Mordfall Gränichen

Willkür-Vorwurf vom Bundesgericht: Das sagen Aargauer Staatsanwaltschaft und Gerichte

«Im vorliegenden Fall handelte es sich um einen klassischen Indizienprozess», sagt Oberstaatsanwalt Daniel von Däniken (links im Bild; daneben: Gerichtspräsident Thomas Müller )

«Im vorliegenden Fall handelte es sich um einen klassischen Indizienprozess», sagt Oberstaatsanwalt Daniel von Däniken (links im Bild; daneben: Gerichtspräsident Thomas Müller )

Die Aargauer Oberstaatsanwaltschaft und die Gerichte haben das Urteil des Bundesgerichts im Mordfall Gränichen bereits gelesen. Die Staatsanwaltschaft zieht in Erwägung, neue Ermittlungen aufzunehmen.

Mehr als fünf Jahre, nachdem in Gränichen ein Mann erschossen wurde, hebt das Bundesgericht das Mordurteil gegen Zeljko J., den vermeintlichen Todesschützen, auf. 

«Die Vorinstanz verfällt in Willkür, wenn sie feststellt, dieser habe auf David M. geschossen», steht im Urteil aus Lausanne, das am Donnerstag publiziert wurde. Laut dem Bundesgericht gibt es keine Beweismittel, die «eine allfällige Täterschaft von Zeljko J. hinreichend belegen würden».

Das ist ein happiger Vorwurf. Was sagen die Aargauer Gerichte und die Staatsanwaltschaft dazu? Das Urteil aus Lausanne ist laut Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Aargau, diese Woche beim Obergericht eingegangen. «Das Obergericht hat den Freispruch zur Kenntnis genommen und wird sich nun eingehend mit den bundesgerichtlichen Erwägungen auseinandersetzen», sagt Payllier.

Zur heftigen Kritik des Bundesgerichts, das im Urteil einen willkürlichen Entscheid des Obergerichts rügt, hält die Sprecherin fest: «Es handelt sich um einen Fall, in dem einzig anhand von Indizien auf die Täterschaft oder Nichttäterschaft geschlossen werden konnte.»

Das Bundesgericht habe die Beweislage anders gewürdigt als das Obergericht und sei zu einem Freispruch gelangt. Aussergewöhnlich ist der Entscheid aber allemal: Ein anderer Fall, in dem das Bundesgericht ein Aargauer Urteil in einem Tötungsdelikt aufgehoben und den Beschuldigten freigesprochen habe, sei «soweit nicht ersichtlich», sagt Gerichtssprecherin Payllier.

Staatsanwalt: «Verfahren wieder auf Feld eins»

«Im vorliegenden Fall handelte es sich um einen klassischen Indizienprozess», sagt Oberstaatsanwalt Daniel von Däniken. Das Urteil aus Lausanne habe die Staatsanwaltschaft so zur Kenntnis genommen. «Wir stellen fest, dass das Bundesgericht die zahlreichen von der Staatsanwaltschaft in der Untersuchung zusammengetragenen Indizien anders gewürdigt hat als das Bezirksgericht Aarau und auch das Aargauer Obergericht», kommentiert von Däniken.

Verfahrensmässig befinde sich die Strafverfolgung nach dem Freispruch im Grunde genommen wieder auf Feld eins. Von Däniken erklärt: «Das bedeutet, dass wir vor einem
Tötungsdelikt mit unbekannter Täterschaft stehen. Selbstverständlich werde die Staatsanwaltschaft nun eine neue Lagebeurteilung vornehmen und prüfen müssen, «ob allenfalls gegen eine zum heutigen Zeitpunkt noch unbekannte Täterschaft wieder neue Ermittlungen aufzunehmen sind». 

«Knappe Begründung»

Thomas Müller war der Gerichtspräsident des Bezirksgerichts Aarau und 27 Jahre lang als Richter tätig. Er hat das Urteil des Bundesgerichts bereits gelesen. «Ich bin sehr überrascht», sagt er gegenüber «TeleM1». Überrascht hat ihn auch die knappe Begründung des Richter aus Lausanne. «Auf vier bis sechs Zeilen werde festgehalten, wieso es zur Verurteilung zum Mord nicht reicht.»

Keiner soll’s gewesen sein

Keiner soll’s gewesen sein

Richter Thomas Müller sprach Zeljko J. am Mord von Gränichen schuldig. Dass das Bundesgericht das Urteil revidierte, findet er ungewöhnlich.

Ob das Urteil für ihn nicht frustrierend ist? «Nein», antwortet Müller gelassen. Etwas beruhige ihn, ergänzt er. "Das Bezirksgericht fand, dass beide Angeklagten gleich behandelt werden sollen. Das war nach dem Urteil des Aargauer Obergerichts nicht mehr der Fall. Immerhin diese Gleichbehandlung ist nun wieder hergestellt." 

Verteidigerin: «Mandant sass unschuldig in Haft»

Ganz anders sieht das die Zürcher Rechtsanwältin Anna Schuler, die Zeljko J. im Fall Gränichen mit Kanzleikollegin Caterina Nägeli vertreten hat. «Wir haben von Anfang an und vor allen Instanzen auf Freispruch plädiert, weil die Schuld unseres Mandanten am Tod des Opfers nicht nachgewiesen werden kann.» Insofern seien sie mit dem nun gefällten Urteil des Bundesgericht zufrieden – die obersten Richter hätten ihre Einschätzung bestätigt.

Schuler ist bewusst, dass sich für die Eltern des Opfers mit dem Freispruch eine schwierige Situation ergibt, «zumal nun nicht feststeht, wer für den Tod ihres Sohnes verantwortlich ist».

Ein Mord ohne Spuren

Ein Mord ohne Spuren

Im Mordfall Gränichen wurde der vermeintliche Todesschütze aufgrund mangelnder Beweise freigesprochen. Handelt es sich dabei um das perfekte Verbrechen?

Die Rechtsanwältin von Zeljko J. betont, sie habe grossen Respekt für die Hinterbliebenen und ihren Schmerz. «Wichtig ist aber auch, dass mit dem Urteil des Bundesgerichts der Grundsatz unseres Rechtssystems gestützt wird, dass niemand ohne Beweise verurteilt werden darf».

Nach dem Freispruch würden nun die Vorbereitungen für die Haftentlassung ihres Mandanten getroffen. «Er sass mehr als fünf Jahre lang unschuldig im Gefängnis und war von seiner Familie getrennt», sagt Anwältin Schuler. Wie hoch die Haftentschädigung für Zeljko J. ausfallen wird, ist derzeit offen.

«Darüber wird das Aargauer Obergericht entscheiden, wobei wir als Verteidiger und die Staatsanwaltschaft jeweils einen Antrag stellen können», erklärt die Rechtsanwältin. Sie ergänzt, derzeit erhebe ihr Mandant keine weitergehenden Forderungen gegen die Aargauer Justiz. «Primär wird es in nächster Zeit darum gehen, dass er sich wieder an das Leben in Freiheit gewöhnt.» 

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