Aarau
«Wir lassen es spriessen»: So geht dieses Aargauer Coiffeur-Paar mit dem temporären Berufsverbot um

Infolge der Corona-Krise bleiben seit Dienstag die Türen der Coiffeur-Salons geschlossen. Ein Aarauer Coiffeur-Paar erzählt, wie es damit umgeht und warum es verlockende Angebote nicht annimmt.

Nadja Rohner
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Samir und Nadia Iseini mit ihren Töchtern Layla und Malea sowie Hund Barney.

Samir und Nadia Iseini mit ihren Töchtern Layla und Malea sowie Hund Barney.

NRO

Am Montagabend ging es noch einmal rund. Bis gegen Mitternacht stand Samir Iseini in seinem Coiffeursalon „Die Keiler“ in der Aarauer Milchgasse, betreute Kunde um Kunde. „Mit gemischtem Gefühl“, sagt er. Denn Stunden zuvor hatte der Bundesrat bekannt gegeben, dass ab Dienstag Berufe, die einen engen Körperkontakt erfordern aber nicht medizinisch notwendig sind, vorerst nicht mehr ausgeübt werden dürfen.

Dazu gehören Coiffeure, Kosmetiker, Nagelstylisten, Fahrlehrerinnen. Und so absurd es kling: Die Aussicht, nicht mehr zum Coiffeur gehen zu dürfen, liess die Leute am Montag in Scharen noch zu ihrem Salon pilgern. „Ich musste nicht einmal einen Preis nennen – die Leute drückten mir ein grosses Nötli in die Hand und sagten “, berichtet Iseini.

Jetzt ist auch sein Salon zu. Obwohl das Samir und Nadia Iseini gleich doppelt trifft – das Ehepaar führt den Salon gemeinsam, es ist ihre einzige Einnahmequelle -, finden sie das völlig in Ordnung. Sicherheit und Solidarität geht vor. „Ich habe schon vor ein paar Woche mit strengen Hygienemassnahmen begonnen“, sagt Samir Iseini. „Damals hat man mich noch ausgelacht. Aber es gab da schon zwei Fälle in der Schweiz, bald einen im Aargau, und ich wollte auf keinen Fall der Coiffeur sein, bei dem sich alle anstecken.“

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Familie Iseini hält sich an das temporäre Berufsverbot. Obwohl seit Montagabend schon zahlreiche Angebote an sie herangetragen wurden. Samir Iseini: „Die Leute fragen, ob wir ihnen nicht zu Hause die Haare schneiden können, teilweise bieten sie sogar mehr Geld, als sie im Salon zahlen würden. Aber: Das können wir nicht machen. Das wäre nicht nur illegal, sondern auch unsolidarisch gegenüber der ganzen Bevölkerung und insbesondere gegenüber den anderen Coiffeuren, die sich an die Regeln halten und die später, wenn die Salons wieder aufgehen, auf Kundschaft angewiesen sind.“

Der Haar- und Bart-Spezialist betont, man müsse das beste aus der Situation machen: „In den nächsten Wochen lassen wir es einfach spriessen! Alle werden etwas wild aussehen – der Migros-Verkäufer, die Managerin, der Bundesrat an seiner Pressekonferenz. Das ist auch eine Chance. Niemand wird jetzt schräg angeschaut, wenn seine Frisur rausgewachsen ist. Die ideale Gelegenheit also, um nachher, wenn die Salons wieder offen sind, etwas ganz Neues auszuprobieren.“ Für die stylingmässig schwierige Übergangszeit, so findet er, „können wir Coiffeure problemlos auch per Videotelefon Tipps geben.“ Iseini plädiert sogar dafür, diesen Wildwuchs in den Sozialen Medien zu zelebrieren. So, wie etwa der Playoff-Bart oder der Schnauz im „Movember“: „Machen wir doch alle jetzt ein Foto von uns, dann eins am Ende der bundesrätlichen Massnahme und noch eins nach dem ersten Coiffeurbesuch.“

Die zwei Coiffeur-Unternehmer rechnen damit, dass es noch zwei oder drei Monate dauern wird, bis ein normaler Betrieb möglich ist. Weil gleich beide Einkommen wegfallen und sie als Selbstständige bisher keine Kurzarbeit anmelden konnten, ist das zwar ein Problem für die junge Familie. Aber: „Wie haben Vertrauen in die Politik, dass sie für KMU wie uns bald eine Lösung findet“, sagt Samir Iseini. Immerhin bleibe nun Zeit, um den seit 2014 betriebenen Salon im Hintergrund weiterzuentwickeln und als Familie zu entspannen: „Ich hatte seit einem Jahr keine Ferien mehr.“