Aarau

«Wir schauen aufeinander» – die Biertrinker vom Bahnhofplatz

«Wir schauen besser zu uns, als der Staat das tut», meint der 48-jährige Diabolo. Sie gehören zum Bahnhof Aarau wie die roten Tulpensitze: Die Randständigen erzählen ihre Geschichten offen und heissen jeden willkommen.

Es sind nur wenige Meter vom Ausgang des Bahnhofgebäudes in Aarau bis zu den Bussen. Auf diesen Metern treffen sie sich regelmässig: die arbeitnehmende Bevölkerung und die Randständigen. Die einen kommen schnellen Schrittes, meist eine Tasche in der Hand, sie haben immer ein Ziel. Die anderen sitzen da, meist eine Bierdose in der Hand, ihr Ziel verlieren sie immer wieder aus den Augen.

Sie mustern sich gegenseitig. Auch Hansruedi (Name geändert) betrachtet die Leute. Maler hat er gelernt, jetzt ist er 51 Jahre alt, HIV-positiv und bezieht IV. Er sitzt oft hier und schaut. «Ich überlege mir, was das für Leute sind, die vorübergehen. Ich achte auf ihre Ausstrahlung. Ich habe selber genug lange Psychotherapie gemacht», sagt er.

Viele sind besser angezogen als er, manche blicken abschätzig, manche mitleidig, viele gleichgültig. Gerade jetzt kommen sie mit Koffern aus dem Bahnhof hinaus, sie haben in den Ferien das In-den-Tag-Leben geübt.

Hansruedi war vor sechs Jahren das letzte Mal in den Ferien: Italien, bezahlt von Pro Infirmis. Hier in Aarau kennt er die Szene wie nicht viele andere. 17 Jahre ist er dabei, im Kasinopark und am Bahnhof. 25 bis 30 Personen aus der Szene seien in dieser Zeit gestorben, sagt er. «Drogen haben sie schon auch genommen, aber gestorben sind die meisten am Wodka.»

Selber ist er lieber hier am Bahnhof als in der Innenstadt. Zu oft werde er dort von der Polizei kontrolliert. «Einmal nahmen sie mich vor dem Coop auseinander, vor allen Leuten. Das macht das Image kaputt», sagt er.

Hier ist man unter seinesgleichen

Ein Mädchen, fünf vielleicht, trötet in einen Verkehrspylon beim Bahnhofeingang. Es gehört Eltern, die sich manchmal auch hier aufhalten. «He, e chli mehr Ruhe!», schreit ein Biertrinker von der anderen Seite über den Platz.

Man kennt sich hier. Man begrüsst sich. Teenager, über 50-Jährige, solche mit Arbeit, viele ohne, viele Alkoholiker. Hansruedi sagt zwar: «Ich habe die Schnauze voll von den Leuten hier.» Aber er kommt doch fast jeden Tag auf den Bahnhofplatz. Manchmal erst abends, wenn ihn die Müdigkeit lange im Bett gehalten hat.

Warum kommen die Randständigen hierhin? «Weil's sonst keinen Ort gibt», sagen viele. «Weil es zentral ist und etwas läuft», sagen die Jüngeren. Hansruedi sagt beim zweiten Treffen: «Die normalen Leute wären mit meinen Geschichten überfordert. Wenn sie mehr Verständnis dafür hätten, wäre es einfacher für mich, mich von diesem Ort zu lösen.»

So aber komme er halt hierher. Zu denen, welche die traurigen Geschichten nicht schockiert, weil sie selbst genug erlebt haben. Die Jungen am Platz aber warnt Hansruedi. «Ich sag denen, wie wichtig eine Lehre ist, ein Diplom und dass das hier keine gute Gesellschaft ist.»

Abgebrochene Lehre, schwanger

Viele der Jungen sind Punks. «Melden Sie mich bei der IV an!», schreit einer an einem Nachmittag unter dem Dach des Bushof in sein Telefon, «ich habe ein Anrecht darauf. Was soll ich sonst essen!» 21 Jahre alt ist er.

Zwei Tage zuvor hatte er erzählt, er sei gelernter Bäcker, aber er wolle Lastwagenchauffeur werden wie sein Vater. Bloss habe die letzte Bewerbung wegen eines Missverständnisses nicht geklappt.

Die meisten seiner Kollegen sind arbeitslos, aber nicht alle. Andreas, blaue Haare über der Stirn, ist Koch in einem bekannten Altstadt-Restaurant. Er sei wegen der guten Stimmung hier, sagt er.

Die 17-jährige Sämi, Kopftuch, Kopfhörer, kommt aus Biel regelmässig hierher, weil ihre Freunde hier sind. Ihre Kollegin ist gleich alt. «Cat» hat die Metzgerlehre abgebrochen und ist schwanger.

«Ich habe sofort das Bier hingestellt und den Joint weggeworfen, als ich es erfahren habe», sagt sie. Nur beim Rauchen ist sie geblieben, sie sei eine zu starke Raucherin, der Entzug wäre nicht gut gewesen.

Heute hat sie Werbeartikel von ihrer Lieblings-Zigarettenmarke für alle Freunde ergattert: Kopfhörer. Sie ist gut drauf. «Wir sind hier, weil wir sind, wie wir sind», sagt sie, «durchgeknallt, aber wir schauen aufeinander.»

Richi weiss, wie es läuft

Am nächsten Tag ist die gute Laune weg. Cat geht grusslos vorbei. Das Wetter ist regnerisch. Die meisten Randständigen sitzen unter dem Vordach des Bahnhofs. Einer ist auch wieder da, nennen wir ihn Richi, zu dem tritt oft jemand: 

Eine junge, hübsche Frau, aber die Zähne zu Stummeln verfault, bittet ihn, von seinem Natel ihren Chef anrufen zu dürfen. Als Landschaftsgärtnerin arbeitet sie, sagt sie. Eine andere Frau beschwört ihn, die 10 Franken, die er ihr geliehen habe, kriege er in zwei Wochen, versprochen.

Einer will eine Zigarette. «Er ist ein Idiot», sagt Richi. «Ich habe ihm schon das Taxi ins Spital bezahlt und dann den Arztbericht gesehen. Seine Leber ist am Versagen, er hat chronische Hepatitis, aber was macht er? Er füllt sich jeden Tag die Lampe. Sein Rucksack ist voll mit Bierdosen, das Erbe seines Vaters hat er versoffen.»

Er selbst, sagt Richi, habe seinen Bierkonsum im Griff. Er komme hierher, weil er ohnehin im Bahnhofgebäude in die Physiotherapie müsse.

Die medizinische Versorgung ist nah, seit das Kantonsspital hier eine Notfallpraxis eröffnet hat. «Am Anfang kamen öfters alkoholisierte Personen dorthin», sagt Andrea Hopmann, Sprecherin des KSA. «Danach nahm die Zahl kontinuierlich ab.» Warum das so ist, könne man nicht genau sagen. «Vielleicht hat es damit zu tun, dass diesen Patienten grundsätzlich keine Beruhigungsmittel verschrieben oder abgegeben werden.»

Drogen versteckt konsumiert

Aber es geht auf dem Bahnhofplatz, auf den roten Sitzbänken und den Tulpensitzen, nicht nur um Alkohol. Auch um Drogen. Laut der Kantonspolizei gibt es keine offene Drogenszene. Aber: «Etliche dieser Randständigen konsumieren Drogen wie Heroin», sagt Bernhard Graser von der Kapo.

«Einzelne betätigen sich als Kleindealer, um den Konsum zu finanzieren.» Hansruedi kennt die Treppe, wo manchmal Spritzen herumliegen. Richi sagt: «Die Polizei weiss, wer Gift im Sack hat. Wenn sie kommt, verreisen die wie die Wespen, weil sie Angst haben, reingenommen zu werden.»

Hansruedi, selber eine Drogengeschichte hinter sich, findet, in Aarau fehle eine Anlaufstelle, eine, wo man für wenig Geld auch etwas zu beissen kriege. Nur im «Schärme», dem Haus des Blauen Kreuzes im Gönhard, gibt es donnerstags ein Znacht für drei Franken.

«Die Aarauer wollen nicht wahrhaben, dass es diese Szene gibt», sagt ein 25-Jähriger. Er ist psychisch krank. Wenn er, wie jetzt, eine Krise hat, ist er hier. Sonst bilde er als Lastwagenmechaniker Lehrlinge aus, sagt er. Er spricht von allen am Klarsten.

«Ich komme mit der Gesellschaft noch z’Schlag», sagt er. «Aber viele nicht mehr. Es gibt sie, das kann man nicht leugnen», sagt er. «Ein Stück weit gehören sie hierhin, denn sie sind Teil der Gesellschaft. Andererseits gehören sie nicht hierhin, weil man sie nicht sehen will. Aber wohin sollen sie? Warum gibt es in der Hauptstadt keine Drogenanlaufstelle wie in Brugg?»

Hier sitzen ist nicht verboten

Die Szene am Bahnhof gibt es schon lange. Aber seit die Tulpensitze da sind, fällt sie mehr auf. Die Polizei lässt die Leute gewähren, solange sie gegen kein Gesetz verstossen, nicht herumliegen, die Eingänge nicht blockieren.

Mindestens zweimal täglich patrouilliert die Stadtpolizei. «Im Moment ist es relativ ruhig am Bahnhof», sagt Toni von Däniken von der Stadtpolizei, «aber es ist ein Auf und Ab. Wird es schlimmer, machen wir mehr Druck.»

Die beiden Polizisten in zivil, die an einem Nachmittag vorbeikommen, sind locker drauf. «Grüezi miteinander», sagen sie, deuten auf die Bierdosen, «nehmt die dann mit». Die Anwesenden nicken.

«Die Leute hier sind anständig», findet der 25-jährige Lastwagenmech, «sie pöbeln niemanden an, sie machen den Leuten Platz. Höchstens läuft mal ein Bier aus.» Das regt dann Hansruedi auf. Wenn er mit klebrigen Schuhen nach Hause komme, versaue das seinen Laminatboten. «Ich bin der, der oft Schüfeli und Besen aus einem Laden holt, wenn auf dem Platz eine Flasche zerschellt.» Die grössten Abfallsünder seien die Eritreer, behauptet er.

Die Asylbewerber gehören auch zur Szene am Bahnhof. Schnell sind sie des Dealens verdächtigt. Aber Stadtpolizist Toni von Däniken sagt: «Viele halten sich wegen des Gratis-WLAN dort auf.»

Sonst ist auf dem Bahnhofplatz jeder willkommen. Wer will, findet schnell Anschluss. «Wir schauen aufeinander», sagt Diabolo, 48, ein Kollege vom Lastwagenmech. «Wir schauen besser zu uns, als der Staat das tut.»

Einer kommt in schnellen Schritten auf den Platz und ruft: «Hey Leute, unten wird gratis Pepsi verteilt!» «Ich muss jetzt mal ein Sandwich essen», sagt ein anderer, bleich im Gesicht, während ein dritter, nackter Oberkörper, Totenkopftattoo, im «Blick am Abend» blättert. Er deutet auf ein Foto: «Die ist süss, sie hat etwas Besonderes.»

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