Hilfsprojekt
Wie ein Aarauer auf Lesbos zum Flüchtlingshelfer wurde

Der Aarauer Florenz Schaffner – ehemaliger TV-Mann und Tourismusdirektor – half am Strand von Lesbos Flüchtlingen.

Manuel Bühlmann
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Freiwillige Helfer auf Lesbos
8 Bilder
Tag für Tag kommen auf Lesbos hunderte Menschen an
Freiwillige Helfer kümmern sich auf Lesbos um ankommende Flüchtlinge
Zurückgelassene Schwimmwesten an der Küste
Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit
Florenz Schaffner (rechts) mit dem griechischen Fischer Stratos Valamios, der für den Friedensnobelpreis nominiert ist
Auch Kinder kommen über die gefährliche Route nach Griechenland
Am Ufer lassen die Flüchtlinge ihre Schlauchboote zurück

Freiwillige Helfer auf Lesbos

Florenz Schaffner

Freud und Leid liegen nah beieinander, das gilt für Lesbos besonders. Tag für Tag erreichen Hunderte Flüchtlinge die griechische Insel. Erschöpft, durchnässt, unterkühlt – aber auch erleichtert, die gefährliche Überfahrt hinter sich zu haben. «Viele Flüchtlinge klatschen und jauchzen, wenn ihr Boot die Küste erreicht», erzählt Florenz Schaffner. «Einer der schönsten, aber zugleich auch einer der traurigsten Momente.» Der Aarauer ist soeben von einem Einsatz als freiwilliger Helfer aus Griechenland zurückgekehrt. Er sagt: «Sie glauben, nun hätten sie es nach Europa und in Sicherheit geschafft. Doch ihre Flucht wird noch lange dauern.»

Helfen können die Freiwilligen den Kindern, Frauen und Männern zumindest in den ersten Stunden nach ihrer Ankunft. Tag und Nacht wartet ein Team von Helfern in einem Zelt am Strand auf ankommende Schlauchboote. Sie halten heisse Suppen, trockene Kleider, warme Decken bereit und die Glut des Feuers am Glimmen. Im Winter können die Temperaturen auch im Touristenparadies Lesbos unter den Nullpunkt fallen. Ärzte untersuchen die Flüchtlinge direkt am Strand; Unterkühlung kann schnell lebensbedrohlich werden.

Das Zusammenspiel unter den Helfern habe auch ohne klare Hierarchien gut funktioniert, sagt Schaffner. «Ich war positiv überrascht.» Alle packen dort an, wo es nötig ist. Dazu gehört auch, die Strände von Abfall zu befreien. Wie viele Flüchtlinge die Insel erreichen, zeigt sich allein schon an den Bergen von zurückgelassenen Schwimmwesten und Gummibooten, die sich der Küste entlang türmen. 2015 kamen 500 000 Flüchtlinge auf Lesbos an, 30 000 waren es im ersten Monat dieses Jahres. Längst nicht alle schaffen die gefährliche Flucht übers Meer. 257 ertranken allein im Januar. Am Tag von Schaffners Ankunft auf Lesbos fand eine der Helferinnen den leblosen Körper eines zweijährigen Mädchens. Immer wieder kommen Meldungen über Ertrunkene.

Das Flüchtlingsdrama gehört für die Bewohner von Lesbos längst zum Alltag. Einer von ihnen ist Stratos Valamios. Der Fischer hat in den letzten Jahren schon zahlreiche Flüchtlinge in Seenot gerettet. «Ein einfacher, bescheidener Mann», sagt Schaffner, der ihn getroffen hat. Nun steht Valamios plötzlich im Fokus der Medien – stellvertretend für die Bevölkerung der griechischen Inseln ist er für den Friedensnobelpreis nominiert. Die Einheimischen helfen, wo sie können. Doch die Masse der Neuankömmlinge bringt auch sie an ihre Grenzen. Sie seien deshalb froh um die Unterstützung der zahlreichen Freiwilligen, sagt Schaffner.

Er selbst spielte schon länger mit dem Gedanken, bei einem Hilfsprojekt mitzuarbeiten. «Ich hatte im Leben so viel Glück und möchte nun nach meiner Pensionierung etwas davon zurückgeben», erklärt der ehemalige Arosa-Kurdirektor, Humorfestival-Gründer, SRF-Kadermann und Tele-M1-Chef die Motivation für seinen Einsatz. Eher zufällig fiel die Wahl auf Lesbos. Die Aargauer Hilfsorganisation «Volunteers for Humanity» suchte Fahrer, die einen gespendeten Bus auf die Insel bringen sollten. Florenz Schaffner und Gérard Membrez meldeten sich und fuhren kurz darauf mit 40 Schachteln voller Winterkleider los. Zweieinhalb Tage waren sie unterwegs.

Im Hafen von Piräus erhielten sie einen ersten Eindruck davon, wie viele Menschen auf der Flucht sind. 1500 kamen ihnen aus dem Bug der Fähre entgegen. «Gespenstisch» sei die Szenerie gewesen. «Wir fühlten uns hilflos.» Deshalb war er froh, auf Lesbos für die Organisation «Lighthouse Refugee Relief» anpacken zu können. «Eine wertvolle Erfahrung», sagt Schaffner. Die nächsten Reisen sind bereits geplant. Im März und April wird Florenz Schaffner erneut als Flüchtlingshelfer im Einsatz stehen – «auf Lesbos oder wo sonst Hilfe gebraucht wird».