Pedanterie-Vorwurf

Wie viele Nerven kostet in Aarau ein Baugesuch?

Gebaut wird immer irgendwo in Aarau. Hinter den Bauabschrankungen schwelen oft Konflikte mit der Baubehörde.

Gebaut wird immer irgendwo in Aarau. Hinter den Bauabschrankungen schwelen oft Konflikte mit der Baubehörde.

In Aarau einen Bau zu realisieren ist nicht ganz einfach. Architekten und Bauherren werfen der Stadt Pedanterie bei Baubewilligungsverfahren vor. «Der Herr ist sehr buchstabengläubig. Für die Architekten in Aarau ist das ein ernsthaftes Problem», sagt ein Architekt.

Die Holztreppe befand sich seit vierhundert Jahren im Altstadthaus. Dann – als der Besitzer umbauen wollte – genügte sie den feuerpolizeilichen Vorschriften plötzlich nicht mehr. Als Fluchtweg habe sie aus Stahl oder Beton zu sein, beschied der Sachbearbeiter der Abteilung Baubewilligungen der Stadt Aarau dem Architekten. Oder aber das Haus sei künftig statt von mehreren Mietern halt als Einfamilienhaus zu nutzen.

Dem Architekten war klar: Keiner der Vorschläge ist umsetzbar, hier gilt die Bestandesgarantie. Nur weil das historische Haus renoviert wird, die Nutzung aber gleich bleibt, muss nicht alles nach den neusten Normen geändert werden.

So war es auch bei einem Gewerberaum ausserhalb der Altstadt: Seit acht Jahren wurde er genutzt, doch als ein Umbau gemacht werden sollte, war die Raumhöhe plötzlich ein Problem: Die Decke hing für einen Gewerberaum eigentlich zu tief. Erst nach einem Gespräch mit dem Sachbearbeiter auf dem Stadtbauamt konnte der Umbau trotzdem gemacht werden.
«Der Herr ist sehr buchstabengläubig», sagt der betroffene Architekt, «für die Architekten in Aarau ist das ein ernsthaftes Problem.»

Aussprache mit Architekten

Welcher Architekt man in Aarau auch fragt: Allen ist der Sachbearbeiter bekannt als einer, der es sehr genau nimmt. So genau, dass die Aarauer Architekten im Sommer vor zwei Jahren den Chef der Abteilung Baubewilligungen, Thomas Oetiker, und den damaligen Stadtbaumeister Felix Fuchs zum Gespräch trafen. Dabei ging es vor allem um die Brandschutz- und Energievorschriften. In diesen Bereichen und beim Schallschutz gelten heute strengere Standards als früher – damit sind sie häufige Streitpunkte zwischen der Baubewilligungsbehörde und den Architekten bzw. den Bauherren.

Die Stadt schaut genau hin. Dagegen ist nichts einzuwenden. Selbstkritisch sagt ein Aarauer Architekt: «Man probiert als Architekt auch mal, wie weit man gehen und sich einen Vorteil rausholen kann. Der Sachbearbeiter ist pedantisch, aber korrekt.»

Es liegt in der Natur der Sache, dass Bauherren oft die günstigere Variante wünschen und lieber mal auf eine Isolation verzichten. Oder einen Parkplatz mehr planen als in der Kernzone erlaubt.

Mehr als nötig

Doch die Recherchen zeigen: Der Sachbearbeiter fordert oft mehr, als unbedingt nötig wäre. Das bringt vorab die jungen Architekten ins Straucheln ob der Flut von Angaben, die sie schon früh liefern müssen. «Ich kenne junge Architekten, die nach der ersten Verhandlung den Tränen nah waren, weil sie praktisch schon hätten sagen sollen, wo die Briefkästen hinkommen», sagt ein Aarauer.

Der Mann sei sehr kompetent, gibt auch ein gelernter Bauführer zu: «Er kennt alle Regeln, aber er kann sie nicht verhältnismässig anwenden.» Ein verbissener Kerl sei das, vordergründig freundlich, aber arrogant. Wegen eines vergessenen Strichs auf einem Plan, der die Isolation hätte anzeigen sollen, habe er sein Baugesuch nicht rausgelassen. Auch der Bauführer klagt, Details in Umbauprojekten würden kritisiert, obwohl sie unter die Bestandesgarantie fallen würden. Bei ihm war es eine alte Treppe, die nicht die heute vorgeschriebene Breite hatte. «Da muss man doch gar nicht diskutieren», nervt sich der Bauführer.

Lange Bewilligungsverfahren

Weil alles genau kontrolliert wird und viele Unterlagen und Gutachten gefordert werden, dauern die Baubewilligungsverfahren oft lange. Für manche Investoren ist das ein Problem: Dauert es zu lange, bis sie mit dem Umbau beginnen und ihr Projekt verwirklichen können, geht ihnen oft das Geld aus. Zwei Projekte von jungen Aarauern in der Altstadt kamen in den letzten Jahren deswegen nicht zustande.

Nicht immer sind es Einsprachen, welche ein Vorhaben verzögern, bis es kritisch wird. Ein junger Aarauer Investor berichtet von einem Umbauprojekt, das vier Monate in der Schublade der Baubewilligungsbehörde verschwand. Anderes sei wichtiger gewesen, vermutet er. Dann musste plötzlich noch ein Lärmgutachten gemacht werden. «Zum Glück müssen wir dort keine Miete bezahlen», sagt der junge Mann, «sonst hätten wir nach acht Monaten aufgegeben.»

Aber nicht nur die Verzögerung, auch die Auflagen machten dem jungen Bauherrn zu schaffen, hier im Bereich der Erdbebensicherheit. Umgesetzt werden mussten sie dann nicht, man beschied dem Bauherrn, es müsse halt korrekterweise in die Pläne geschrieben werden. Eine vordergründig korrekte Lösung fand der Sachbearbeiter übrigens auch für die eingangs erwähnte Holztreppe: Die Nutzung ist jetzt einfach als WG bezeichnet, sodass kein spezieller Fluchtweg nötig ist.

Völlig frustriert ist der junge Bauherr dennoch nicht. Er sagt: «Wir führten gute Gespräche mit der Behörde und wir bekamen sogar Tipps, wie Einsprachen vorzubeugen ist.»
Die Kritik der Architekten und Bauherren zielt nicht auf die gesamte Baubewilligungsbehörde. «Insgesamt halte ich viel von ihr», sagt einer. Nach Verhandlungen – oder wenn der Chef beigezogen wurde – konnten die Probleme oft gelöst werden. Viele sagen: «Es kommt drauf an, wer das Gesuch bearbeitet.»

Das Glück, dass seine Projekte «Chefsache» sind, hat ein recht aktiver Aarauer Bauherr. Seine Architekten sind zudem mit der Behörde vertraut. Der Bauherr sagt: «Es kommt auf das Vertrauensverhältnis an. Wir haben schon viel gebaut und einen guten Namen, wir versuchen nicht, das Minimum zu machen, im Gegenteil.» Doch eines seiner Projekte wäre ohne Goodwill der Behörde nicht durchführbar gewesen. Den Goodwill hat er bekommen. Und der lange Weg bis zur Bewilligung war für ihn kein Problem.

Wurde es besser?

Ob die Verfahren seit dem Gespräch im Sommer 2014 konfliktfreier geworden sind, lässt sich nicht abschliessend sagen. «Es gibt eine erfreuliche Entwicklung», sagt ein Architekt, «nichts wurde besser», ein anderer.

Ein Bauherr findet: «Die Stadt sollte froh sein, sie verdient an Investoren.» Ist sich der Stadtrat dessen bewusst? Der zuständige Stadtrat Lukas Pfisterer nimmt im nebenstehenden Text Stellung.

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