Aarau
Wegen Kamin: Heimat- und Denkmalschutz verzögern umweltfreundliches Projekt

Die Kantonshauptstadt ist stolz auf ihr Energielabel. Doch den Kamin für die neue Fernwärmezentrale unter dem Kasinopark will niemand. Nun rekurriert Bauherrin IBAarau beim Regierungsrat gegen die Ablehnung des Baugesuchs.

Hermann Rauber
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Das Baugespann zeigt die Umrisse des geplanten 21 Meter hohen Doppel-Kamins vor dem Bezirksgericht.

Das Baugespann zeigt die Umrisse des geplanten 21 Meter hohen Doppel-Kamins vor dem Bezirksgericht.

Alex Spichale

Die Idee, statt fossiler Brennstoffe das Energiepotenzial des Aare-Grundwassers für die Wärme- und Kälteproduktion zu nutzen, ist für Aarau pionierhaft. Zu diesem Zweck baut die IBAarau AG im Kasinogarten eine unterirdische Energiezentrale.

Einziger Haken: Für Abluft und Abgase der Spitzenlastkessel verlangen die Sicherheitsvorschriften zwingend einen Doppelkamin. Dieser soll am östlichen Rand des Parks, direkt gegenüber dem Bezirksgerichtsgebäude, zu stehen kommen.

Weil sich der Denkmal- und der Heimatschutz des Kantons gegen diesen Standort wehren, hat der Stadtrat Aarau das Baugesuch der IBAarau AG abgelehnt. Die Bauherrschaft hat dagegen Rekurs eingelegt und verlangt eine Neubeurteilung durch den Regierungsrat. Diese steht allerdings noch aus. Deshalb kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Verzögerung der Inbetriebnahme der Anlage.

Teil der Energiestrategie

Die neue Energiestrategie der Stadt Aarau (Esak) ist vor zwei Jahren vom Souverän mit rund 60 Prozent Ja-Stimmen an der Urne gutgeheissen worden. Die IBAarau AG als Versorgerin hat die Umsetzung des anschliessenden kommunalen Energieplans umgehend an die Hand genommen. Ein erstes Teilprojekt betrifft den Wärmeverbund Kasino. Die Baustellen im Kasinopark und auf dem Schlossplatz waren und sind nicht zu übersehen.

Ist die unterirdische Energiezentrale neben der Kasinostrasse einmal in Betrieb, so können im Endausbau dank des Grundwassers rund 12,3 Millionen Kilowattstunden Wärme und 2,8 Millionen Kilowattstunden Kälte an Kunden im Altstadtperimeter geliefert werden. Das entspricht immerhin etwa 5 Prozent des heutigen Wärmebedarfs der Stadt Aarau.

So weit, so gut. Wenn da nur nicht diese verflixte Kaminanlage nötig wäre. Dabei geht es um die Abgase der Spitzenlastkessel und eine allfällige Entlüftung der Ammoniakwärmepumpen im Fall einer Havarie.

Ein erstes Projekt mit dem Kamin-Standort direkt über der Energiezentrale zwischen dem Oboussiergut und dem Modegeschäft PKZ scheiterte. Ebenso wie ein zweiter Anlauf mit der Platzierung hinter dem Kino Ideal.

Also versuchte es die Bauherrschaft mit einer dritten Variante am östlichen Rand der Parkanlage in den Bäumen, schräg vor der Fassade des Bezirksgerichts. Das aktuelle Baugespann zeigt, dass die beiden Kamine eine vorgeschriebene Höhe von 21 Metern erreichen müssen.

Mit diesem Standort mochten sich weder der Denkmalschutz noch der Heimatschutz anzufreunden. Das Objekt käme direkt in ein Umfeld mit historisch wertvoller Bausubstanz zu liegen und würde das Ortsbild empfindlich stören, sagt der Erstere.

Für den Aargauer Heimatschutz seinerseits sind «die Eingriffe im Kasinopark derart einschneidend und mit langfristigen Konsequenzen verbunden», dass der Verband gegen das Bauprojekt Einsprache erhob.

Der Aarauer Architekt Claude Vaucher, der Regionalvertreter des Heimatschutzes, hält fest, dass «der Kasinogarten schon heute völlig übernutzt ist».

Nach Bauten für die Erschliessung des Parkings oder mit dem Starbucks-Pavillon sei der Park-Charakter bereits stark verändert worden. Mit dem Doppelkamin drohe nun «eine weitere schwerwiegende Dezimierung dieser öffentlichen Grünanlage».

Wird Inbetriebnahme verzögert?

Die IBAarau AG ist in der Folge mit einem Rekurs gegen den negativen Entscheid zu ihrem Baugesuch an den Aargauer Regierungsrat gelangt.

«Wir wollen einen Grundsatzentscheid zugunsten der neuen Wärmeversorgung von Aarau und einer Anlage, die mit Ausnahme der beiden Kamine überhaupt nicht in Erscheinung tritt, für die Versorgung der Altstadt und der Gebäude an der Bahnhofstrasse aber von grosser Bedeutung ist», sagt Hans-Kaspar Scherrer.

Der Vorsitzende der Geschäftsleitung der IBAarau AG erwartet den entsprechenden Entscheid «noch in diesem Frühling».

Er befürchtet jedoch, dass die Energiezentrale Kasino nicht wie vorgesehen am kommenden 1. April in Betrieb gehen kann. Der Streit um die beiden Kamine führe nicht nur zu einer zeitlichen Verzögerung, sondern auch zu «Mehrkosten», betont Scherrer.

Denn eines ist klar: Ohne Kamine kann die umweltfreundliche Anlage in der Energiestadt Aarau aus Sicherheitsgründen nicht gestartet werden. «Erste Wärmekunden werden deshalb vorerst weiterhin mit provisorischen, lokalen Heizgeräten versorgt», ergänzt Scherrer den Stand der Dinge.