Fast hätte es niemand gemerkt. Nicht einmal der Rektor. Durch Zufall erfuhr Paul Knoblauch, dass das «Flaggschiff» seiner Berufsschule Aarau (BSA), die Berufsmaturitätsschule, Jubiläum feiert. So ganz klar ging es nämlich aus den alten Geschäftsberichten nicht hervor, wann die «BM» zum ersten Mal startete. Doch das zuverlässigste Aarauer Nachschlagewerk, die Neujahrsblätter, hilft weiter. Für den 30. Oktober 1968 steht da nicht nur, dass der Orchesterverein Aarau sein Winterprogramm eröffnet, sondern auch: «In der Gewerbeschule wird dieser Tage der Unterricht der Berufs-Mittelschule aufgenommen, der ersten Institution dieser Art in der Schweiz.»

Warum genau die BM ins Leben gerufen wurde, ist in den Quellen nicht explizit ausgeführt. «Im Jahr der Flower-Po- wer-Bewegung wollte man wohl aus den bisherigen Mustern ausbrechen», vermutet Paul Knoblauch. Im entsprechenden BSA-Jahresbericht steht denn auch etwas von der «Erkenntnis, dass das Eintopfgericht der Gewerbeschule modernen Bildungsanforderungen nicht mehr zu genügen vermag».

Im ersten Jahr 43 Lehrlinge

Das Grundansinnen: Besonders fähigen Lehrlingen soll die Möglichkeit geboten werden, etwas mehr zu tun, etwas mehr zu lernen als der Durchschnitt. Nicht fachspezifisch, sondern im Bereich Allgemeinbildung. Damit soll «die Gleichgewichtsstörung, resultierend aus der einseitigen Hochschulpolitik, durch geeignete Anstrengungen auf den übrigen Sektoren der Ausbildung» behoben werden. Denn das Bildungssystem war längst nicht so durchlässig wie heute, der Graben zwischen Arbeitern und Akademikern tief.

Im September des Gründungsjahres wurden durch eine Aufnahmeprüfung aus 73 Kandidaten 43 Lehrlinge für die BM ausgewählt – plus eine Lehrtochter. Diese bedenklich geringe Frauenquote ist wohl damit zu erklären, dass an der damaligen «Gewerbeschule» hauptsächlich technisch-industrielle Berufe gelehrt wurden. Ein paar wenige Teilnehmer dieses ersten BM-Jahrgangs schieden aus, die verbleibenden, so der Jahresbericht, «dürften bei richtiger Betreuung die Abschlussprüfung bestehen und Anschlüsse an die HTL und in Meisterkurse finden». Zwei oder drei von ihnen würden sogar ein Hochschulstudium ins Auge fassen.

«Fordert erhebliche Opfer»

Was die Aarauer angestossen hatten, schwappte bald über das ganze Land. Schon 1970 entstand eine zweite Berufsmittelschule in Lausanne, in den darauffolgenden Jahren auch in Bern und Zürich. «Damit erhält das Aarauer Modell schweizerische Bedeutung, vor allem auch, weil die Erfahrungen in den Beratungen der eidgenössischen Kommissionen laufend ausgewertet werden konnten», hielt der BSA-Jahresbericht seinerzeit nicht ohne Stolz fest. «Ohne das Experiment an unserer Schule wäre die rasche Verwirklichung niemals möglich gewesen».

Geräuschlos ging die Einführung allerdings nicht über die Bühne. Offenbar kristallisierten sich zu Beginn Ansätze einer Zweiklassengesellschaft heraus. Jedoch: «Dieses Problem durfte kaum weitere Wellen werfen, da die Normallehrlinge in der Zwischenzeit festgestellt haben, dass die BMS nicht nur zusätzliche Rechte bringt, sondern auch erhebliche Opfer fordert», hält der Jahresbericht fest.

Mittlerweile machen fast 15 Prozent eine BM

Hauptschwierigkeit scheint auch damals gewesen zu sein, die Lehrbetriebe davon zu überzeugen, ausgerechnet ihre besten Lehrlinge einen Wochentag mehr zu entbehren. Das hat sich heute zwar gebessert – aber unter anderem auch, weil die Berufsschule Aarau auf die Bedürfnisse der Lehrbetriebe eingegangen ist.

Zum Beispiel bei den Chemie-Berufen oder den Medizinischen Praxisassistentinnen (MPA). Letztere haben in der Regel zwei Tage Berufsschulunterricht respektive überbetriebliche Kurse. Kaum ein Arbeitgeber hat Freude, wenn sie noch einen dritten Tag fehlen. Die BSA rief deshalb eine eigene MPA-Maturklasse ins Leben, die den Unterricht so verteilt, dass der Lehrbetrieb nicht eingeschränkt wird. Mit Erfolg – die Teilnehmerinnenzahl nimmt stetig zu.

Während bis in die 1990er-Jahre nur etwa drei Prozent der Lernenden eine BM absolvieren, sind es seit Einführung auf Eidgenössischer Ebene mittlerweile fast 15 Prozent, wie der BM-Leiter, Konrektor Patrick Bläuenstein, betont. Diesen Sommer waren es fast 180 mehr oder weniger junge Leute, die an der Berufsschule Aarau ihr BM-Diplom in Empfang nehmen konnten. Davon haben gut 120 die BM2 absolviert – also die Berufsmatura für bereits ausgelernte Berufsleute, die es erst seit etwa zwei Jahrzehnten gibt.

Manche von ihnen haben die BM gleich nach der Lehre angehängt, andere nach der RS, vereinzelte auch erst in ihren 30ern oder 40ern. Geschlechterunterschiede gibt es heute kaum mehr. Lediglich bei der Fachrichtung «Technik, Architektur, Life Sciences» lässt sich ein klarer Männerüberhang feststellen. Die anderen an der BSA angebotenen Fachrichtungen («Natur, Landschaft und Lebensmittel», «Gestaltung und Kunst», «Gesundheit und Soziales») weisen ein relativ ausgeglichenes Geschlechterverhältnis auf.

Kanti als gesunde Konkurrenz

Mit einer Berufsmatura steht der Weg an die meisten Fachhochschulen offen. Wer an die Universität will, muss in aller Regel noch die sogenannte «Passerelle» absolvieren, deren Abschluss gleichwertig mit einem Kanti-Abschluss ist. Die Kantonsschulen schaut Rektor Paul Knoblauch durchaus als Konkurrenz an – «aber im positiven Sinne. Wenn sie viele Schüler haben, machen sie etwas richtig. Dann liegt es an uns, den guten Oberstufenschülern aufzuzeigen, wie attraktiv eine Lehre mit Berufsmatur ist – mehr denn je».

In den letzten Jahren setzt die BSA im BM-Unterricht stark auf Interdisziplinität. Da geht man in der Lager-Woche schon mal nach Lyon, um Sprach- und Kunstunterricht zu verbinden. Paul Knoblauch stellt sich für die Zukunft auch Immersionsklassen vor, in denen einzelne Fächer komplett in einer Fremdsprache unterrichtet werden.

Doch dafür braucht es genügend Schüler. Es war deshalb ein Dämpfer für die BSA, als die BM 2 in der Fachrichtung «Gesundheit und Soziales» nach Brugg ausgelagert wurde. «Bedauerlich», findet das Paul Knoblauch. Er ist überzeugt, dass die BM-Kompetenz «eher weiter zentralisiert statt pulverisiert» werden sollte – so, wie das etwa im Kanton Zürich gemacht werde. «Nur so lässt sich eine hohe Qualität dauerhaft halten und weiterentwickeln.»