Unterentfelden
Wenn das Hörgerät ein Radio und ein Telefon ist

Der Jahresbericht des Landenhof behandelt die Internetnutzung durch Schwerhörige. Smartphones und Computer tragen dazu bei, Kommunikationsbarrieren zu überwinden.

Daniel Vizentini
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Wie seine Kollegen kommuniziert der 14-jährige Schüler Edon Demnika über Computer und Smartphone.Niklaus Spoerri

Wie seine Kollegen kommuniziert der 14-jährige Schüler Edon Demnika über Computer und Smartphone.Niklaus Spoerri

Computer und Smartphones eröffnen hörbehinderten Menschen Möglichkeiten, ohne Handicap zu kommunizieren. Der aktuelle Jahresbericht des Landenhof, der schweizerischen Schule für Schwerhörige in Unterentfelden, greift deshalb die Nutzung moderner Medien durch die Schüler auf. «Ich schreibe lieber SMS, als mit dem Handy zu telefonieren, denn da muss ich oft nachfragen und das dauert», sagt zum Beispiel Schüler Kim. Für seinen Kollegen Gabriel bringen die modernen Handys auch Vorteile: «An meinem Handy kann ich Kopfhörer anschliessen. Dank ihnen kann ich alles gut hören.»

Gemäss Erziehungsleiter Stefan Buchmüller tragen Computer und Smartphones dazu bei, Kommunikationsbarrieren zu überwinden. «Schwerhörige Menschen nutzen die internetbasierten Medien intensiv, da sie grösstenteils über Texte und Bilder funktionieren.» Bei einzelnen schwerhörigen Kindern bestünde hingegen die Gefahr, dass sie sich zu stark in die virtuelle Welt zurückziehen, da die Hörschädigung dort ausgeblendet werden kann. «Im Unterricht fördern wir deshalb die sozialen Kompetenzen der Jungen.»

Facebook top, Skype ein Flop

«Es ist natürlich so, dass man auf Facebook eigene Schwächen ausblenden kann», sagt Informatiklehrer Christoph Woodtli, relativiert aber: «Ich sehe am Landenhof viele selbstbewusste Jugendliche, die sehr gut mit ihrer Hörbehinderung umgehen können.» Im Unterricht werde deshalb eher thematisiert, was man in Facebook von sich preisgeben soll und was nicht.

Facebook benützen die Schüler auch für ihre Schulaufgaben. «Über Facebook diskutieren wir Hausaufgaben und tauschen Lösungen aus», sagt Schüler Modest. Und Schülerin Céline fügt hinzu: «Mann kann weniger falsch verstehen, wenn man einander schreibt.»

Noch nicht ausgereift sei für die hörbeeinträchtigten Schüler hingegen Skype. «Es wäre eigentlich eine super Sache, denn man sieht den Gesprächspartner und kann seine Lippenbewegungen ablesen», sagt Modest. Weil aber die Webcam-Bilder oft stocken und kaum synchron mit dem Ton laufen, sei dies noch nicht möglich. Auch würden einige Smartphone-Hersteller die Bedürfnisse von Hörbehinderten nicht berücksichtigen. Da das Mikrofon des Hörgeräts über dem Ohr liegt, müssten Hörgeräteträger das Handy anders halten als Normalhörende, sagt Stefanie Basler, Leiterin des pädaudiologischen Dienstes beim Landenhof. «Leider sind bei den heutigen Smartphones Fotografieren oder Musikhören wichtiger geworden als ein guter Lautsprecher.»

Das Radio ist auch ein Hörgerät

Neue Hörgeräte setzen auf Funk, wie bei einem FM-Radiogerät. Damit könne man das Hörgerät als Lautsprecher des Telefons benützen – oder auch Radio empfangen. Im Unterricht können die Lehrer über Funkmikrofon direkt auf die Hörgeräte der Schüler sprechen, was aber nicht alle Schüler gut finden. «Mit der FM-Anlage hört man nur noch den Lehrer. Das finde ich schade, denn man verpasst, was die Klassenkollegen sagen», so Schüler Gabriel.

Alle Oberstufenschulzimmer im Landenhof sind heute mit Smartboards ausgerüstet – eine digitale Wandtafel, die am Computer angeschlossen ist. Das schätzt Gabriel: «Damit können im Unterricht Bilder und Videos gezeigt werden. Das hilft mir sehr beim Verstehen.»

Google hilft, Lücken zu füllen

Matthias Kühnrich, Leiter Audiopädagogik und selber hörbeeinträchtigt, sieht das Internet als einen grossen Gewinn. «Vor wichtigen Telefongesprächen mache ich manchmal im Internet eine kurze Recherche zu meinem Gesprächspartner. Diese Informationen helfen mir dann, Lücken beim Verstehen zu füllen.»

Und trotz der vielen Vorteile neuer Medien sagt die hörbeeinträchtigte Schülerin Céline: «Es gibt Jugendliche, die während eines Gesprächs mit einem Ohr Musik hören und auf dem Handy herumdrücken. Meine schwerhörigen Kollegen sind da oft eine angenehme Ausnahme: Sie konzentrieren sie sich ganz auf das Gegenüber, weil sie gar nicht auf zwei verschiedene Sachen hören können.»

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