Seit mehr als hundert Jahren führt die Stadt Aarau ein Ferienhaus auf der Beguttenalp oberhalb von Erlinsbach. Generationen von Aarauer Schülerinnen und Schülern haben an diesem idyllischen Ort ihre Sommerferien verbracht, Erwachsene nutzten die «Begutti» für Workshops, Probewochen oder gesellschaftliche Anlässe und tun es heute noch.

Doch woher stammt dieser reichlich seltsam klingende Name «Beguttenalp»? Ein Blick in die Geschichte des europäischen Mittelalters zeigt: Beginen oder Begutten waren christliche Frauen, die in einer Art Ordensgemeinschaft, aber ohne klösterliche Privilegien und Regeln, zusammen wohnten und wirkten. Das Kloster St. Ursula in der Aarauer Halde war ursprünglich eine solche Beginen-Samnung, bis es sich zu einem offiziell anerkannten «Monasterium» entwickelte.

Beginen-Wohngemeinschaften

Beginen-Wohngemeinschaften sind in Aarau aber auch andernorts bezeugt. Eine Zusammenstellung findet man in der Geschichte der Stadt Aarau von 1978. Danach gab es namentlich im 14. Jahrhundert solche Beginen (Schwesterngemeinschaften) am Graben, dann aber auch «am Kirchhof».

Autor Georg Boner lokalisiert das «Schwesternhaus» allerdings im ehemaligen Pfarrhaus am Adelbändli 14. Zusätzlich gab es in Aarau auch allein lebende Beginen, die unter anderem in Absteigequartieren von Ordensleuten auf der Durchreise den Haushalt besorgten. Die Herberge der Augustiner befand sich an der Milchgasse, jene der Barfüsser «am Kirchhof». Ob es sich hier um das Haus zur Zinne handelt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

1840 noch Kühweid

Doch zurück zur Beguttenalp, die nicht auf einem historischen Flurnamen fusst, sondern eine jüngere Bezeichnung ist. Das fragliche Gebiet auf Erlinsbacher Boden wird auf alten Karten aus dem 19. Jahrhundert (Michaelis um 1840 und Siegfried 1880) ganz klar als «Kühweid» bezeichnet.

In den einschlägigen Protokollen der Hilfsgesellschaft Aarau, die das Land um 1900 kaufte und das heute noch existierende Ferienheim erbaute, ist denn auch die Rede von der «Kühweid» oder vom «Wagnerweidli ob Laurenzenbad». Selbst auf der offiziellen Einladung zur Einweihung des Hauses am 10. Juli 1901 hiess die Bezeichnung noch «Ferienheim Aarau im Jura ob dem Laurenzenbad».

Für den Aarauer Stadtarchivar Raoul Richner ist es «offensichtlich», dass die Bezeichnung «Beguttenalp» von der Hilfsgesellschaft eingeführt, also «erfunden» worden ist. Denn dieser Name klingt eindeutig romantischer als «Ferienheim Kühweid».

Der Begriff «Beguttenalp» erscheint deshalb bereits 1901, und zwar in einem Protokoll des Stadtrates, der das Vorhaben auf ein Gesuch hin finanziell unterstützt hatte. Auf der anderen Seite ist noch am 11. April 1904 (!) in einem Schreiben der Hilfsgesellschaft die Rede von der «Kühweid», ehe sich dann die Bezeichnung Beguttenalp endgültig durchsetzte.

Stand Romanfigur Pate?

Wer in Aarau im Zusammenhang mit dem «Ferienheim auf der Alp» auf das Wort Begutte (als Synonym von Begine) gekommen ist, lässt sich an Hand der Akten nicht mehr feststellen.

Der Schlüssel könnte sehr wohl bei Heinrich Zschokke liegen, nämlich im historischen Roman «Der Freihof von Aarau», in dem eine Begutte Veronika eine Rolle spielt, die in der Phantasie des Erzählers im 15. Jahrhundert im fraglichen Gebiet oberhalb von Erlinsbach mit ihrem Vater Lollhard gelebt haben soll. Jedenfalls beschreibt Zschokke die Lage des Beginenhofs im Jura derart detailliert, dass nur die damalige «Kühweid» damit gemeint sein kann.

Die «Hülfsgesellschaft Aarau» als Gründerin des Ferienheims war ein Kind der Kulturgesellschaft, die anno 1811 unter anderem von Heinrich Zschokke gegründet und geprägt worden ist. Man darf deshalb durchaus annehmen, dass das Buch «Der Freihof von Aarau» um 1900 noch Allgemeingut war und der Roman schliesslich zum neuen Begriff der Beguttenalp beigetragen hat.