Niedergösgen

Wenn wir Shakespeare verstehen ist es um uns geschehen – ein «Sommernachtstraum» im Schlosshof

Das Freilichttheater verwandelt den Schlosshof in Niedergösgen in einen Traumwald. Mit dem Stück «Sommernachtstraum» ist das Publikum um eine emotionale Shakespeare-Erfahrung beschenkt worden.

Zu seiner Zeit sei William Shakespeare ein Volksschriftsteller gewesen, dessen Literatur alle Schichten und alle Altersgruppen ansprach. So hat man uns das in der Schule erzählt. Wir haben es bloss nie recht glauben können, weil Shakespeare ein so grosser Name ist. Wir hörten die Shakespeare-Figuren reden, spürten vielleicht Bewunderung für den bedeutenden Meister. Aber dass wir selbst gemeint sein könnten, dass er genau unser Herz getroffen hätte, das kam doch eher selten vor.

Um uns mit dieser unmittelbaren und emotionalen Shakespeare-Erfahrung zu beschenken, braucht es Aufführungen wie jene des «Sommernachtstraums» im Schlosshof in Niedergösgen. Nicht zum ersten Mal inszeniert die Oltner Regisseurin Käthi Vögeli mit «A Midsummer Night’s Dream» ein berühmtes Werk von Shakespeare. Schon vor zwei Jahren begeisterten die Schlossspiele Falkenstein unter ihrer Leitung mit «Romeo und Julia».

Der Funke springt über

In diesem Sommer sind es 36 Spielende, die den «Sommernachtstraum» zum Leben erwecken. Bereits bei der ausverkauften Premiere am Donnerstagabend entstand von der ersten Szene an ein Gefühl grosser Verbundenheit zwischen Bühne und Zuschauertribüne. Das hat natürlich mit dem Schlosshof zu tun, der eine einmalige Spielstätte bietet. Ausserdem gehört es zu den schönen Nebeneffekten solcher Inszenierungen, dass Freunde und Verwandte der Aktiven beim Spiel mitfiebern. Doch dass der Funke so schnell und so direkt von der Bühne zum Publikum springt, ist in diesem Fall auch der Sprache geschuldet.

Den beiden Übersetzern ist es geglückt, Shakespeare in eine schweizerdeutsche Umgangssprache zu übersetzen, die den Spielleuten vollkommen natürlich im Mund liegt. Der erfahrene Theatermann Ueli Blum und sein Bruder, der Anglist, Musiker und Autor Adi Blum, schlagen die Brücke zwischen den Sprachen mühelos. Dass dabei Shakespeares Vorlage bis in die Details der Versmasse respektiert wurde, ist grosse Übersetzerkunst. Die verwendete Sprache ist gerade deswegen schön, weil mit ihr nicht geprotzt wird . «Jetz wott ich schlafe, mache d Auge zue. / Im Schlaf, da lat eim ds Leid paar Stund in Rue», sagt Helena und wir verstehen sie fast körperlich.

Perfekter Rhythmus

Das wichtige Verdienst von Regisseurin Vögeli wiederum ist es, dieser Vorlage einen perfekten Rhythmus zu geben. Die Schauspieler sind nicht nur textsicher, sie gehen auch in genauem Timing aufeinander ein. Da ist sehr viel Spielfreude zu spüren, ohne dass die Präzision darunter leidet.

Wenn Hyppolita im fünften Akt sagt: «De Dichter suecht, luegt fiebrig gäge Himmel, / Beschriibt de all die Sache wo’s nid git. / Är schänkt em Nüüt mit Wörter es Deheime», dann können wir diese poetische Wahrheit auch auf das Bühnenkonzept von Matthias Keller, das Lichtdesign von Martin Brun und die feine Musik von Fabian Capaldi übertragen. Mit sehr wenigen, aber effizienten Mitteln verwandeln sie das städtische Umfeld vom Hof in Athen in den Traumwald mit seinen Elfen und Kobolden. Sie geben der Truppe das Zuhause, das uns in dieser Sommernacht zum Träumen verleitet.

Dass der Theaterabend nie durchhängt und durchweg kurzweilig bleibt, hat mit dem erwähnten Rhythmus zu tun. Einen grossen Anteil an diesem immer flüssigen, aber nie hastigen Rhythmus haben die dynamischen, von der Choreografin Malou Meyenhofer liebevoll choreografierten Tanzszenen der Elfen und Kobolde.

Spiellust im Interesse des Ganzen

Im Rahmen dieser kleinen Rezension einzelne Namen der Schauspieler hervorzuheben, wäre unfair denen gegenüber, die nicht erwähnt werden können. Es sind zu viele, die nicht nur gut und mit Leidenschaft spielen, sondern die ihre Spiellust auch immer im Interesse des Ganzen kontrollieren.

In Niedergösgen wird schwierige Kost leicht zubereitet. Das ist die ganz grosse Kunst. Wir dürfen vermuten, dass der alte William Shakespeare an dieser Inszenierung der Schlossspiele Falkenstein seine Freude hätte.

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