Aarau
Wenn Gott zur Göttin wird, stehen oft die Haare zu Berge

Frauen feiern heute in Aarau Agape: Mit ihrer Abendmahlfeier möchten sie näher an die traditionelle Liturgiefeier in der katholischen Kirche rücken.

HEIDI HESS
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Susanne Birke steht am Altar in der Kirche Peter und Paul in Aarau.HHS

Susanne Birke steht am Altar in der Kirche Peter und Paul in Aarau.HHS

Unbeirrt stellt sich Susanne Birke in der grossen katholischen Kirche Peter und Paul ganz vorne an den Altar. «Wir Frauen», sagt die zierliche Theologin, «fordern auch dort unseren Platz ein.» Birke leitet seit 2003 die katholische Frauenstelle Aargau und lädt heute Abend zur dritten Agapefeier in der Aarauer Kirche ein.

Gemäss Neuem Testament steht Agape für reine und göttliche Liebe. Der Begriff bezeichnet ausserdem sowohl in katholischen als auch in evangelischen Pfarrgemeinden das gemeinsame Mahl nach einem besonderen Gottesdienst.

«Ein weiterer Stupf»

Angeregt hatte die Liturgiefeier für Frauen und Männer Regina Scherer-Buscher. Sie ist Pastoralassistentin in der katholischen Pfarrei Peter und Paul und kannte Agapefeiern von ihrer vorherigen Arbeit im Raume Basel. Bei Susanne Birke stiess sie auf offene Ohren. Birke hatte 1989 in Tübingen, Deutschland, ihr Theologiestudium begonnen. Beendet hatte sie es dann in der Schweiz, in Fribourg. Weil dort der Freiraum für feministisch-theologisches Gedankengut grösser gewesen sei, erklärt sie.

Die Feiern in Aarau leiten Birke und Scherer-Buscher, die zurzeit in den Ferien ist, gemeinsam. «Es soll ein weiterer Stupf sein», sagt Birke. Ein Stupf in Richtung Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der katholischen Kirche. Sie sagt es lachend, um dann doch zu relativieren: «Einfach ist es nicht.» Denn wenn Gott auch mal weiblich sein kann, und das sogar sprachlich im Begriff «Göttin» zum Ausdruck kommt, «stehen vielen immer noch die Haare zu Berge».

Mit ihrer Liturgiefeier nähern sich die Theologinnen gemäss Ausschreibung «christlichen Wurzeln mit befreiungs-theologisch-feministischen Augen und Ohren». Die Feiern seien freiwillig, betont Birke. «Es kommen immer nur die, die so etwas auch suchen.» Rund zwanzig Personen, hauptsächlich Frauen, seien es an den ersten beiden Feiern im November und Februar in Aarau gewesen.

Ausgeschlossen von Eucharistie

Frauengottesdienste gibt es in Aarau hingegen bereits seit 1990. Die Agapefeier aber steht zwischen den ökumenischen Frauengottesdiensten und der katholischen Messe.

«Wir wollen mit unserer Feier näher an die traditionelle Liturgie in der katholischen Kirche», sagt Birke. Denn Frauen dürfen in der katholischen Kirche zwar Anlässe wie Taufen oder Beerdigungen zelebrieren. Ausgeschlossen aber sind sie von der Eucharistie. Lediglich der Priester kann Brot und Wein auf sakramentale Art und Weise zu Leib und Blut Christi umwandeln.

Eine Berechtigung gäbe es dafür indessen nicht, sagt die feministische Theologin. Es existierten genügend Belege dafür, dass Frauen immer ihren Platz in der Kirche gehabt hätten. Immerhin werde Frauen in der katholischen Kirche heute sehr viel erlaubt, anerkennt sie. Nur: «Wir dürfen es nicht publik machen.» Und das genüge vielen Frauen in der katholischen Kirche nicht mehr. «In der Kirche bleiben oder gehen» sei unter den Frauen, mit denen sie zusammenarbeite, immer wieder ein Thema. Für die Theologin Birke ist denn auch «die Zeit des geduldig Bittens vorbei».

Bewegen in Grenzbereichen

Mit den Agapefeiern provozieren Regina Scherer-Buscher und Susanne Birke zum Beispiel das Sakrament der Eucharistie: Am Altar teilen sie Brot und Traubensaft bei einem gemeinsamen Abendmahl, zelebriert von den Theologinnen in liturgischen Gewändern. Auch sprachlich gehen die beiden eigene Wege. Für die liturgische Begrüssung verwenden sie – statt Formulierungen mit Vater, Sohn und Heiligem Geist – neutralere oder weibliche Formen aus. Das «Vater unser» schliesslich beginnt in der Agapefeier mit «Mutter unser». Das sei in Aarau sehr gut aufgenommen worden, meint Birke.

In der dritten Aarauer Agapefeier steht Anna Göldi, die 1782 in Glarus der Hexerei beschuldigt und hingerichtet worden war, im Zentrum. Über ihre Person gedenke man politisch und kirchlich verfolgter Frauen. Ausgrenzungen geschehen in der katholischen Kirche auch in der heutigen Zeit. «Damit bewege ich mich natürlich in Grenzbereichen», ist sich Birke bewusst. Aber von Bistumsseite habe sie noch nie Einschränkungen erlebt. Sie schliesst indessen nicht aus, dass ihr das eines Tages nicht doch passieren könnte.

Agapefeier heute Dienstag, 1. Mai, um 18 Uhr in der katholischen Kirche Peter und Paul in Aarau.

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