Früher war das mit der Ernährung einfach; die Säuglinge bekamen das gefüttert, was gerade zur Hand war. Eine Flasche Kuhmilch, einen Fetzen Brot, aufgeweicht im Zuckerwasser, oder einen im Honig getunkten Nuggi. Daran nuckelten die Kinder zufrieden und lagen ruhig im Stubenwagen, während die Mutter den Haushalt schmiss. So war das einfach. Von «ungesund», «allergiefördernd» oder «zahnschädigend» sprach damals kein Mensch, von entsprechenden Studien erst recht nicht.

Kuhmilch, Zuckerwasser, Honig – das lässt Müttern heute die Haare zu Berge stehen. Und Mütter- und Väterberaterinnen sowieso. Wie Theres Kamer (64) aus Hirschthal. Ein ganzes Berufsleben lang hat sie sich um Säuglinge gekümmert, erst als Kinderkrankenschwester am Kantonsspital Aarau und in der Frauenklinik Olten, seit 1997 als Mütter- und Väterberaterin im Bezirk Aarau.

Generationen von Babys und frischgebackenen Eltern hat sie begleitet, jede Mutter in der Region kennt ihren Namen, wenn auch nur vom ersten höflichen Telefongespräch, an dem Kamer die kostenlosen Dienste der Mütter- und Väterberatung anbot. Jetzt ist sie in Pension gegangen – Zeit, die stille Schafferin erzählen zu lassen.

Vertrauen ist das A und O

Wenn Kamer klingelte, durften die Frauen ihr die Tür im Pyjama öffnen. Das sagte sie ihnen am Telefon so, beim Vereinbaren des Termins. «Mir war es wichtig, die Familien erst zu Hause kennen zu lernen.» So fühlten sich die Eltern wohler und es blieb mehr Zeit fürs Kennenlernen. «Das schaffte Vertrauen», sagt Kamer. «Und Vertrauen ist das A und O in unserem Beruf.» Danach kamen die Eltern bei ihr in der Beratungsstelle vorbei, manche jede Woche, manche nur jedes halbe Jahr.

Der Mütter- und Väterberaterin dürfen Eltern alle Fragen stellen, die ihnen auf der Zunge brennen. «Grundsätzlich bestimmen die Eltern, worüber gesprochen wird», sagt Kamer. Aber natürlich beobachten die Beraterinnen, wie die Eltern mit dem Kind umgehen, wie das Kind auf die Eltern reagiert, wie es sich bewegt, wie es brabbelt.

Eine Kontrolle sei das aber nicht. «Unser zentrales Anliegen ist das Wohl von Kind und Familie.» Sehen sie gravierende Probleme, sprechen sie die Eltern darauf an. Die Beraterinnen unterstehen aber der Schweigepflicht. Ohne schriftliche Einwilligung der Eltern dürfen sie mit niemandem reden.

Die Fragen der Eltern haben sich in den fast 50 Jahren, seitdem Kamer ihre Ausbildung begann, verändert. Und auch die Ratschläge. Nicht nur das mit der Ernährung ist heute ganz anders. Der Klassiker ist das mit der Lagerung zur Verhinderung des plötzlichen Kindstodes: Erst legte man die Babys auf den Rücken, dann musste jedes bäuchlings ins Bett gelegt werden, heute gilt wieder das Gegenteil.

Und auch das Stillen hat heute einen ganz anderen Stellenwert als früher. «Die Erkenntnisse aus der Forschung haben im Umgang mit Kleinkindern vieles auf den Kopf gestellt», sagt Kamer und lacht.

Überfluss an Ratschlägen

Diese Erkenntnisse haben auch ihren Beruf grundlegend verändert: Standen früher die richtige Ernährung, Hygiene und Pflege im Zentrum, besteht die Aufgabe einer Mütter- und Väterberaterin heute darin, das Vertrauen der Eltern in ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken. «Früher waren Kinder einfach da, man machte kein grosses Aufheben um sie. Heute ist das ganz anders.» Ratgeber füllen ganze Regalreihen, das Internet liefert Abertausende an guten und gut gemeinten Ratschlägen, zu jedem Zimperlein gibt es Foren.

War die Kindererziehung früher Familiensache, beteiligt sich heute die ganze Öffentlichkeit daran. «Diese Fülle an Informationen und Ratschlägen verunsichert», sagt Kamer. Dazu kommt die hohe Erwartungshaltung, das Wetteifern der Eltern untereinander. Wer hat den ersten Zahn, wer robbt zuerst und wer macht wann den ersten Schritt?

«Alle Eltern wünschen sich das Beste für ihr Kind und sind verunsichert, wenn es bei seiner Entwicklung nicht zu den Ersten zählt», sagt sie. «Die Eltern müssen lernen, darauf zu vertrauen, dass ihr Kind einen weiteren Entwicklungsschritt macht, wenn die Zeit reif ist.» Das brauche Zeit. «Und Gottvertrauen.»

Anders sind heute auch die Familienkonstellationen; die Familie mit Vater, Mutter und fünf Kindern hat Seltenheitswert. Heute wachsen Kinder in Kleinfamilien, bei Alleinerziehenden, in Patchworkfamilien, bei homosexuellen Paaren und in Wohngemeinschaften auf. «Die Eltern beschäftigen heute viel mehr erzieherische Fragen oder psychosoziale und finanzielle Probleme als früher», sagt Kamer.

Dazu kommt das Thema Integration, das in den nächsten Jahren noch an Bedeutung gewinnen wird. Oftmals hätten die Migranten noch nie von einer «Mütterberatung» gehört, sagt Kamer, aber mit einer Übersetzerin an ihrer Seite habe es immer ganz gut geklappt. «Wir haben Kontakt mit den Familien, Jahre bevor die Kinder in den Kindergarten kommen.» So können die Kinder frühzeitig in Spielgruppen vermittelt werden, um Deutsch zu lernen.

Anders heisst nicht schlecht

In den ganzen Jahren musste sich Theres Kamer ab und zu auf die Zunge beissen. «Ich musste lernen, dass nicht nur das, was ich für richtig halte, auch richtig ist.» Gerade, wenn sie mit Eltern aus anderen Kulturen zu tun hatte, habe sie gelernt, dass «anders» nicht «schlecht» ist. Kamer nennt als Beispiel Serbo-Kroaten, die ihre Kinder straff einwickeln und sie in die Wiege legen. «Das mutet komisch an, kann aber ganz hilfreich sein.» Heute wisse man, dass sich unruhige Kinder gut eingewickelt geborgen fühlen und sich rascher beruhigen. Oder afrikanische Frauen, die ihre Kinder ständig im Tragtuch bei sich haben: «Uns Europäern war das lange fremd, aber für die Bindung ist das in den ersten Wochen das Allerbeste.»

Jetzt hat dieser Lebensabschnitt also ein Ende. Theres Kamer freut sich darauf, Zeit für ihren Garten, ihre Bücher und Reisen zu haben. Aber die Kinder werden ihr fehlen. Was hat ihr an ihrem Beruf am besten gefallen? Kamer überlegt nicht lange: «Zuzuschauen, wie sich wehrlose Säuglinge zu properen Weltenentdeckern entwickeln.»