In rund drei Wochen schliesst die letzte noch verbliebene Drogerie in der Aarauer Innenstadt. Um den 22. März herum sei Schluss, sagt Tony Baranzini (58), zusammen mit Ehefrau Christine Inhaber der traditionsreichen Drogerie Suter.

Sein Vater Silvio Baranzini hatte das 1931 gegründete und 1958 von der Bahnhofstrasse an die Igelweid verlegte Geschäft 1973 übernommen. Der Übernahmevertrag enthielt die Bedingung, dass der Name «Drogerie Suter» bestehen bleibe.

«Zwölf Jahre später, als ich eintrat», so Tony Baranzini, «hätten wir den Namen ändern können. Wir haben aber darauf verzichtet.» Dies, obschon die Familie Baranzini eine richtige Drogistendynastie ist.

Schon die Grosseltern des heutigen Inhabers führten – in Oberkulm – eine Drogerie. Weitere Drogistinnen und Drogisten in der Familie: Vater, Mutter, Bruder – und auch Tochter Vera, die aktuelle Geschäftsführerin, ist Drogistin. Es stünde also auch die nächste Generation bereit, um die Drogerie zu übernehmen.

Trotzdem endet nun die Geschichte des letzten inhabergeführten Geschäftes an der Igelweid – eines Geschäftes, das seit den Siebzigerjahren 32 Lehrlinge ausgebildet und über 120 Angestellte beschäftigt hat.

Spürbarer Frequenzrückgang

Was, so fragt man sich, sind die Gründe für die Geschäftsaufgabe?

«Die Rahmenbedingungen», macht Tony Baranzini deutlich, «sind nicht mehr so gut, dass man das Geschäft übergeben könnte. Da diese Perspektive fehlt, haben wir beschlossen, das Ganze nicht künstlich in die Länge zu ziehen – nicht noch zwei, drei Jahre anzuhängen.» In den letzten zehn, fünfzehn Jahren, erzählt Tony Baranzini, sei die Kundenfrequenz eben schon «ziemlich stark zurückgegangen».

Ein Grund dafür: Viele Leute befürworteten zwar die Förderung des Langsamverkehrs. Doch dann würden sie trotzdem mit dem Auto dorthin fahren, wo sie bequem parkieren und die Einkäufe gleich einladen können. «Für unsere Branche», sagt Tony Baranzini, «hat das einen Frequenzrückgang zur Folge. Wir haben eben kein Kleidergeschäft – uns reicht es nicht, wenn die Leute ein-, zweimal im Monat nach Aarau kommen.»

In den letzten Jahren hat die Drogerie auch die Folgen des Einkaufstourismus zu spüren bekommen, vor allem an den Samstagen, wie Tony Baranzini erklärt: «Früher hatten wir samstags jeweils rund doppelt so viel Umsatz wie an einem normalen Wochentag. Doch seit sich der Euro-Wechselkurs so krass entwickelt hat, ist der Samstag genauso stark beziehungsweise schwach wie ein normaler Wochentag.»

Unter der Woche seien die Zahlen konstant geblieben, sagt Tony Baranzini. Doch wenn der doppelte Umsatz am Samstag fehle, ergebe das Ende Jahr ein Manko in der Höhe des Umsatzes von 50 Tagen. Damit werde die Mietbelastung deutlich stärker spürbar. «In Aarau», so Tony Baranzini, «sind die Mieten generell sehr hoch, und an dieser Lage natürlich erst recht.»

Auch die sich abzeichnende Zentrumsverlagerung in Aarau, erklärt er, habe beim Entscheid, aufzuhören, mitgespielt: «Der Stadtkern verlagert sich stark in Richtung Bahnhof. Im Sommer wird die Migros dort ihren grossen neuen Verkaufsladen eröffnen.» Vorderhand, räumt Baranzini ein, behalte die Migros den Standort an der Igelweid. Sie werde aber, so vermutet er, «nichts unversucht lassen, die Kunden in den neuen Laden zu locken».

Tony Baranzini ist deshalb pessimistisch: «Die Tendenz, die man in der Altstadt schon länger feststellt, wird über kurz oder lang auch den Bereich Graben und Igelweid erfassen – zumindest für unsere Art Geschäft.» Dass man hier im Moment erst von einem Wandel – die einen gehen, andere kommen – sprechen muss, bestätigt auch Baranzini: Die Leerstände finde man eher innerhalb der einstmals ummauerten Altstadt. «Dort spielt es mehr eine Rolle, ob die Kundenströme bleiben oder ob sie sich in Richtung Bahnhof verschieben.»

Natürlich gebe es im Drogeriegeschäft auch branchenspezifische Probleme, sagt Baranzini. «In den 35 Jahren, in denen ich dabei war, sind gewisse Sortimentsbereiche weggebrochen. Früher verkauften wir, mindestens um die Weihnachtszeit, extrem viele Spirituosen, speziellere Sachen wie Cognac und Marc.

Das Patent für Alkoholika haben wir seit mindestens 15 Jahren nicht mehr gelöst.» Auch im Kosmetikbereich, gerade bei den Düften und Parfums, hat sich die Drogerie an der Igelweid, wie der Inhaber sagt, «schnell und relativ stark zurückgezogen».

Gesundheit heute mehr im Fokus

Inzwischen hat man sich mehr auf den Gesundheitsbereich, auf Naturheilmittel etwa, spezialisiert. «Auch wenn es ein Stück weit unter Zwang passierte», sagt Baranzini, «war es sicher die richtige Entscheidung.»

In diesem Bereich – Naturheilmittel, Spagyrik – habe man den Umsatz konstant halten können. Eher erstaunt hat Baranzini, dass auch der Umsatz im Haushaltssortiment – Mittel gegen verstopfte Abläufe, Wespennester oder hartnäckige Flecken – stets gehalten werden konnte. Hier sei es immer darum gegangen, dass die Kunden auch die Lösung mit auf den Weg bekamen – nicht nur das Produkt. Nicht verloren hat man auch bei den Offenwaren.

Bekannt ist die Drogerie an der Igelweid seit Jahren auch für ihre Antiquitäten: alte Apothekerbehältnisse. «Das ist eigentlich immer noch das Gebiet meines Vaters», präzisiert Tony Baranzini. Die Geschichte dahinter: «Wir haben früher oftmals, etwa bei Geschäftsauflösungen, den Kollegen ein wenig unter die Arme gegriffen und die Restbestände aufgekauft.

Die Offenwaren befanden sich häufig noch in den alten Glasstandgefässen. Die Flüssigkeiten haben wir aufbereitet und ins Sortiment integriert. Dabei sind die Flaschen übrig geblieben. Eines Tages haben wir begonnen, diese vor dem Eingang zu verkaufen. Dabei haben wir gemerkt, dass die Gegenstände durchaus gesucht waren.

Vater Silvio Baranzini (81) selber hat zu Hause drei Zimmer voll solcher Antiquitäten. «Eine Zeit lang», sagt er, «waren wir die erste Adresse in der Schweiz in diesem Bereich. Wenn einer den Laden zumachte, rief er uns an.» Selbst die Armeeapotheke lud solches Material an der Igelweid ab – lastwagenweise.

Ältere Kunden der «Drogerie Suter» haben noch Vater Silvio Baranzinis melodischen französischen Akzent im Ohr. Dazu muss man wissen: Trotz des italienischen Namens liegt der Bürgerort der Familie im Neuenburger Jura. Tony Baranzinis Urgrossvater, der aus Italien in die Schweiz einwanderte, fand im Emmental seine Frau, dann zog das Paar nach Couvet ins Val de Travers, die Hochburg der Absinthe-Brennerei.

Besteht womöglich also zwischen dem Hang zum Drogistenberuf und der «Fée Verte» ein Zusammenhang? «Ich glaube, nein», antwortet Tony Baranzini auf diese Frage. Er lacht. «Höchstens indirekt: Der Vater meiner Grossmutter väterlicherseits zog tatsächlich noch mit dem Handwagen herum, um zu brennen.» Er sei einer der vielen im Tal gewesen, die während der Zeit des Absinthe-Verbots in der Schweiz «ein wenig aufpassen mussten».

Blick in die Zukunft

Dass die Drogistenfamilie Baranzini das Geschäft in Aarau gerne geführt hat, spürt man im Gespräch. Auch wenn eine Ära nun zu Ende geht, ist aber keine Verbitterung herauszuhören, allenfalls ein wenig Wehmut. Man habe in Aarau keinen andern Standort gesucht, sagt Tony Baranzini.

«Meine Frau und ich ziehen uns jetzt zurück und freuen uns auf die Zeit, die nun kommt.» Was ihm bleibt: Im Auftrag des kantonalen Gesundheitsdepartements inspiziert Tony Baranzini im Aargau Drogerien. In der Berufsbildung nimmt er Prüfungen für Drogistinnen und Drogisten ab. «Und vielleicht», fügt er bei, «übernehme ich für einen Kollegen einmal eine Ferienablösung.»

Aber etwas Festes, ein eigenes Geschäft – das sei vorbei. Tochter Vera hat eine Stelle im Angestelltenverhältnis gefunden. Dass sie später einmal eine eigene Drogerie eröffnen wird, schliesst ihr Vater nicht aus. Auch die andern Angestellten haben allesamt Stellen gefunden. Der Lernende hat die Möglichkeit, die Lehre in der Telli-Drogerie fertigzumachen.

Der Wind könnte kehren

Was aus dem Ladenlokal an der Igelweid nun wird, ist noch offen. Es gibt aber Anzeichen, die darauf hindeuten, dass ein weiteres Modegeschäft in Aarau seine Türen öffnet. – Ihn betrifft es zwar nicht mehr, aber Tony Baranzini kann sich gut vorstellen, dass es eines Tages eine Trendumkehr gibt: «Dass es in vier, fünf Jahren ein bisschen anders aussieht – dann, wenn die Mieten nicht mehr gelöst werden können. Das wird dann der Fall sein, wenn auch die Kleidergeschäfte die Mietkosten nicht mehr stemmen können.»

Dass es über kurz oder lang so weit kommt – davon ist der 58-Jährige überzeugt: «Irgendwann werden sich die Hausbesitzer sagen müssen: ‹Lieber vermietet und genutzt als leer und zugeklebt.›»

In der Altstadt glaubt Tony Baranzini schon eine Trendumkehr erkennen zu können: «Es kommen wieder ein wenig kleinere und speziellere Geschäfte rein.» Klar sei allerdings: «Detaillisten, die auf den täglichen Bedarf und auf Frequenz ausgerichtet sind, werden es schwer haben.»