Ausstehende Zahlungen
Wieso werden immer mehr Betreibungen ausgestellt?

In der Region Aarau werden immer mehr Zahlungsbefehle ausgestellt: Ein Grund ist das Bevölkerungswachstum – doch diese Erklärung allein reicht nicht, um den Anstieg zu erklären.

Carla Stampfli
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Das Portemonnaie leer, das Betreibungsformular gut (aus)gefüllt. Peter Siegrist/az-Archiv

Das Portemonnaie leer, das Betreibungsformular gut (aus)gefüllt. Peter Siegrist/az-Archiv

Peter Siegrist

In den Aargauer Briefkästen sind in den vergangenen Jahren immer mehr Zahlungsbefehle gelandet. Das zeigt eine Umfrage bei zwölf verschiedenen Betreibungsämtern in der Region. Das ist im ganzen Kanton Aargau der Fall, wie Martin Gianutt, Leiter des kantonalen Betreibungsinspektorats, bestätigt:

«Die Anzahl Betreibungen hat in den letzten Jahren generell zugenommen.» Als einen Grund für den Anstieg nennt er das Bevölkerungswachstum. «Darüber hinausgehende Aussagen wären spekulativ», sagt Gianutt.

Kaufen, obwohl Geld nicht da ist

Doch es muss weitere Gründe geben. Denn in Rupperswil ist die Bevölkerung in den letzten fünf Jahren um 14 Prozent gewachsen, die Betreibungen haben aber um rund 38 Prozent zugenommen. Der Rupperswiler Betreibungsamtsleiter Yves Wiederkehr vermutet, dass die steigenden Versicherungsprämien einen Einfluss haben könnten.

Grafik zur Entwicklung der Betreibungen

Grafik zur Entwicklung der Betreibungen

Nordwestschweiz

Auch das veränderte Konsumverhalten der Bevölkerung könnte ein Grund sein: Heutzutage könne man vieles auf Pump kaufen, etwa Autos oder TV-Apparate. Auch die Kleinkredite, die in der Werbung angepriesen werden, würden dazu verlocken, Ferien zu buchen oder Möbel zu kaufen, ohne, dass man es sich tatsächlich leisten könnte.

Diese Meinung teilt Stefan Strässle, Leiter des Betreibungsamts Lenzburg-Ammerswil: Es sei einfacher geworden, auf Pump zu leben. Auch hier sind die Betreibungszahlen gestiegen: um 27 Prozent. Die Bevölkerung von Lenzburg und Ammerswil gemeinsam wuchs gleichzeitig um nur 6 Prozent.

Im selben Zeitraum wurden in Holziken 20 Prozent mehr Zahlungsbefehle ausgestellt, bei einem Bevölkerungswachstum von 3 Prozent. Man habe festgestellt, dass stets mehr Menschen infolge Arbeitslosigkeit ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr genügend nachkommen könnten, so Betreibungsbeamter Michael Urben. Zudem gebe es vermehrt Fälle, in denen Luxusgüter und dergleichen bezahlt werden, dafür aber den gesetzlichen Verpflichtungen wie Steuern oder Krankenkasse nicht nachgekommen werde.

Zuzug von Schuldner schlägt ein

Dies kennt auch Georg Schmid, Leiter des Betreibungsamt Menziken und Burg. Die meisten Betreibungen würden aus ebendiesen Pflichtverletzungen eingeleitet. Als einen möglichen Grund für die Zunahme von Betreibungen nennt Schmid nebst den Arbeitslosenzahlen auch die Sozialfälle, die im selben Zeitraum gestiegen sind.

Manchmal sind es auch schlicht Zuzüger, die den Anstieg ausmachen: Von den 70 neuen Betreibungsfällen 2013/2014 in Burg sind auch einige Schuldner zugezogen, welche gleich mehrere Betreibungen mit sich getragen haben.

Im benachbarten Betreibungskreis Reinach erwähnt die Leiterin Daniela Sandmeier ebenfalls Zuzüge als Grund: Die Gemeinde verfügt über günstigen Wohnraum und guten Anschluss mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, das zieht auch Leute in finanziellen Schwierigkeiten an. Sie vermutet aber auch, dass die Zunahme zum Teil auf die Inkassoumstellung einiger Krankenkassen zurückzuführen sei. Früher seien bis zu vier Monatsprämien in einem Betreibungsbegehren zusammengefasst worden, neu werde jede Prämie einzeln und monatlich betrieben.

Anstieg von 46 Prozent

Manuel Gehri, stellvertretender Leiter des Regionalen Betreibungsamts Buchs, nennt als möglichen Faktor auch die Zuwanderung: Von Personen aus anderen Kulturkreisen, die das Schweizer Zahlungssystem nicht kennen und mehr ausgeben als einnehmen, weil der Umgang mit Geld nie gelernt wurde.

Die Zahlungsbefehle der sieben Gemeinden, die in den Zuständigkeitsbereich des Buchser Betreibungsamts gehören, sind in den letzten zehn Jahren gestiegen. Aarau gehört ebenfalls zu diesem Betreibungskreis. Separat betrachtet zeigt sich: In Buchs haben die Betreibungen in den letzten zehn Jahren um 46 Prozent zugenommen, in der Stadt Aarau sind sie um 5 Prozent gesunken.

Dies, obwohl Aarau im selben Zeitraum mit Rohr fusionierte und um 29 Prozent wuchs. Die Bevölkerung von Buchs hingegen stieg um 17 Prozent. In den letzten fünf Jahren sanken die Betreibungen in Aarau gar um 15 Prozent. Eine Erklärung hat Manuel Gehri nicht für das Ausscheren Aaraus.

Jeder kann Schuldner werden

Leben auf Pump, mehr Arbeitslose und Sozialfälle, eine allgemein sinkende Zahlungsmoral . . . Werden die Betreibungszahlen weiterhin ansteigen? Diese Frage kann der kantonale Betreibungsinspektoratsleiter nicht beantworten. Denn prinzipiell könne jedermann – vom Jugendlichen bis zum Rentner – Schuldner werden. «Das typische Bild eines Schuldners gibt es nicht», so Martin Gianutt. Damit Personen nicht in die Schuldenfalle geraten, brauche es Prävention: «Die Personen sind über die Gefahren der Verschuldung zu informieren und dadurch auch zu sensibilisieren.»

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