Erlinsbach
Wie zwei «Steckgrinde» zueinander finden

Grosse Emotionen und eine starke Frau im Mittelpunkt:: Die «Geierwally» der Bühne Erlinsbach hatte Premiere.

Ueli Wild
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Der Bärensepp ringt der Geierwally einen Kuss ab und lässt sie dann stehen, um sie lächerlich zu machen.

Der Bärensepp ringt der Geierwally einen Kuss ab und lässt sie dann stehen, um sie lächerlich zu machen.

Ueli Wild

Verschrien als pseudoromantische Trivialliteratur ist die 1873 erschienene «Geierwally» bei der Literaturkritik längst durchgefallen. Auch die deutsche «Gartenlaube»-Autorin Wilhelmine von Hillern selber hielt den Roman, der auf Bühne und Leinwand wiederholt Furore machte, nicht für das Beste, was sie je geschrieben habe. Aber die «Geierwally» ist der Stoff, aus dem die Theateraufführungen sind, die beim Publikum von Laienbühnen auch heute noch ankommen. Das war auch am Donnerstagabend bei der Premiere der Freilichtaufführung auf der Erlinsbacher Breite nicht anders.

Die «Geierwally der Erlinsbacher Bühne in der Spielfassung von Regisseur Ernst Wyss bot jedenfalls beste Unterhaltung. Das Melodram mit glücklichem Ausgang lebt von Missverständnissen, welche die Geschichte haarscharf an der Tragödie vorbeischlittern lassen. Die Aufführung steht und fällt mit der alles dominierenden Figur der Wally, deren Widerborstigkeit und deren Gefühlsausbrüche zwischen Herrschsucht, Verletztheit und Verzweiflung Stefanie Lindegger überzeugend zum Ausdruck bringt.

Ob die Geschichte, wie Ernst Wyss meint, heute mehr für die Emanzipation der Frau als für den Kampf mit der inneren wie äusseren Natur steht, bleibt der subjektiven Wahrnehmung des Publikums überlassen. Klar, die Wally weigert sich, den vom Vater bestimmten Mann zu heiraten. Und sie kämpft mit dem starken Bärensepp, weil dieser den Kuss, den bisher keiner der ebenso reichen wie spröden Kappelerhof-Bäuerin abringen konnte, nicht geschenkt bekommen, sondern sich mit Gewalt nehmen will. Doch spätestens als Herrin auf dem vom Vater ererbten Hof hat Wally keine Emanzipation mehr nötig. Den schlichten Kern des Themas trifft daher wohl eher der älteste der Klotz-Brüder, der in gewisser Weise den gesunden Menschenverstand verkörpert. Die Geierwally und der Bärensepp, sagt er, hätten den gleichen «Steckgrind».

Am Schluss sind alle Missverständnisse beseitigt, die Wally hat den Mann, den sie, weshalb auch immer, wollte, und der Bärensepp (Rolf Maurer) die Frau, die er bis zu der Rangelei um den ominösen Kuss nie wollte. Und alles ist gut. Die Wally findet sogar zum Gottvertrauen zurück, sie kriecht förmlich zu Kreuze. Wobei Stefanie Lindeggers Wally den Eindruck entstehen lässt, dass es dazu der monotonen Belehrungen des Pfarrers nicht bedarf. Eher der eigenen Erkenntnis, mit einer unbedachten Äusserung beinahe den Tod des Geliebten verursacht zu haben. Und dann ist da noch der geradezu ekstatische Ausbruch der alten Magd und Ersatzmutter Kati (Trisi Buser) vor dem Muttergottes-Bildstöcklein als Reaktion auf Wallys Zweifel an der Hilfsbereitschaft des Himmels. Katis Aufwallung ist derart heftig, dass sie schon fast ins Komische kippt.

Wallys Geier tritt nur akustisch in Erscheinung – als Rauschen in der Höhe. Bei der Premiere ging dieses gelegentlich im Rütteln des Windes am Tribünendach und im fernen Donnergrollen unter.

Aufführungen; täglich bis 22.8.ohne 17.8. (Ersatzdatum), 20 Uhr. Zusätzliches mögliches Ersatzdatum: 23.8. (18 Uhr)