Adventskalender (8)
Wer auf dem Rad tritt, stösst auf Wasser

Hinter der Tür des Sodbrunnenhauses bei der Kirche Staufberg verbirgt sich ein grosses Tretrad. Über 420 Jahre lang war es in Betrieb, dann geriet es in Vergessenheit – oder doch nicht ganz?

Carla Stampfli
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Die einfache Holztür steht auf dem Staufberg. Während über 420 Jahre wurde sie fleissig geöffnet und geschlossen – dann wurde es plötzlich still um sie. Was war geschehen? Die az hat einen Blick hinter die Tür gewagt.

Die einfache Holztür steht auf dem Staufberg. Während über 420 Jahre wurde sie fleissig geöffnet und geschlossen – dann wurde es plötzlich still um sie. Was war geschehen? Die az hat einen Blick hinter die Tür gewagt.

Emanuel Freudiger

«Es ist eine einfache Holztür», sagt Alfred Sandmeier. Niemand könnte vermuten, was sich dahinter versteckt. Der 84-Jährige steht vor dem Sodbrunnenhaus, das gegenüber dem Pfarrhaus der reformierten Kirchgemeinde auf dem Staufberg liegt. Er schliesst die Holztür auf und tritt ein.

Im Raum steht ein grosses Tretrad, dessen Achse in einem Bock gelagert ist. Daran aufgewunden ist ein Seil, mit dem der Holzkübel in den Schacht heruntergelassen wird. «28 Meter ist der Sodbrunnen tief», sagt Alfred Sandmeier. Kleine Lämpchen beleuchten den Schacht, am Grund schimmert das Wasser kristallklar. Ob man es noch trinken kann? Der Maschineningenieur lacht. Während der Reinigungsarbeiten, die alle zwei Jahre durchgeführt werden, habe er auch schon davon getrunken.

Der Sodbrunnen: Gebaut wurde er auf Anweisung der Stadt und Republik Bern in den Jahren 1488 und 1489 – zuvor musste das Wasser vom Dorf mit Eseln auf den Staufberg transportiert werden. Emanuel Freudiger

Der Sodbrunnen: Gebaut wurde er auf Anweisung der Stadt und Republik Bern in den Jahren 1488 und 1489 – zuvor musste das Wasser vom Dorf mit Eseln auf den Staufberg transportiert werden. Emanuel Freudiger

Emanuel Freudiger

Wasser kam auf Eseln hoch

Doch der Reihe nach. Wir schreiben das Jahr 1488. Es ist die Zeit, in der im Aargau die Stadt und Republik Bern das Sagen hatte. Die Regierung gibt dem Kloster Königsfelden den Auftrag, für den Pfarrer der Kirche Staufberg einen Sodbrunnen zu bauen: Bisher musste das Wasser vom Dorf mit Eseln mühsam auf den Berg transportiert werden.

Ein Zürcher Brunnenmeister führte den Auftrag schliesslich aus, 1489 konnte der neu gegrabene Brunnen in Betrieb genommen werden. Mit dem Tretrad, das einen Durchmesser von dreieinhalb Metern aufweist, wurde das Wasser aus der Tiefe geholt. 305 Meter musste man darin laufen, bis der gut 80 Liter fassende Holzkübel auf das Wasser im Sodbrunnen stiess. Vor allem Unterweisungsknaben, sagt Alfred Sandmeier, hätten das Tretrad des Brunnens angetrieben, manchmal auch der Kirchensigrist.

Der Sodbrunnen war über 420 Jahre in Betrieb. Bis zu dem Zeitpunkt, als am Staufberg ein Wasserreservoir gebaut wurde. Nun war keine Muskelkraft mehr nötig, das Wasser gelangte ab 1912 durch eine Pumpe direkt ins Pfarrhaus. «Nach der Inbetriebnahme wurde der Sodbrunnen nicht mehr gebraucht. Er geriet in Vergessenheit», sagt Sandmeier, der sich insbesondere für lokale Geschichte interessiert.

Die Jahre vergingen, Steine und Erde sammelten sich im 28 Meter tiefen Schacht. Dann fanden sich rund 15 Freiwillige aus Staufen zusammen und nahmen sich der Anlage an – das Sodbrunnen-Team trat in Aktion. «Etwa fünf Kubikmeter Dreck haben wir mit einem elektrischen Aufzug aus der Tiefe geholt», erinnert sich Alfred Sandmeier an die Jahre 1996 und 1997. Uns war es wichtig, sagt er, den Sodbrunnen für die Nachwelt erhalten zu können.

Sodbrunnen-Team ist verewigt

Nachdem der Sodbrunnen gesäubert wurde, restaurierte das Team unter anderem die Einfassung am Boden und sicherte die Öffnung mit einem massiven Eisengitter. Auch der Bock musste durch einen neuen ausgewechselt werden. Das Holz des Tretrades hingegen wurde so belassen. Am Ende der Instandsetzung, sagt Alfred Sandmeier, haben sich alle Freiwilligen auf einem alten Feuerwehrhelm verewigt. Er hebt seinen Arm in die Luft. «Da oben, da hängt er», sagt er.

Die Freude über die gelungene Restauration ist ihm anzusehen, sein Gesicht strahlt. Dann schreitet Alfred Sandmeier aus dem Sodbrunnenhaus und schliesst die einfache Holztür.

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