100-Jahr-Jubiläum
Wie reagierte die SP Aarau auf die Machtübernahme Hitlers

Mit Hartnäckigkeit und den richtigen Partnern zum Erfolg: Bis zum 8. April läuft im Stadtmuseum eine Ausstellung zum Thema 100 Jahre SP Aarau.

Ueli Wild
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Zwischen Videowand und Abstimmungsurne: Ausstellungsmacherin Gabriela Suter, Präsidentin der SP Aarau. Ueli Wild

Zwischen Videowand und Abstimmungsurne: Ausstellungsmacherin Gabriela Suter, Präsidentin der SP Aarau. Ueli Wild

Ueli Wild

Am 22. Februar 1916 schlossen sich der Allgemeine Arbeiterverein und der Grütliverein Aarau zur Sozialdemokratischen Stadtpartei zusammen. Nach dem Festakt, exakt 100 Jahre nach der Gründung im Pestalozzischulhaus, ist nun bis zum 8. April im Foyer des Stadtmuseums eine Ausstellung zum Thema «100 Jahre SP Aarau» zu sehen. Gleichzeitig erschien eine Publikation, die zum einen 23 kleinere und grössere Meilensteine aus der 100-jährigen Geschichte der Stadtpartei beleuchtet und die zum andern 55 Parteimitglieder porträtiert. Im Zentrum steht dabei stets die Frage, warum die SP ihre politische Heimat sei.

Federführend bei der Ausstellung wie bei der Publikation war die Historikerin Gabriela Suter, Einwohnerrätin und Präsidentin der SP Aarau. Absolviert man gedanklich den ganzen Parcours vom ersten bis zum letzten Meilenstein, erhält man den Eindruck einer hundertjährigen Erfolgsgeschichte, die sich unter anderem darin manifestiert, dass die SP Aarau 2013 mit Jolanda Urech den Freisinnigen das Stadtpräsidium entwinden konnte. Durch Gabriela Suters Konzept zieht sich aber wie ein roter Faden auch die Erkenntnis, dass eine Partei wie die SP ihre Ideen nicht im Alleingang verwirklichen kann. «Es braucht eben immer mehrere Anläufe, bis man ein Anliegen umsetzen kann», sagt die Präsidentin. «Und es braucht auch die richtigen Partner.»

«Grosse» und lokale Politik

Die Ausstellung im Stadtmuseum besteht aus drei Teilen. Einer davon ist eine interaktive Timeline, auf der man beim Surfen zwischen Ereignissen der überregionalen Geschichte hin- und hernavigieren kann. Gabriela Suter: «Wir versuchen hier zu zeigen, dass eben auch die nationale und die internationale Politik Auswirkungen auf die lokale Politik hat.»

Wie reagierte die SP Aarau beispielsweise auf die Machtübernahme Hitlers im Januar 1933? Ein Jahr später, als die Hitler-Anhänger in der Schweiz zunehmend ins Rampenlicht rückten, organisierte die SP am 23. Juni 1934 auf dem Schlossplatz eine Demonstration gegen Diktatur und Faschismus, an der über 1000 Menschen teilnahmen. Auslöser dieser Reaktion war eine Kundgebung von Fröntlern in der «Kettenbrücke» gewesen, deren Absicht es war, die Arbeiterschaft im nebenan gelegenen Haldenquartier für ihre völkisch-nationale Gesinnung zu gewinnen.

Ein zweites Ausstellungselement ist ein Themenwürfel mit vier für die SP wichtigen Bereichen, die sich durch die Parteigeschichte hindurchziehen: Wohnbau, Verkehr, Sozialpolitik und Service public. Bei jedem Thema wurden einzelne Beispiele herausgepickt. Dazu gibt es Videos, auf denen Interviewpartner auch aus andern Parteien Stellung nehmen. Während Texte und Fotos eher die Vergangenheit beleuchten, schauen die Videos immer ein wenig in die Zukunft. Zum Thema Wohnen etwa äussert sich Pro-Aarau-Einwohnerrat Ueli Hertig im Sinne des aktuellen Vorstosses, gemäss welchem die Einwohnergemeinde in der Aarenau auf einem Baufeld der Ortsbürgergemeinde in Wohnbauten investieren soll.

«Das ist etwas, das auch der SP immer am Herzen lag», sagt Gabriela Suter und erinnert an den kommunalen Wohnungsbau an der Kirchbergstrasse. 1920 war das. Die Idee drohte an den Finanzen zu scheitern. «Aber die SP setzte sich an der Gemeindeversammlung dafür ein und erhielt eine Mehrheit der Stimmen. Hierauf wurde entsprechend investiert.» Die Blocksiedlung der Wohnbaugenossenschaft Abau, die nach dem Zweiten Weltkrieg am Girixweg, bei der alten Schoggi Frey entstand, war die erste Überbauung in der Telli. «Auch hier», betont die Parteipräsidentin, «war die SP federführend.»

Platz statt Parkhaus-Einfahrt

Gabriela Suter weist auf eine Fotomontage hin. «So sähe es aus, wenn das Schlossplatz-Parking realisiert worden wäre.» Da wo sich heute der Blick öffnet auf das Stadtmuseum, gähnt auf der Fotomontage ein Rachen, als wärs der Eingang zur Unterwelt. Die SP bekämpfte das Projekt, zusammen mit andern Parteien. Es gab mehrere Referendumsabstimmungen, die erste 1982. «Die SP ging Allianzen mit den Grünen und andern Partnern ein», erklärt Gabriela Suter, «und sie hat immer gewonnen.»

2003 entschied der Souverän, auf das Schlossplatz-Parking zu verzichten. «Und jetzt», so Suter, «hat man die gute Lösung mit dem Kasernen-Parking gefunden.» Praktisch alle waren dafür. Der Einwohnerrat stimmte fast einstimmig zu. Damit war auch der Weg frei für eine ansprechende Neugestaltung des Schlossplatzes. Für Gabriela Suter ein gutes Beispiel, das eines deutlich zeigt: «Der politische Diskurs, so mühsam, zäh und zeitraubend er ist, führt am Schluss zu einer besseren Lösung.»

Das dritte Ausstellungselement ist eine Videowand, wo sich Exponenten der andern Parteien zur mehr oder weniger engen Zusammenarbeit mit der SP Aarau äussern. «Letztlich», stellt Gabriela Suter fest, «wollen wir alle das Gleiche: die Stadt vorwärtsbringen – auf ihre Art.» Daneben steht eine von der Stadt zur Verfügung gestellte Abstimmungsurne. Hier kann man Wünsche an die Aarauer Parteien deponieren. Dafür liegen vorbereitete Wunschzettel bereit. «Man wird wohl nicht alle umsetzen können», räumt Gabriela Suter ein, «aber wir werden sie prüfen und den andern Parteien zustellen.»