Bereits von weitem sind sie zu sehen, die Wohnblocks des Wynemattequartiers. Achtzehn sind es an der Zahl. Angeordnet in drei Reihen, parallel zum Buhaldeweg und zum Roggenweg. Es ist ruhig an diesem Samstagmorgen im Quartier. Die Spielplätze sind leer, die Strassen und Wege ebenfalls. Ein Mann um die 40 ist mit seinem Hund unterwegs. In der linken Hand die Leine, in der rechten das Mobiltelefon. Ein Wortschwall in einer fremden Sprache ist zu vernehmen. Etwas weiter vorne öffnet sich im fünften Stock ein Fenster. Ein Teppich wird ausgeschüttelt. Dann ist es wieder ruhig.

Die mehrstöckigen Wohnblocks, die Anfang der 60er-Jahre erbaut wurden, haben schon bessere Zeiten gesehen. Die Farben der Fassaden wirken in der winterlich kühlen Umgebung blass. An den Balkonen einiger Gebäude wächst Moos. Von aussen deutet kaum etwas daraufhin, dass hier einmal der obere Mittelstand von Suhr gewohnt hat.

Einst gab es reges Quartierleben

Vor gut 40 Jahren sah das Quartier südlich des Bahnhofs Suhr ganz anders aus: In den damals modernen Wohnblocks und den angrenzenden Einfamilienhäusern der Wynematte wohnten die Mitarbeiter der Migros, von Sprecher + Schuh und Möbel Pfister. Letzterer hatte in den Wohnblocks gar Pensionswohnungen für seine Mitarbeiter gekauft. Zudem sorgte der Quartierverein für eine funktionierende Gemeinschaft in der Wynematte. «Wir organisierten Quartierreisen, Quartierfeste und Spielnachmittage für die Kinder», erinnert sich Ferdy Ploschak, der seit 43 Jahren am Buhaldeweg wohnt und 14 Jahre Präsident des Vereins war.

In den 80er-Jahren begann sich das Quartier zu verändern. Möbel Pfister löste seine Pensionswohnungen auf und ein Investor übernahm die Gebäude. «Im Laufe der Zeit sank der Standard der Wohnungen immer mehr, was zur Folge hatte, dass viele Schweizer das Quartier verliessen», erklärt Gemeindepräsident Beat Rüetschi. Dadurch wurde das Wohngebiet interessant für tiefere Einkommensklassen, darunter auch viele Ausländer.

Heute lebt der grösste Teil der 1250 Bewohner in den Wohnblocks, die seit ihrer Errichtung nur notdürftig renoviert wurden. 58 Prozent besitzen keinen Schweizer Pass. Die meisten von ihnen kommen aus der Türkei (17 Prozent), dem Kosovo, aus Kroatien (je 6 Prozent) und Italien (5 Prozent). Insgesamt sind über 30 verschiedene Nationalitäten vertreten. Die kulturelle Durchmischung veränderte das Quartierleben. «Der Gemeinschaftssinn ist weniger ausgeprägt als früher. Das ist zum Teil auch kulturell bedingt, denn in vielen Kulturen steht die Familie an oberster Stelle und nicht die Zugehörigkeit zum Quartier», so Ploschak.

Beim Quartierverein reagierte man auf die demografischen Veränderungen. Eine Integrationsgruppe wurde gegründet, die das Zusammenleben mit den Migranten verbessern sollte. «Wir haben Befragungen durchgeführt, um herauszufinden, was die Leute stört. Es fanden regelmässig Sitzungen mit der Verwaltung statt und die Hausordnungen und Reglemente wurden in sieben verschiedene Sprachen übersetzt», beschreibt Ploschak die Bemühungen.

Gebracht hat es wenig. Das Wynemattequartier hat sich immer weiter von der Gemeinde entfernt und auch die Probleme im Alltag sind geblieben. Nach wie vor gibt es Diskussionen, wer wann die Spielplätze benutzen darf, die Zusammenarbeit mit der Hausverwaltung läuft nicht optimal und immer wieder landen Brot, Fleisch und Knochen in der Grünabfuhr, was zur Folge hatte, dass diese im Wynemattequartier zeitweise nicht mehr abgeholt wurde.

Quartierverein aufgelöst

Den Quartierverein gibt es heute nicht mehr. Vor zwei Jahren wurde er aufgelöst. «Wir hatten die Ressourcen nicht, um die Probleme im Quartier zu lösen», sagt Ploschak. Seither ist die Gemeinde zuständig. «Wenn wir einfach zuschauen und nichts unternehmen, ist das tödlich», ist sich Rüetschi bewusst. Entsprechend ist man bereits aktiv geworden. Die Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema Integration befasste, wurde durch eine Integrationskommission ersetzt. Diese wird seit Anfang Jahr von Gemeinderat Stephan Campi geleitet.

Auf Antrag dieser Kommission hat der Gemeinderat die Anlaufstelle Integration Aargau (AIA) damit beauftragt, die Situation im Wynemattequartier nachhaltig zu verbessern. «Wir möchten verhindern, dass das Wynemattequartier und die Gemeinde weiter auseinanderdriften. Zudem soll die hohe Fluktuation eingedämmt werden», formuliert Rüetschi die Ziele.

Realistische Ansätze erarbeiten

Um eine Bestandesaufnahme vorzunehmen und herauszufinden, welches die dringendsten Probleme im Wynemattequartier sind, organisierte die AIA vergangenen Samstag einen Workshop. Teilgenommen haben rund 40 Personen, darunter Quartierbewohner sowie Vertreter der Behörden, der Schulkommission und der Jugendarbeit.

In der ersten Phase des Workshops wurden die guten und schlechten Seiten der Wynematte aufgelistet. Obwohl viele positive Aspekte genannt wurden – die ruhige Lage, die Nähe zum Wald und die Tempo-30-Zonen – war schnell klar, wo der Schuh drückt: «Es gibt keinen gesellschaftlichen Treffpunkt, das Quartier hat einen schlechten Ruf und es fehlt eine Lobby, die gegen vorhandene Missstände vorgeht», fasst Lelia Hunziker, Geschäftsführerin der AIA, die Probleme zusammen.

Lösungen wurden erarbeitet

In zweiten Teil ging es darum, Lösungsansätze zu finden. «Wichtig ist, dass die Vorschläge realistisch sind und den Bedürfnissen der Bewohner entsprechen», so Hunziker. Basierend auf den Resultaten des Workshops wird die AIA einen Bericht verfassen, der unter anderem mehrere Konzepte enthalten wird, die zur Verbesserung der Situation im Wynemattequartier beitragen sollen. Der Bericht wird der Integrationskommission vorgelegt, die das weitere Vorgehen mit dem Gemeinderat abstimmt.

Gemeindepräsident Rüetschi hofft, dass durch das Engagement der Gemeinde und der Quartierbewohner auch die Investoren, denen die Wohnblöcke in der Wynematte gehören, aktiv werden. «Die Wohnungen entsprechen nach wie vor nicht den heutigen Standards. Sie sind zu klein und nicht hell genug», sagt Rüetschi. Die Gemeinde selbst kann keine baulichen Massnahmen in die Wege leiten, um das Wynemattequartier aufzuwerten.