Tatortreinigung
Wieso Francesco lieber Tatorte als Schmuddel-Wohnungen putzt

«Man weiss nie, was auf einen zukommt», sagt Francesco Brighina. Der 50-jährige Buchser putzt schon seit 22 Jahren. Doch erst vor anderthalb Jahren spezialisierte er sich auf Tatortreinigungen und Messi-Wohnungen.

Adrian Hunziker
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Francesco Brighina reinigt Tatorte und Messi-Wohnungen
13 Bilder
Ein Kühlschrank in einer Messi-Wohnung...
nach der Räumung...
und fertig gereinigt
Das Wohnzimmer zuvor...
und danach
Eine ganze Mulde Abfall wurde in der Wohnung gehortet
So sah der Balkon vorher aus
Ein weiterer Blickwinkel des Balkons
Und so sauber glänzte der Balkon nach der Reinigung
Brighinas Mitarbeiter hatten alle Hände voll zu tun
Überall trafen die Reinigungskräfte auf Essensreste
Auch auf dem Balkon fanden die Mitarbeiter Dinge, die wohl einst Nahrungsmittel darstellten

Francesco Brighina reinigt Tatorte und Messi-Wohnungen

Annika Bütschi

Im Aargau kam es in den letzten zwei Wochen gleich zu zwei Tötungsdelikten – in Wettingen und Gränichen (die Aargauer Zeitung berichtete). Dabei kamen drei Menschen ums Leben. Zurück blieben blutverschmierte Tatorte. Doch wer putzt solche Unglücksorte und macht die Räumlichkeiten für Verwandte, Bekannte und Gäste wieder begehbar? Die Antwort: Francesco Brighina aus Buchs.

Brighina ist seit 22 Jahren selbstständig und führt eine Reinigungsfirma. «Ich bekam einmal eine Anfrage für eine Tatortreinigung. Dorthin ging ich selber, und danach kamen immer mehr Anfragen», sagt Brighina. So spezialisierte er sich vor anderthalb Jahren auf Tatortreinigungen und das Aufräumen von Messi-Wohnungen. Messis sind Menschen, die alles horten.

Der 50-Jährige geht immer mit einer gewissen Unsicherheit an einen Tatort oder in eine Messi-Wohnung: «Man weiss nie, was auf einen zukommt, wenn man vor der Wohnungstür steht.» Wenn er dann die Tür öffnet, sieht er die Situation. «Im ersten Moment kommen mir immer mehrere Gründe für so ein Chaos in den Sinn», erklärt er. Dazu gehören Schulden, ein verlorener Job, eine Krankheit oder eine Liebesgeschichte. «Am häufigsten denke ich aber, jemand wollte nicht mehr in unserer Welt leben.» Wenn er sich diese Gedanken gemacht hat, hat er sich an die Situation gewöhnt und kann mit Distanz an seine Arbeit gehen.

Vier Handschuhe übereinander

Für Brighina sieht die Vorbereitung immer gleich aus, egal ob es sich um ein Tötungsdelikt, einen Suizid oder eine Messi-Wohnung handelt. Er zieht Anzug, Maske, Handschuhe (immer vier übereinander) und Brille an. «Mir sind Tatorte von Suiziden oder Delikten lieber als ein Messi-Fall. Denn die Messi-Wohnungen sind ganz schlimm. Der Anblick ist zum Teil unvorstellbar.» Überall habe es Fäkalien, Essensreste, Abfall, und je nach Fall wimmle es auch von Maden. Teilweise stinke es so stark, dass es bereits gesundheitsschädigend sei. «Mit dem Beseitigen der Spuren helfe ich den Hinterbliebenen», sagt Brighina

Er hat in 22 Jahren als Reinigungskraft schon vieles gesehen und bisher nie einen Auftrag abgelehnt. «Bei einer zu extremen Messi-Wohnung würde ich Nein sagen.» Die Messi-Fälle seien immer grenzwertig, sagt der dreifache Vater. Brighinas grösste Angst bei seiner Arbeit wäre ein Tatort mit Kindern als Opfer. «Trotzdem würde ich den Job ausführen. Aber ich hoffe, dass das nie vorkommt.»

Der erste Ernsteinsatz

Vor rund 17 Jahren erlebte Brighina sein erstes Schockerlebnis. Er musste eine Messi-Wohnung reinigen. Dort hatte eine Mutter mit drei Kindern im Schulalter gelebt. «Während dreieinhalb Jahren entleerten sie ihren Abfall in einem Zimmer. Dort verrichteten sie auch ihre Notdurft», erinnert sich Brighina. Die WCs und Lavabos seien verstopft gewesen und die Wände grau. Im Zimmer hatte sich der Abfallberg bis zu einem Meter aufgehäuft.

Überall waren Ratten und Mäuse, auch in der Fassade und den Wänden. «Das war die erste Messi-Wohnung, die ich reinigen und aufräumen musste, und es ist immer noch das Schlimmste, was ich je gesehen habe», sagt der Reinigungsspezialist. Auch wenn es seither nie mehr so schlimm gewesen sei: Diese Bilder würden ihm nicht aus dem Kopf gehen. «Wenn man ankommt, ist es teilweise wie in einem Horrorfilm», meint Brighina.