Lokführermangel

Wenn die SBB plötzlich nicht mehr fährt – das sagen Passagiere

Bus statt Zug am Bahnhof Suhr: auf der Strecke von Lenzburg nach Zofingen setzen die SBB auf den Bahnersatz.

Bus statt Zug am Bahnhof Suhr: auf der Strecke von Lenzburg nach Zofingen setzen die SBB auf den Bahnersatz.

Wegen dem Lokführermangel bei der SBB verkehrt ein Ersatzbus auf der Strecke Lenzburg-Zofingen. AZ-Redaktor Michael Küng sprach mit Reisenden, die jetzt den Bus nehmen müssen.

«Ist das ein Ersatzbus wegen Bauarbeiten?»

Ist unterwegs von Suhr nach Lenzburg: Martina Kappimai.

Ist unterwegs von Suhr nach Lenzburg: Martina Kappimai.

Martina Kappimai (29) aus Lenzburg.
«Ich habe gehört, die Züge würden wegen Bauarbeiten nicht fahren. Für mich spielte das zumindest bis jetzt keine grosse Rolle. Ich wohne in Lenzburg und habe die letzten vier Jahre bei Globus in Zürich gearbeitet. Seit die Migros Globus verkauft hat, ist es zu mehreren Entlassungswellen gekommen, per 1. Oktober hat es auch mich erwischt. Auch wegen der Coronakrise kam das nicht ganz unerwartet. Ich war Content-Managerin und hatte ein super Team, auch abteilungsübergreifend. Jetzt war ich gerade beim Erstgespräch auf dem RAV in Suhr. Meine Beraterin hat mich bereits davor gewarnt, dass es im Winter in der Regel noch mehr Arbeitslose geben wird, und mir deshalb geraten, meinen Suchradius zu vergrössern. Mal sehen – jetzt nur nicht den Kopf in den Sand stecken.»

«Wenigstens kann ich im Bus schlafen»

Noch bis zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember muss Ali Eren Donat den Bus benützen.

Noch bis zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember muss Ali Eren Donat den Bus benützen.

Ali Eren Donat (24) pendelt von Kölliken nach Seon.
«Ich bin vor vier Jahren aus Wohlen nach Kölliken gezogen, weil mein Vater den hiesigen Denner übernommen hat. Bis er ihn wegen der Gesundheit wieder verkaufen musste, waren wir ein richtiges kleines Familienunternehmen. Jetzt arbeite ich in Seon bei Bio Partner. Dort habe ich temporär angefangen und nach sechs Monaten eine Festanstellung bekommen. Nach nur zwei weiteren Monaten wurde ich bereits zu einer Art Abteilungsleiter befördert. Wenn ich Frühschicht habe, ist der Bahnersatz für mich perfekt. So kann ich bis Lenzburg sitzen bleiben und noch einmal 40 Minuten lang schlafen. Allerdings sind die Verbindungen nicht so gut und manchmal verwirren sie auch. Plötzlich fahren die Busse wieder anders. Für mich spielt das zum Glück keine grosse Rolle, zur Not nimmt mich einfach ein Arbeitskollege mit. Dank meiner Position ist die Arbeit sehr abwechslungsreich, immer muss ich wieder woanders zum Rechten sehen, bin stets im Schuss, das gefällt mir. Und jetzt auf die Weihnachtszeit hin wird es dank vieler Bestellungen richtig anstrengend.»

«Der Bus ist meganervig»

Sein Arbeitsweg dauert jetzt anderthalb Stunden.

Sein Arbeitsweg dauert jetzt anderthalb Stunden.

Dino (28) aus Kölliken
«Mein üblicher Arbeitsweg dauert jetzt nicht mehr 40 Minuten, sondern anderthalb Stunden. Der Bus ist meganervig. Heute fahre ich direkt nach Wallisellen zur Arbeit. Dort werde ich den Verkehr regeln, während an einer Kreuzung eine Barriere installiert wird. Vor einem Jahr kam an dieser Stelle bei einem Unfall ein kleines Mädchen ums Leben. Das ist sehr tragisch, zum Glück wird nun etwas unternommen. Der Job war als Übergangslösung gedacht, doch mittlerweile gehöre ich nach zweieinhalb Jahren bereits zu den Veteranen. Der Lohn könnte besser sein, ansonsten gefällt mir der Beruf erstaunlich gut. Aufgewachsen bin ich in der Umgebung von Chur, als Kind habe ich mit Mutter und Bruder ein Jahr auf Bali gelebt, bin später zu KFOR gegangen und jetzt also in Kölliken gelandet. Hier hatte ich einen Job als Chemielaborant gefunden, der mir aber nicht zugesagt hat.»

«Am Montag muss ich jeweils früher aufstehen»

Die Lehrtochter pendelt von Kölliken in die Kantonshauptstadt.

Die Lehrtochter pendelt von Kölliken in die Kantonshauptstadt.

Jil Kummerer (15) aus Kölliken
«Ich habe vor zwei Monaten meine Lehre bei Knecht Reisen in der Aarauer Altstadt angefangen. Seither pendle ich von Kölliken in die Kantonshauptstadt. Der Bus ist gewöhnungsbedürftig. Wegen des Bahnersatzes muss ich am Montag früher aufstehen. Bevor ich meine Lehrstelle bei Knecht Reisen gefunden habe, habe ich die Berufe der Coiffeuse und der Kinderbetreuerin ausprobiert, doch beides hat mir nicht sehr zugesagt. Weil ich gerne reise und Sprachen mag, kam mir dann die Idee mit einem Reisebüro. Dort gefällt es mir sehr. Es ist trotz Corona nicht so, dass ich nichts zu tun hätte. Ich bin etwa für das Telefon mitverantwortlich, darf bei der Erstellung von Offerten zusehen und diese mitbearbeiten. Besonders freut mich, dass mich jeden Tag etwas Neues
erwartet.»

«Manchmal ist er verspätet»

Filip Cordarov ist unterwegs nach Oberentfelden.

Filip Cordarov ist unterwegs nach Oberentfelden.

Filip Cordarov (17) aus Gränichen.
«Ich bin auf dem Weg zum Arzt in Oberentfelden, weil ich etwas am Kränkeln bin. An Corona denke ich dabei nicht, aber sicher ist sicher. Das mit dem Bahnersatz geht schon. Der Bus ist halt manchmal verspätet. Ich bin im zweiten Lehrjahr als Sanitärinstallateur. Ich wäre schon ein Jahr weiter, hätte ich mir nicht beim Arbeiten die Schulter ausgerenkt. Das Ausrenken geht auf eine Verletzung zurück, die ich mir beim Wasserball geholt habe. Ich vermisse den Sport sehr, doch die Gesundheit geht vor. Sieben Jahre lang habe ich gespielt, in Serbien. Hierher gekommen bin ich erst vor vier Jahren. Wieso mein Schweizerdeutsch so gut ist, weiss ich auch nicht, meine Kollegen sprechen mich auch oft darauf an. Wenn man etwas wirklich muss, dann packt man das auch. Wobei: Eigentlich wäre ich gerne in die Bezirksschule gegangen, aber auf die Schnelle auch noch Französisch zu lernen, war dann doch zu schwierig.»

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