Initiative
Weniger Autos, mehr Velos und Busse: Wie Aarau Mobil das Stauproblem lösen will

Wie kriegt man mehr Menschen aufs Velo und in den Bus? Mit guter Infrastruktur für diese Verkehrsmittel. So lautet jedenfalls das Rezept der Initianten der Städteinitiative.

Nadja Rohner
Merken
Drucken
Teilen
Wie Aarau Mobil das Stauproblem lösen will
5 Bilder
Hintere Bahnhofstrasse: Nur ein Velostreifen Erich Niklaus: «Wir sind gespannt, ob es bei der Neugestaltung auf jeder Strassenseite einen Radstreifen geben wird. Das Projekt wird demnächst aufliegen. Im Velokonzept 2004, im Verkehrsrichtplan 2005 und jetzt auch im Kommunalen Gesamtplan Verkehr ist die Strasse als wichtige Verbindung im Velonetz vermerkt. Pro Velo fordert seit bald 20 Jahren zweiseitige Velostreifen. Man hat das bisher konsequent missachtet.»
Rain: Schüler stehen im Stau Erich Niklaus: «Man hat hier zwar einen Velostreifen eingeführt, die Strasse verbreitert und die Abzweigebeziehung verbessert, damit die Schüler besser zur Bezirksschule gelangen können. Leider hat man ihren Heimweg nicht verbessert. Wenn der Verkehr fliesst, wird hier wegen der Sicherheitslinie und der Insel wahnsinnig knapp überholt. Und wenn der Verkehr steht, stehen die Schüler im Stau oder weichen aufs Trottoir aus. Es hätte vier Projektvarianten gegeben, wovon drei auch den Rückweg mit einbezogen hätten – leider hat man die andere realisiert.»
Laurenzenvorstadt: Enge Fahrbahn, keine Bäume Petra Ohnsorg: «Durch die Sanierung wurde die Fahrbahn schmaler, weshalb sich Autos und Velofahrer nun sehr nahe kommen. Auch zum Abbiegen ist es sehr eng. Die breiten Trottoirs nützen den Fussgängern wegen der Parkplätze nur bedingt – hier hätten beispielsweise ein paar Bäume die Aufenthaltsqualität verbessert.»
Rüchlig: Velosteg abgelehnt Petra Ohnsorg: «Es ist unglaublich ärgerlich, dass die Veloverbindung Aarenau-Telli via Kraftwerk Rüchlig nicht realisiert wurde. Der Einwohnerrat hat 2012 mit nur einer Stimme Unterschied einen Kredit von 2,6 Mio. Franken dafür abgelehnt. In der Aarenau baut man ein ganzes Quartier neu – und man hat keine direkte Verbindung ins Telliquartier rüber.»

Wie Aarau Mobil das Stauproblem lösen will

Mario Heller

Am 4. März stimmen die Aarauer über die Städteinitiative des Vereins Aarau Mobil ab. Sie will, dass die Förderung einer «energieeffizienten, emissionsarmen und platzsparenden Mobilität» in der Gemeindeordnung verankert wird – konkret soll der Anteil an Velo-, Fuss- und öffentlichem Verkehr am Gesamtverkehrsvolumen «stetig» gesteigert werden, während eine «hohe Aufenthaltsqualität» auf den Strassen und Plätzen gewährleistet wird.

Der Stadtrat hegt Sympathien für das Anliegen, befürchtet aber eine zu starke Einschränkung seines Handlungsspielraums. Er stellt der Initiative einen Gegenvorschlag zur Seite. Die Initiative wurde im Dezember im Einwohnerrat mit 23:16 abgelehnt. Der Gegenvorschlag, durch einen Abänderungsantrag konkretisiert, fand mit 27 Ja zu 17 Nein Zustimmung. FDP und SVP sprachen sich dagegen aus.

Mittlerweile sind die Freisinnigen umgeschwenkt: Sie fassten diese Woche die Ja-Parole für den Gegenvorschlag. Er sei «vergleichsweise ausgewogen», damit seien «keine übermässigen zusätzlichen Aufwände zu erwarten». Die Initiative selber hält die FDP für «unnötig», sie verursache «zusätzlichen administrativen Aufwand».

Der Verein Aarau Mobil hält an seiner Initiative fest. Die Co-Präsidenten Petra Ohnsorg und Erich Niklaus sagen im Interview, weshalb – und zeigen an vier Beispielen auf, wo die Stadt Chancen verpasst hat, die Situation für den Langsamverkehr zu verbessern (siehe Bildergalerie oben).

Frau Ohnsorg, Herr Niklaus, haben Sie eigentlich ein Auto?

Erich Niklaus: Ich besitze nicht einmal einen Führerausweis. Aber meine Frau kann fahren, wir nutzen Mobility.

Petra Ohnsorg: Wir haben ein Familienauto – ein Hybrid. Als Archäologin muss ich oft irgendwo «is Chruut use» oder habe Sachen zu transportieren. Am liebsten bin ich aber mit dem Velo unterwegs.

Petra Ohnsorg Matter 52 Jahre alt, Archäologin, Fraktionspräsidentin Grüne; wohnt im Zelgli.

Petra Ohnsorg Matter 52 Jahre alt, Archäologin, Fraktionspräsidentin Grüne; wohnt im Zelgli.

Sie sind Co-Präsidenten des Vereins Aarau Mobil. Wurde der extra für die Städteinitiative gegründet?

Ohnsorg: Ja. Eigentlich wollten wir Grünen eine Städteinitiative lancieren, haben dann aber relativ rasch Pro Velo Aarau ins Boot geholt und die Parteien von links bis rechts eingeladen, mitzumachen – nicht alle haben die Einladung angenommen. Einen Verein haben wir gegründet, weil es uns wichtig war, dass eine Organisation die Umsetzung der Initiative beobachtet.

An zwei Samstagen vor der Abstimmung hat Aarau Mobil am Holzmarkt einen Stand. Wie erklären Sie den Leuten möglichst einfach, worum es bei der Initiative geht?

Niklaus: «Die Initiative löst die Verkehrsprobleme von Aarau!» (lacht) Das wäre vielleicht etwas viel versprochen – aber Ziel der Initiative ist tatsächlich, dass mehr Leute zu Fuss, mit dem Velo oder dem öffentlichen Verkehr unterwegs sind. Und darin sehen wir den Lösungsansatz für die Aarauer Verkehrsprobleme. Konkret soll in der Gemeindeordnung – also der Verfassung – die bewusste Förderung dieser sogenannt sanften Verkehrsarten festgehalten werden.

Erich Niklaus 51 Jahre alt, Architekt, Mitglied Pro Velo Aarau; wohnt in der Innenstadt.

Erich Niklaus 51 Jahre alt, Architekt, Mitglied Pro Velo Aarau; wohnt in der Innenstadt.

Es gibt aber schon diverse Konzepte, die dieses Ziel verfolgen. Zum Beispiel der Kommunale Gesamtplan Verkehr.

Niklaus: Genau, die gibt es seit vielen Jahren – und trotzdem ist nur wenig passiert. Wenn man beispielsweise den Verkehrsrichtplan vor zehn Jahren ernst genommen hätte, wäre Aarau schon viel weiter.

Ohnsorg: Wir sehen einfach, dass diese Pläne und Konzepte nicht ausreichen. Letztlich sind es bloss Absichtserklärungen ohne Verbindlichkeit. Die Stadt ist voll, die Kapazitäten auf dem heutigen Strassennetz ausgeschöpft. Wir wollen nicht das Auto verbieten, sondern einen Anreiz schaffen, dass möglichst viele Leute freiwillig auf Autofahrten verzichten. Zum Beispiel durch eine Verbesserung der Infrastruktur für den sanften Verkehr.

Haben andere Städte in der Schweiz das bereits gut umgesetzt?

Niklaus: Eigentlich ist keine Stadt schon da, wo wir hinwollen. In den grösseren Städten ist der Anteil der Menschen, die öV Nutzen, etwas höher. Aber beim Veloverkehr sind in der Schweiz alle etwa ähnlich schlecht. Aber immerhin ist die Tendenz wieder steigend, auch in Aarau. Die E-Bikes sind eine grosse Chance.

Wieso «wieder steigend»?

Ohnsorg: Die Leute erzählen, dass Aarau bis in die 1950er-Jahre eine richtige Velo- stadt war. Aus den umliegenden Gemeinden kamen die Arbeiter in Velo-Strömen in die Stadt. Mit steigendem Wohlstand ging das zurück, weil sich viele heute ein Auto leisten können.

Niklaus: Und der zunehmende Autoverkehr hält dann wiederum andere davon ab, das Velo zu nehmen, obwohl sie gerne würden – wegen der Sicherheitsbedenken.

Ohnsorg: Wir hören auch oft von Familien: Wenn es sicherer wäre, würden sie mit den Kindern gerne das Velo nehmen.

Die Kinder könnten ja in den Anhänger, wenn sie noch nicht gut genug fahren.

Niklaus: Gerade die Anhänger sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Infrastruktur der Entwicklung völlig hinterherhinkt. Etwa, weil es zu wenige geeignete Abstellplätze für Velos mit Anhängern gibt, etwa in der Igelweid oder am Bahnhof. Oder weil Velowege teils über Mittelinseln führen: Da hat genau ein Velo Platz – der Anhänger steht dann aber auf der Strasse.

Wo ist das Manko in Aarau grösser – im Bereich Velo oder öV?

Niklaus: Bei der Velo-Infrastruktur. Aber das Busnetz müsste auch verbessert werden – es bräuchte einen Taktfahrplan, bei dem der Bus nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern in regelmässigen, kurzen Abständen fährt.

Das nützt nichts, wenn die Busse im Stau stehen und die Leute deshalb den Zug verpassen.

Niklaus: Deshalb braucht es eben die Initiative – damit weniger Autos unterwegs sind und weniger Staus entstehen.

Es dürfte nicht reichen, dass nur die Aarauer vermehrt das Velo oder den Bus nehmen – ein beträchtlicher Teil des Verkehrs kommt auch aus der Region. Wie wollen Sie die Nachbargemeinden einbeziehen?

Ohnsorg: Das ist uns ein wichtiges Anliegen – und wir finden, dass die Initiative da stärker wirkt als der Gegenvorschlag, weil ebendiese bessere Anbindung der Nachbargemeinden und der Aussenquartiere explizit erwähnt wird. Das soll der Stadt auch den Rücken stärken, wenn sie über Projekte verhandelt, in die andere Player wie der Kanton oder die Nachbargemeinden involviert sind.

Niklaus: Während der Unterschriftensammlung hatten wir sehr grosses Echo von Personen, die in Nachbargemeinden wohnen. Sie haben oft gefragt, ob man die Initiative nicht gleich ausweiten könnte.

Die Aarauer stimmen sowohl über die Initiative als auch über den Gegenvorschlag ab. Im Grunde wollen beide Varianten doch die emissionsarme, energiesparende und platzsparende Mobilität fördern und die Aufenthaltsqualität erhöhen.

Niklaus: Die Initiative ist konkreter und beinhaltet neben dem Ziel – die stetige Erhöhung des öV- und Langsamverkehrs-Anteils am Gesamtverkehr – auch Massnahmen, wie das Ziel erreicht werden kann. Zum Beispiel durch genügend Veloabstellplätze.

Der Stadtrat stört sich am Wort «stetig» in der Gemeindeordnung und fürchtet, er müsse deshalb auch Massnahmen umsetzen, die ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis haben.

Ohnsorg: Im Gegenvorschlag hat es leider keine konkrete Zielvorgabe, das finden wir aber wichtig. Andere Städteinitiativen haben sogar eine konkrete Zahl genannt; wir kamen zum Schluss, dass eine «stetige» Zunahme des sanften Verkehrs mehr bringt als eine fixe Prozentzahl.

Niklaus: Man rechnet damit, dass die Bevölkerungszahl stetig steigt, wir müssen aber mit dem bestehenden Platz auskommen. Also kommen wir gar nicht darum herum, den Anteil der platzsparenden Verkehrsformen fortlaufend zu erhöhen. Es ist aber nicht die Idee, dass man bei Annahme der Initiative mit dem Rotstift über den Stadtplan geht und überall Massnahmen beschliesst, die sofort umgesetzt werden müssen – ausser, es handelt sich um ganz einfache Dinge wie Markierungen. Vielmehr sollen bei anstehenden Strassensanierungen die richtigen Massnahmen für den sanften Verkehr geprüft und wenn möglich umgesetzt werden, damit man nicht wieder Chancen verpasst. Und weil eine Strasse nur alle 30 bis 45 Jahre saniert wird, dauert es, bis alle Verbesserungen umgesetzt werden. Bis dann wird die Gemeindeordnung sowieso wieder revidiert.

Wird gerade eine Chance verpasst?

Niklaus: Ja, bei der 2018 anstehenden Belagssanierung an der Schiffländestrasse. Diese ist Teil der kantonalen Radroute; und eigentlich hat sich der Kanton die Regel auferlegt, dass Radrouten auf Hauptstrassen beidseitige Radstreifen haben. Dass man die Strasse jetzt saniert, ohne sie zu verbreitern und den Radstreifen zu realisieren, ist extrem schade.

Das ist ein Kantonsprojekt, da hat die Stadt keine Entscheidungshoheit.

Niklaus: Aber sie kann ihre Bedürfnisse anmelden. Und steht die Förderung des Veloverkehrs in der Gemeindeordnung, kann sich die Stadt bei den Verhandlungen darauf berufen.

Sie sagen, die Initiative sei konkreter als der Gegenvorschlag. Man könnte auch sagen: Sie schränkt den Handlungsspielraum des Stadtrats ein.

Niklaus: Nur insofern, als der Stadtrat nicht mehr einfach untätig sein kann. Wenn es aber ein Problem gibt, beispielsweise ein Interessenskonflikt, kann er immer noch Nein sagen. Man soll es immer situativ anschauen – natürlich müssen nicht beidseitige Velostreifen erstellt werden, wenn es auf einer Strasse wenig Verkehr hat.

Ohnsorg: Wir wollen den Stadtrat nicht zu unmöglichen Sachen zwingen. Aber wenn man seine Voten im Einwohnerrat und den Kommunalen Gesamtplan Verkehr anschaut, wird ja klar, dass er inhaltlich derselben Meinung ist wie wir.

Die Bevölkerung wird sich nun dazu äussern können, wie wichtig ihr die Förderung von öV und Langsamverkehr ist. Für welche Projekte ist das von Bedeutung?

Niklaus: In Arbeit ist beispielsweise die lokale Netzstrategie als Resultat aus dem Kommunalen Gesamtplan Verkehr. Wie stark die sanften Verkehrsarten dort gewichtet werden, ist richtungsweisend.

Ohnsorg: Bei dem Umbau und der Sanierung der Tellistrasse – die übrigens schon viel zu lange herausgeschoben wurde -, bieten sich enorme Chancen für Verbesserungen. Bei der Entwicklung von Torfeld Nord und Süd, wo man beispielsweise auch autofreies Wohnen fördern könnte.

Niklaus: Nicht zu vergessen: der Kreuzplatz! Die neue Lindenhofbrücke ist zwar nicht schlecht, aber zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich unnötig. Statt dafür Geld auszugeben, hätte man andere Projekte vorziehen können.

So schön ist die Aarauer Altstadt:

Die Altstadt von Aarau – das Herz der Kantonshauptstadt – in Bildern.
42 Bilder
Das Rathaus in der historischen Altstadt.
Blick vom Oberturm auf die Altstadt und das Stadtmuseum.
Der Obertorturm
Blick vom Oberturm auf die Altstadt, den Hungerberg, den Scheibenschachen und Küttigen.
Blick vom Oberstorturm auf die Altstadt Aarau
Blick auf das Haldentor in der Altstadt von Aarau.
Stadtbach und Brunnenbänke in der Rathausgasse – die Schweizerfahnen hängen anlässlich des 1. August.
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Stadtbach und Brunnenbänke in der Rathausgasse. Die Schweizerfahnen hängen anlässlich des 1. August
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Luftaufnahme Aarau vom Obertorturm mit Glockenspiel
 Werke des Künstlers Felix Hoffmann am Oberstadtturm.
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Werke des Künstlers Felix Hoffmann in der Stadtkirche.
Werke des Künstlers Felix Hoffmann im Rathaus Aarau.
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Aarauer Altstadt in Bildern
Die Altstadt von Aarau aus der Vogelperspektive einer Drohne.
Die Aussicht vom Rebhäuschen auf die Altstadt Aarau
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.
Kunstvoll verzierte Giebel in der Altstadt sind seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen der Stadt.

Die Altstadt von Aarau – das Herz der Kantonshauptstadt – in Bildern.

/KEYSTONE/GAETAN BALLY