Mohammed Jafari steht hinter dem Sichtschutzzaun vor dem Eingang zur Asylunterkunft Liebegg und wird langsam nervös. Heute Morgen sind ihm die Zigis ausgegangen. Der Kleinbus, der ihn und seine Mitbewohner mindestens einmal die Woche von der Liebegg zum Lidl in Hunzenschwil bringt, fährt erst in 20 Minuten los. Bis dahin muss er draussen stehen, ohne die beruhigenden Glimmstängel im Mund. Ein echtes Problem für den Kettenraucher. Mohammed kratzt sich am Kinn. Unter seinem weissen T-Shirt schaut ein «I miss»-Tattoo hervor. Was es ist, das er vermisst, das will er nicht verraten. «Jetzt gerade brauche ich aber nichts mehr als meine Zigaretten.»

Die Zigis sind für Mohammed eine finanzielle Belastung. Drei Päckchen gönnt er sich pro Woche. Die billigste Marke kostet 6 Franken pro Päckli, macht 18 Franken pro Woche. Viel Geld für einen, der wöchentlich mit 70 Franken Haushaltsbudget durchkommen muss.

Bedingungsloser Grundbetrag

70 Franken pro Woche oder 10 Franken pro Tag: So viel erhält jeder Asylsuchende mit dem sogenannten N-Ausweis (Asylverfahren läuft noch) im Kanton Aargau pro Woche. Das Unterstützungsgeld wird bar ausbezahlt und muss für Essen, Kleider, Haushalts- und Hygieneartikel reichen.

Für die Unterkunft müssen die Asylsuchenden nichts bezahlen und auch die Krankenkassenkosten übernehmen die Steuerzahler. Die Auszahlung der 70 Franken ist an keine Bedingung geknüpft, ausser, dass die Asylsuchenden bei der Auszahlung persönlich anwesend sein müssen. «Der Betrag kann maximal auf den Nothilfeansatz von Fr. 7.50 pro Tag gekürzt werden, beispielsweise wenn sich eine Person nicht an die Regeln der Unterkunft hält», sagt Daniela Diener, Mediensprecherin des Departements für Gesundheit und Soziales beim Kanton Aargau.

Trotz dem staatlich finanzierten Dach über dem Kopf und der Gratis-Krankenkasse: 70 Franken pro Woche sind nicht viel. Wie kommt man damit über die Runden? «Es ist nicht immer einfach, auch für Nichtraucher wie mich», sagt Hejeratullah Anwari. Der junge afghanische Journalist steht neben Mohammed und wartet ebenfalls auf den Kleinbus. «Grundsätzlich essen hier alle nur zweimal täglich, und es gibt immer in etwa dasselbe», erzählt Hejeratullah. Auf dem Menüplan stehen Pasta, Tomaten, Zwiebeln, Äpfel und einmal pro Woche Pouletfleisch oder Thunfisch. Zudem backen die Afghanen auf der Liebegg jeden Tag frisches «Naan»: ein Fladenbrot aus Mehl, Salz, Joghurt, Hefe, Öl und Wasser. Die Afrikaner, sagt Hejeratullah, essen stattdessen einfach Kartoffeln.

In Zürich und Schwyz gibts mehr

45 bis 50 Franken gibt Hejeratullah wöchentlich für Nahrungsmittel aus. Mit dem restlichen Geld lädt er sein Handy auf, kauft sich Kleider oder leiht sich ab und zu das Zonenabo für den lokalen öV, das sich die Liebegg-Flüchtlinge für Fr. 1.50 für jeweils vier Stunden ausleihen dürfen. Zur Seite legen kann er nichts, aber klagen will er auch nicht. Ganz anders als sein Landsmann, der neben ihm in den angebrausten Kleinbus steigt. «70 Franken sind viel zu wenig», ruft er, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. «In Zürich kriegen sie viel mehr als wir, das ist nicht fair!»

Ob fair oder nicht: Kantonale Unterschiede gibt es tatsächlich. Im Kanton Zürich erhalten Asylsuchende in der ersten Phase ihres Aufenthalts in der Schweiz einen Pauschalbetrag von 13 Franken pro Tag oder 91 Franken pro Woche. Im Kanton Schwyz sind es 14 Franken (98 Franken pro Woche) und im Kanton Genf sogar 15 Franken (105 Franken pro Woche). Dass sich Asylsuchende im Aargau über zu geringe finanzielle Unterstützung beklagen, das komme schon vor, sagt Roman Della Rossa, Mediensprecher der Firma ORS, welche die Asylsuchenden auf der Liebegg und in anderen Unterkünften der Region betreut. «Umso wichtiger ist es, dass die Betreuer den Asylsuchenden erklären, wo, wie und was sie sinnvollerweise einkaufen.»

Das «Wo», das ist klar: der Lidl in Hunzenschwil. Das sei schlicht der günstigste Laden in der Region, sagt die ORS-Chauffeuse und lässt die Asylsuchenden vor dem Eingang des deutschen Einkaufsmultis aussteigen. Das «Wie», das ist Hejeratullah und seinen Kollegen längst bekannt: den Einfränkler ins Einkaufswägelischloss stecken, Gemüse abwägen, aufs Ablaufdatum achten.

Beim «Was» haben die Asylsuchenden absolute Wahlfreiheit. Es gibt keine Vorgaben, was sie mit den 70 Franken machen sollen. Ob sie auf eine ausgewogene Ernährung achten oder ihr Geld in Energydrinks und Aufbackgipfeli investieren, ist ihnen überlassen. Auf Hejeratullahs Kassenzettel stehen am Ende der 20-minütigen Shoppingtour «600 g Zucchetti, 1,3 kg Bananen, 1 kg Aprikosen, 1 Bio-Gurke, 2 kg Kartoffeln, 1 Eisbergsalat, 2 Naturejoghurt, 1 French Dressing, 1 Glas Curry, 1 Thunfisch-Büchse, 6 Orange-Mango-Fruchtsäfte, 1 kg Pouletschenkel». Kostenpunkt: Fr. 28.45.

Der Volg und die Fächli

Erst auf der Rückfahrt merkt Hejeratullah, dass er Zwiebeln und Zucker vergessen hat. Als ihm die Chauffeuse anbietet, im Volg kurz anzuhalten, lehnt er lachend ab. «Da ist alles viel zu teuer.» Die Zwiebeln und den Zucker wird er sich beim nächsten Einkauf in zwei Tagen nach dem Deutschkurs kaufen. Nur eine Shoppingtour pro Woche, das würde sowieso nicht gehen. «Jeder von uns hat ein kleines Kühlschrank- und ein kleines Vorratsschrank-Fach. Da ist gar nicht genügend Platz, um alle Lebensmittel für eine ganze Woche zu verstauen», sagt Hejeratullah.

Und Einkaufspläne wie in einer WG, in der man die Milch und das Müesli auf die gemeinsame Rechnung nimmt, gibts das? «Ja», sagt Hejeratullah zwar. Doch der Blick in die Vorratsfächer der Flüchtlinge zeigt: Eigentlich kauft jeder für sich ein. Ob das mit der langen Flucht zu tun hat, auf der viele der Asylsuchenden aus den Kriegsgebieten des Mittleren Ostens auf sich alleine gestellt waren? «Vielleicht», sagt Hejeratullah.

Trotz dem Vorratsfächlidenken, das der eigenen Vergangenheit, vielleicht aber auch schlicht der manifesten Struktur der Liebegger Küchenschränke geschuldet ist: Eines machen die Liebegger Asylsuchenden alle gemeinsam: stark gezuckerten Tee trinken. Afghanen, Syrer, Somalier, Eritreer und ein junger Mann aus dem Tschad sitzen nach dem Einkaufstrip im Kreis und schlürfen. Nur einer fehlt. Mohammed Jafari. Er steht draussen vor der Tür und raucht. «6 Franken», sagt er, zeigt mit der Zigarette auf das goldene Päckli in seiner Hand und zuckt mit den Schultern.