Aarau
Wenn die Schranken fallen, dann können alle gewinnen

Auf einer Wanderung sind sich Schweizer und Flüchtlinge näher gekommen. Aus Ländern wie Afghanistan, Äthiopien, China, Nigeria oder Somalia kamen die Flüchtlinge um die Schweizer Natur kennen zu lernen.

Daniel Vizentini
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Flüchtlingswandern in Aarau
9 Bilder
12 Die Wanderung ist vorüber - jetzt können sie sich ausruhen (2)
03 Die Wanderung beginnt
01 Asylanten und freiwillige Helfer versammeln sich beim Bahnhof
04 Mehrere Nationen auf einem Bild
10 Switzerland meets Tibel (2)
05 Mit dem Schirm schützen sich die tibetanischen Damen vor der Sonne
06 Sie laufen der ersten Pause beim Tierpark Roggenhausen entgegen
09 Kurz vor dem Ziel die letzte Verschnaufpause

Flüchtlingswandern in Aarau

Daniel Vizentini

Bahnhof Aarau, Gleis 1, 14 Uhr. Die Flagge des Roten Kreuzes hängt an der Bahnhofwand, davor haben sich einige Personen versammelt.

Sie stammen aus Afghanistan, Äthiopien, China, Nigeria oder Somalia. Es sind einzelne junge Männer und Frauen, zum Teil auch ganze Familien. «Mit diesem bunten Personenmix haben wir gar nicht gerechnet – das freut uns sehr», sagt Rolf Geiser vom Netzwerk Asyl Aarau. Die Flüchtlinge sollen eine Beziehung aufbauen zu ihrer Umgebung, die hiesige Natur kennen lernen und mit Schweizern und anderen Flüchtlingen in Kontakt treten. Wer sich zugehörig fühlt, komme nicht auf dumme Ideen, so Geiser. Zudem: «Die Flüchtlinge haben es nicht leicht, sie sollen heute mindestens einen schönen Tag verbringen.»

Eindrückliche Geschichten

Am nationalen Flüchtlingstag organisierte das Schweizerische Rote Kreuz Aargau letztes Jahr eine Velotour. Dieses Jahr steht eine Wanderung vom Bahnhof über den Tierpark Roggenhausen bis zum Goldernwald auf dem Programm.

Einige Freiwillige des Roten Kreuzes und des Netzwerk Asyls wandern mit den Flüchtlingen mit. Spontan und ungezwungen entstehen die ersten Gespräche. Sie handeln vom Leben in der Schweiz, von den bisherigen Erfahrungen hier, von Ideen und Zielen. Fragt man die Flüchtlinge nach ihren Geschichten, werden unglaubliche Schicksale offenbart. Etwa das eines jungen Mannes aus Somalia. Seit anderthalb Monaten wohnt er in Buchs, den Jungentreff in Suhr besucht er regelmässig. «Mein Freund Jan hat mir von dieser Wanderung erzählt. Ich komme lieber hierher und mache etwas draussen, anstatt nur zu Hause zu sitzen», erzählt er.

Jugendarbeiter findet Flüchten beeindruckend

Jugendarbeiter Jan Götschi meint: «Die Schicksale dieser Jungen, die alleine alles hinter sich lassen und flüchten, finde ich beeindruckend.» Ein junger Nigerianer erzählt, wie er in einer ländlichen Gegend seines Landes aufgewachsen ist und wegen seines Glaubens – er ist Christ – Probleme bekam. Über Land flüchtete er nach Libyen. Als sich dort der Konflikt zwischen Gaddafi und rebellischen Truppen verschärfte, verlor er seine Arbeit, wurde festgenommen, verbrachte eine Woche in einer Zelle mit rund 50 Gefangenen. Auf einem Boot flüchtete er dann nach Italien, später kam er in die Schweiz. «Viele starben auf dem Weg», sagt er. Seit acht Monaten wartet er auf eine Entscheidung in seinem Asylverfahren. «Für mich ist das kein Problem. Ich habe keine andere Wahl, also warte ich.»

Marco Looser vom Jugendrotkreuz ist überzeugt: «Von einer Begegnung wie heute gewinnen Schweizer wie Flüchtlinge etwas.» Denn Schranken und Vorurteile werden abgebaut, man kommt sich näher.