Aarau

Weil keiner mehr Hippie-Kleider wollte, mussten sie lernen, Mode zu machen

Hanny und Tarek Baghdadi sind mit einem Hippie-Lädeli im Ziegelrain gestartet, heute feiern sie 40 Jahre «Scooter Fashion».Emanuel Freudiger

Hanny und Tarek Baghdadi sind mit einem Hippie-Lädeli im Ziegelrain gestartet, heute feiern sie 40 Jahre «Scooter Fashion».Emanuel Freudiger

In einer Strasse im Libanon nahm die Erfolgsgeschichte von Hanny und Tarek Baghdadi 1972 ihren Anfang. Aus dem Garagenbetrieb ist das Unternehmen «Scooter Fashion» in Aarau entstanden.

«Mein grösster Antrieb? Die Angst, mich zu langweilen.» Hanny Baghdadi streicht sich die Haare aus dem Gesicht und lacht. Diese Angst war es, die die junge Aarauerin vor Jahrzehnten in die weite Welt hinaus und ganz unerwartet in ihr Glück trieb.

Ein Glück, das sich heute in die Zahl 40 fassen lässt: 40 Ehejahre und das Unternehmen «Scooter Fashion», das heuer sein 40-Jahr-Jubiläum feiert.

Es ist eine Geschichte, die verfilmt werden müsste: 1972 kehrt Hanny von Arx von einer zwölfmonatigen Reise durch den amerikanischen Doppelkontinent zurück. Doch das Fernweh plagt sie noch immer, sie will wieder weg, die Welt entdecken.

Nach nur drei Monaten bricht sie mit einer Freundin zu einer weiteren Reise auf. Via Italien, Griechenland und Syrien landen die beiden im Libanon. Und als sie da so durch die Strassen laufen und nach einem Hotel suchen, treffen sie auf Leder- und Schmuckhändler Tarek Baghdadi.

Am ersten Abend gehen sie gemeinsam essen, am zweiten Abend erklärt Tarek seinem Bruder, dass Hanny die Frau sei, die er heiraten wolle.

Geschäfte in der Garage

Die Freundinnen reisen weiter, über Syrien und den Irak ans Kaspische Meer und von da zurück in die Türkei. In Istanbul laufen sich Tarek und Hanny wieder über den Weg – aus purem Zufall.

«Plötzlich, inmitten dieser Menschenmenge, tippt mir Tarek auf die Schulter. Da wusste ich: Das muss so sein mit ihm und mir.» Nach einem Jahr Fernbeziehung heiraten Hanny und Tarek im Libanon, ohne dass Hannys Familie etwas davon weiss. Sie ist gut 20, er etwas über 30 Jahre alt.

Nach sechs Monaten kehrt das junge Ehepaar nach Aarau zurück. Im Libanon brodelt es, ein Bürgerkrieg bahnt sich an. Hier angekommen gründen sie ihre erste Firma und richten Sitz und Lager in Hannys Elternhaus ein, steigen in den Grosshandel ein.

Die Baghdadis reisen nach Pakistan, Indien und in die Türkei und kaufen, was ihnen gefällt; Baumwollcrêpehemden, bedruckte Wickeljupes, bestickte Blusen, Taschen, Schmuck. Das Geschäft läuft wie verrückt, am Ziegelrain eröffnen sie ihr erstes Lädeli mit dem Namen «1001 Nacht».

«Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Mit unserem Hippie-Sortiment hatten wir eine Nische gefunden», erinnert sich Hanny Baghdadi.

Mit Schulterpolstern in die Krise

Doch dann kommt der modische Umbruch: Anfang der Achtzigerjahre kommen die Schulterpolster und Leggins, Hippie-Mode will keiner mehr haben. «In dieser Krise haben wir gelernt, Mode zu machen», sagt Hanny Baghdadi.

Mit ihren Ersparnissen kaufen sie die Zürcher Jeans-Firma «Scooter Fashion» am Limmatquai und lernen, Hosen zu produzieren – vom Design bis zum fertigen Produkt. «Wir mussten wie Schüler zuschauen und lernen», sagt Tarek Baghdadi.

Doch die harte Schule lohnt sich: Die Baghdadis entwerfen ihre ersten Kollektionen für Damenmode, die sich toll verkaufen. Das Unternehmen wächst, zu den Filialen in Aarau und Zürich kommen weitere dazu, der Grosshandel wird ausgebaut.

Heute zählt das Modeunternehmen «Scooter Fashion» 16 Läden in der ganzen Schweiz. Der Hauptsitz liegt noch immer in Aarau, an der Neumattstrasse im Telliquartier, das Unternehmen zählt 140 Mitarbeiterinnen.

«Das ist unsere Spezialität: Wir sind ein reiner Frauenbetrieb – mit Ausnahme von Tarek», sagt Hanny Baghdadi. Das sei nicht geplant gewesen, sondern habe sich mit der Zeit so ergeben.

Hat sie sich in ihrem Leben jemals gelangweilt? Hanny Baghdadi lacht und schüttelt den Kopf. «Mode ist Tag für Tag eine neue Herausforderung. Es gibt ständig neue Modewellen, denen man folgen muss, keine Richtung funktioniert ewig.»

Sich damit zu befassen, diese Wellen vorauszusehen und mitzugestalten, sei spannend und faszinierend. Dabei verlassen sich die Baghdadis noch immer stark auf ihr Gefühl, sie produzieren und verkaufen nur, was ihnen selbst gefällt – und damit Mode, die etwas anders ist als andernorts.

Das wollen sie noch lange weiterführen, auch wenn sie ohne schlechtes Gewissen ans Aufhören und eine ruhige Pensionierung denken könnten. Die Arbeit erfüllt sie noch immer.

Davon, dass ihr das Glück in den Schoss gefallen sei, will Hanny Baghdadi aber nichts hören. «Man muss für sein Glück arbeiten. Wer glücklich sein will, muss Chancen packen und Mut beweisen.»

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