«Hoppla!», ruft Bruno Lienhard. Gerade hat er einem Bus den Rückspiegel abgerissen. Sorgfältig hält er den Spiegel wieder an den feuerroten Londoner Doppeldecker mit der Aufschrift «Brickston». Lienhard ärgert sich nicht über seinen Fauxpas, er lacht. «Alles halb so wild.» Ist ja nur Plastik. Ist ja nur Lego.

Interview mit Bruno Lienhard, Lego-Künstler

«Die Stube und die Essecke sind noch frei – ich weiss aber nicht, wie lange»: Bruno Lienhard im Kurz-Interview.

Hunderttausende der kleinen bunten Bauklötzchen nehmen derzeit das Dorfmuseum in Buchs in Beschlag. Ab 1. September lädt das Museum jeden ersten und letzten Sonntag im Monat zu einer «steinreichen Sonderausstellung», wie es im Flyer heisst. In diesem steht geheimnisvoll geschrieben: «Aus Buchser Privatsammlung». Der Mann dahinter ist Bruno Lienhard. Wobei Sammlung eigentlich untertrieben ist. Denn Lienhard hat die Modelle nicht nur angehäuft, er hat sie auch alle selber zusammengesetzt.

Angefangen und einfach nie mehr aufgehört

Ein Schicksalsschlag führte den heute 70-Jährigen zu den Legos. Vor drei Jahren verstarb seine Frau, und Lienhard sehnte sich nach Ablenkung, einer Aufgabe im Leben. Bei einem Freund zu Hause kam er mit Lego in Berührung, das er zuvor nur vom Hörensagen kannte. Er surfte dort im Internet («ich habe daheim keinen Computer»), bestellte ein paar Bausätze und begann zu bauen. Stunde über Stunde. «Ich habe einfach angefangen und nicht mehr aufgehört», erinnert sich Lienhard.

Über 200 Modelle sind es jetzt, die er im Buchser Dorfmuseum ausstellt. Bei sich zu Hause habe er noch viel mehr, sagt Lienhard. Sie sind in der Wohnung verteilt, als Ganzes oder in einzelnen Teilen verstreut: «Im Schlafzimmer, im Kleiderschrank, in der Küche, im Badzimmer. Aber nicht in der Stube, so weit bin ich noch nicht.»

Lienhard schätzt, dass er mittlerweile zwischen 25'000 und 30'000 Franken für seine neue Leidenschaft ausgegeben hat. Ein teures Hobby, das er sich da ausgesucht hat. «Aber es macht halt Spass», meint Lienhard. Entweder kauft er die fixfertigen Bausätze von Lego selbst oder er lässt sich inoffizielle Baupläne von einem Bekannten aus Deutschland liefern. Die seien schwieriger, weil sie ausgeklügelter seien, erklärt Lienhard. Beim Bauen hat er eine klare Vorliebe: Möglichst gross soll es bitte schön sein. «Mit den Kleinen ist man so schnell fertig. Das mag ich nicht.»

Nicht gerade wählerisch ist Lienhard, was die Auswahl seiner Modelle betrifft. Auf den drei Stockwerken im Buchser Dorfmuseum tummeln sich der Todesstern und der Millenniumfalke aus «Star Wars», aber auch Schlösser, Autos oder die Cartoonfigur Spongebob Schwammkopf. Besonders angetan haben es Lienhard jene Legos, die mit London zu tun haben. Lienhard, der ein T-Shirt mit dem Abdruck der legendären Abbey Road trägt, ist in der britischen Hauptstadt geboren. «Ich war alles in allem nur drei Wochen in London, aber irgendwie ist es immer meine Stadt geblieben», sagt er und schaut mit grossen Augen auf «seine» Tower Bridge.

18 Autos voller Legos verladen

Ein Leuchten in den Augen bekam auch Peter Schmid, als er von Lienhards eindrücklicher Sammlung Wind bekam. Schmid ist Mitglied der Museumskommission. Auf der Suche nach einem neuen Ausstellungsthema wurde er bei seinem langjährigen Freund fündig, den er heute liebevoll den «Lego-Künstler von Buchs» nennt.

250 Arbeitsstunden hätten sie in der Vorbereitung investiert, 18 Autos mit Legos verladen, sagt Schmid. Auf das, was herausgekommen ist, sei er stolz. Und Lienhard? Der ist einfach nur glücklich, dass er seine Begeisterung für die Bausteinchen mit anderen teilen darf. Den Hype um das Lieblingsspielzeug von Millionen von Menschen erklärt er sich ganz einfach: «Zuerst dachte ich, Lego sei nur was für Kinder. Jetzt weiss ich: Es ist auch was für die Grossen. Lego ist für alle da.»