben im Gönhard privilegiert, haben wunderbare Gärten», sagt Peter Jann, Präsident des Quartiervereins und GLP-Einwohnerrat. Aber genau das mache es manchmal schwierig, neue Bekanntschaften zu schliessen. Auch nach Jahren gebe es Nachbarn, die sich noch nie gesehen haben.

«Wir hören immer wieder, dass das Bedürfnis nach ungezwungenen Treffen sehr gross ist», sagt Jann. Ein Ort gegen Anonymität, gegen Einsamkeit. Ein Ort für Alle, Jung und Alt, für Kultur, Gesellschaft, Kurse und das Knüpfen neuer Bekanntschaften. «In der Kleinräumigkeit der Quartiere liegt die Zukunft», ist Jann überzeugt. «Aber dafür braucht es Kontakte und Vertrauen.»

Die Idealvorstellung wären Räumlichkeiten, die sich für das «Zusammensein» eignen, analog den Nachbarschaftshäusern in Suhr. Ein Raum für ein erstes Ausprobieren wurde bereits gefunden: Im «Haus der Musik» beim Müller-Brunner-Gut (Gönhardgüter) könnte der Quartierverein vielleicht einen Raum mieten, der laut Jann zwar nicht alle Vorstellungen erfüllt, aber ein guter Start wäre. Die Gönhardgüter gehören der Stadt, im «Haus der Musik» daheim sind unter anderem die Pfadi Adler sowie die Schweizerische Chorvereinigung, der Verband Aargauer Musikschulen oder das Nationale Jugendblasorchester. Einen künftigen Quartiertreff würde der Quartierverein autonom betreiben. Die Miete dürfte allerdings nicht allzu hoch sein, so Jann.

Ob und in welchem Umfang bei den Quartierbewohnern das Bedürfnis nach der Nutzung des verfügbaren Raums besteht, welche Angebote darin möglich sind und ob der Quartiertreff bald ein erstes Mal seine Türen öffnet, wird sich je nach Ausgang der Umfrage zeigen – und je nach Entgegenkommen der Stadt. «Wir haben bereits über 40 Rückmeldungen», sagt Jann. Trotzdem lasse man die Umfrage noch zwei, drei Wochen laufen, um sie noch breiter abzustützen. «Die Idee muss wachsen, es ist ein Experiment.»

Noch einige Hürden mehr haben die Scheibenschächeler mit ihrer GZ-Idee vor sich: Angedacht ist eine professionell geleitete, sozio-kulturelle Anlaufstelle für alle Generationen. Die Raumfrage ist mit dem Zwinglihaus skizziert, aber längst nicht geklärt. Auch die Finanzierung dürfte noch viel zu reden geben.

Wie der Stadtrat der Idee eines GZ im Scheibenschachen gegenübersteht, wird sich zeigen. Er wird in den nächsten Wochen nicht nur die Petition beantworten, sondern auch die Anfang November eingereichte Anfrage der SP-Einwohnerräte Laszlo Etesi und Ursula Funk (unter dem Titel «Quartierentwicklung Scheibenschachen: Quo vadis?»). Ein gewisses Interesse der Stadt am Gebäude ist zumindest vorhanden, ein erster Kaufversuch scheiterte aber 2018 an den unterschiedlichen Preisvorstellungen von Stadt und Kirchgemeinde.

Hausbesitzer zahlen auch an das GZ Telli

Die Idee eines GZ ist für Aarau natürlich nicht neu: Beim Bau der Telli-Siedlung war ein solches Zentrum Bestandteil des Gesamtkonzepts. Damals hiess es: «Das Gemeinschaftszentrum dient der Pflege der zwischenmenschlichen Beziehungen unter den Bewohnern. An diesem Zweck hat sich bis heute nicht viel geändert. Heute bietet das siebenköpfige GZ-Team (Leitung Andreas Feller) verschiedenste Projekte an und gibt gemeinsam mit dem Quartierverein die «Tellipost» heraus. Das GZ verfügt über diverse Räume, eine Disco und eine Kegelbahn, die von Dritten gemietet werden können.

Getragen wird das GZ (eröffnet 1974) von Einwohner- und Ortsbürgergemeinde, von der reformierten und römisch-katholischen Kirche, vom Kanton sowie von verschiedenen Eigentümern der Überbauung. Die Beiträge der Träger belaufen sich auf gesamthaft 255000 Franken pro Jahr. Davon tragen 185000 Franken die Einwohnergemeinde, 26000 Franken die Ortsbürger, je 18000 Franken die Kirchen, 8000 Franken der Kanton. Weiter leisten die Hauseigentümer der «Mittleren Telli» einen Beitrag von 63000 Franken (entspricht 50 Franken pro Wohnung).

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