Wenn man die Schleifen und Schnörkel sieht, mit Ecken, aber auch runden Formen, könnte man denken: Da hat sich jemand eine Geheimschrift ausgedacht. Das ist Stenografie. Eine Schrift, die sich, wenn man geübt ist, so schnell schreiben lässt, wie jemand spricht. Mehr 240 Silben pro Minute. Das sind vier Silben pro Sekunde.

Am Samstag fanden in Aarau die Steno-Schweizermeisterschaften statt. Die Zeiten, da man Steno in der Sekundarschule als Wahlfach belegen konnte und als Kaufmännische Angestellte Steno lernen musste, sind vorbei. Nun unterrichtet beispielsweise Rosmarie Koller Steno. Die 61-Jährige aus Gossau ist 14-fache Schweizermeisterin, Jury-Präsidentin und im Vorstand des Schweizer Stenografenverbands.

Mit Wasser und Duden

«Schweiz und europäische Union», diktiert Rosmarie Koller die Überschrift eines Artikels in einem Übungsdiktat für den Fotografen. Im Wettkampf darf es keine Störung geben. Da sitzen die Männer und Frauen, darunter Parlamentsstenografen aus Deutschland und die Weltmeisterin Petra Dischinger, hoch konzentriert, ein Fläschchen Wasser neben sich. «Ich hatte stets etwas Süsses dabei», sagt Koller. Sie hat 2005 an der Weltmeisterschaft eine Bronzemedaille geholt. Wecker oder Armbanduhr gehören dazu; einige haben einen Rechtschreibduden dabei.

Plansprachen, Welthilfssprachen wie Esperanto oder Interlingua haben sich nicht durchgesetzt, Volapük schon gar nicht. Droht auch der Stenografie ein Abdriften ins beinahe Geheimbündlerische? Rosmarie Koller stellt eine Überalterung zwar fest, doch ihr jüngster Schüler, Simon Hofmann aus Bischofszell, hat Jahrgang 1999. Es gibt moderne Lehrmittel mit Lern-CDs. Steno wird auch als Gehirntraining für Spätberufene propagiert: Sie könne Demenz zwar nicht stoppen, aber verlangsamen, sagen Experten.

Schnell, schön und korrekt

Je nach Kategorie (60 bis 240 Silben pro Minute) dauert das Diktat unterschiedlich lange. Man kann sich in Deutsch, Italienisch, Spanisch, Englisch und Französisch prüfen lassen. Beim Wettschreiben wird nicht das eigentliche Diktat in Stenografie beurteilt, sondern die Übertragung in die jeweilige Sprache. Da greift man dann gerne mal zu Wasser und Duden. «Rechtschreibung und Grammatik werden auch bewertet», sagt Rosmarie Koller. Dazu gibts in deutscher Sprache einen Wettkampf im Schön- und Korrektschreiben.

Nützlich auch im Alltag

Monika Berger, 58, aus Thun war von 2009 bis 2011 Schweizer Meisterin, bevor sie vom 20 Jahre jüngeren Matthias Buser aus Basel abgelöst wurde. «Einmal lagen wir nur einen Punkt auseinander», sagt Buser. Für Spannung ist also gesorgt. Dass Stenografie Hobby sein kann, aber nicht nur Selbstzweck ist, zeigt der 72-jährige Hanspeter Oppliger aus Hilterfingen. Im Alltag für Notizen, bei Vorträgen, als Protokollführer des Pilzvereins kann und konnte er Steno gebrauchen. «Aber auch, um einen Witz kurz zu notieren», schmunzelt er. Monika Berger braucht Steno beruflich: Telefonnotizen, Sitzungsprotokolle. Und für Einkaufszettel und persönliche Notizen.

Kriegsnotizen in Steno

Steno lebt im Korrespondenzklub mit über 200 Mitgliedern aus der ganzen Schweiz. Die Gruppenleiterin gibt ein Thema vor, und dann wandert ein Heft per Post von Mitglied zu Mitglied. Susanna Weber aus Teufenthal macht beim Schweizerischen Verband mit, denn der Aargauer Stenografenverein sei eingeschlafen.

Diverse Anfragen erreichen www.steno.ch, weiss Rosmarie Koller, so kürzlich Aufzeichnungen eines deutschen Generals aus dem Zweiten Weltkrieg, dessen Nachkommen wissen möchten, was ihr Vorfahr in der Normandie notiert hat. Stefan Schubert, ein Deutscher Stenograf und Mitkonkurrent in Aarau, überträgt nun diese Notizen.

Matthias Buser hat seinen Titel übrigens verteidigt, vor Monika Berger.

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