Eigentlich hätte es nur ein Zwischenjahr werden sollen. Doch aus dem Zwischenjahr wurde ein Zwischenjahrzehnt. Wenn Simon Hasenfratz von seiner nächsten Reise durch Südamerika zurückkehren wird, werden elf Jahre seit der Matura vergangen sein – und dem Entscheid zu reisen, statt zu studieren. «Ich studiere die Welt und die Menschen», sagt er. Das Reisefieber hat ihn derart gepackt, dass er nicht mehr davon loskommt: «Ich will frei sein. Das ist für alle Menschen ein Grundbedürfnis – für mich ist es das wichtigste.»

Es braucht Glück oder genaue Kenntnisse seiner Reisepläne, um Hasenfratz in der Schweiz anzutreffen. In einem stattlichen, etwas in die Jahre gekommenen Fachwerkhaus in Suhr pflegt Hasenfratz seine Schweiz-Tage in einer WG zu verbringen. Viel Komfort und Luxus braucht er nicht. Wer es schafft, für eine zweijährige Amerikareise nur gerade 12 000 Franken auszugeben, lebt wahrlich nicht auf grossem Fuss.

Seine Begeisterung fürs Reisen und das Abenteuer bekam Simon in die Wiege gelegt. Diavorträge bei den Grosseltern machten ihn mit dem fernen Australien bekannt. Mit fünf Jahren fuhr er mit der Familie via Jugoslawien in die Türkei. «Ich bin mir abenteuerliches Reisen von klein auf gewohnt», erzählt Hasenfratz. Mit
21 Jahren unternahm er auf eigene Faust seinen ersten Halbjahrestrip nach Australien. Eine über einjährige Reise nach Asien folgte kurze Zeit später.

20 Kilo für 2 Jahre

Stets trägt Hasenfratz in seinem Gepäck: Tagebuch, MP3-Player, Notfallsalben, Kamera, Wollsocken, Zelt. Alles wiegt nicht über 20 Kilo – egal, wie lange seine Tour dauert. Die letzte Reise führte Simon und Freundin Seraina nach Amerika, wo die beiden fast zwei Jahre verbrachten. Sie kamen mit mehreren Zwischenstopps nur bis nach Nicaragua.

«Wir kehrten immer wieder nach Mexiko zurück, weil es uns so gut gefallen hat», sagt Simon, der sich unterwegs meist sicher fühlte. Wenn, dann passiere dort etwas, wo man es am wenigsten erwarte: In Australien beispielsweise wurde sein Auto gestohlen. «Gut, vielleicht hätte ich das Auto nicht in diesem Stadtviertel stehen lassen sollen. Mich reuten die 25 Dollar fürs Parkhaus.»

Armut gibt immer noch zu denken

Die Armut ist überall präsent: «Das macht einem immer noch zu schaffen. Aber man kann nicht allen helfen», das musste er sich mit der Zeit selber eingestehen. «Dann ist vielleicht der Erste am Tag der Glückliche, der eine kleine Spende von mir bekommt.» Trotz der Umstände seien die meisten jedoch nicht auf sein Geld aus, sondern zeigten Neugier: «Die Leute wollen oft nur, dass du ihnen Gesellschaft leistest.» Fühlt man sich auf solch ausgedehnten Reisen nie einsam und heimatlos? «Alleine bist du auf solchen Reisen nie, du lernst zwangsläufig neue Leute kennen, auch wenn du noch so introvertiert sein magst.» Das anfängliche leichte Heimweh sei bald gewichen. Seit ein paar Jahren wird er von Freundin Seraina begleitet: «Zusammen zu reisen hat seine Vorteile. Zwar kann man sich schwerer von zu Hause lösen, wenn man zu zweit ist, dafür kann man all seine Erlebnisse mit jemandem teilen.»

Ausserdem entstehen unterwegs so etwas wie globale Freundschaften: Menschen, die einem an den unterschiedlichsten Orten der Erde wieder begegnen. Den Amerikaner Geoff zum Beispiel lernte Hasenfratz in Neuseeland kennen. Man traf sich in Kalifornien sowie Nicaragua wieder; dazu kam ein Besuch von Geoff in der Schweiz.

Die nächste Reise ist bereits geplant

Sobald Simon Hasenfratz wieder zu Hause ist und eine Landkarte in die Hand bekommt, plant er das nächste Abenteuer. Er hat seine Balance zwischen Arbeits- und Reisezeit gefunden. Sein ideales Jahr teilt sich im Idealfall in vier Monate Arbeiten und acht Monate Reisen auf. «Ich weiss, dass ich wieder gehen kann, nichts hält mich hier zurück.» Bei seinen Temporärjobs habe er schon viele unglückliche Gesichter gesehen. Sein unbeschwertes Reisen war dabei öfters Gesprächsthema. «Ich sage diesen Leuten immer wieder: Wenn du mit deinem jetzigen Leben unzufrieden bist, ändere es!»

Doch so einfach ist es nicht. «Du brauchst ein inneres Feuer, das dich treibt. Sonst bleibst du am Ort sitzen – eben dort, wo du dich befindest.» Hasenfratz ist von diesem Feuer befallen und lebt den Moment: «Ich fühle mich besser, wenn ich nicht weiss, was morgen kommt.» Wie lange seine nächste Reise nach Südamerika dauern wird, ist unklar: Zwei Jahre könnten es schon werden, meint er.