Kampf gegen Chaoten
Wegen Gewaltexzessen drohen im Brügglifeld sogar leere Ränge

FC Aarau, Kanton und Polizei kämpfen vereint gegen Hooligans. Täter sollen nicht mehr ungestraft in der Anonymität verschwinden – und bei hohem Risiko könnten Sektoren oder das ganze Stadion leer bleiben.

Manuel Bühlmann
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Basler Fans stürmten im Mai 2014 den Brügglifeld-Rasen und feierten den Meistertitel. Ein kleiner Teil von ihnen provozierte Ausschreitungen im Stadion.

Basler Fans stürmten im Mai 2014 den Brügglifeld-Rasen und feierten den Meistertitel. Ein kleiner Teil von ihnen provozierte Ausschreitungen im Stadion.

Keystone

Der Spuk dauert nur wenige Minuten. Am Aarauer Bahnhof gehen zwei Gruppen junger Männer aufeinander los. Die FCZ-Fans ziehen die Notbremse, die FCA-Fans warten bereits auf ihre Widersacher. Eine wüste Schlägerei folgt. Die Kantonspolizei geht von 40 bis 70 Männern aus, die vermummt und teils mit Schlagstöcken aufeinander einprügeln. Ein 20-Jähriger erleidet dabei einen Kieferbruch und eine Hirnblutung.

Der Vorfall vom vergangenen November ist einer der Gründe, warum Regierungsrat Urs Hofmann sagt: «Das Gewaltproblem im Fussball ist nicht neu, hat in Aarau nun aber eine neue Dimension erreicht.» Neu seien insbesondere die gezielt im Vorfeld organisierten Schlägereien.

Gemeinsam mit dem FC Aarau und der Kantonspolizei hat Landammann Hofmann deshalb gestern Massnahmen angekündigt, welche die Lage in und um das Brügglifeld entschärfen sollen. FCA-Präsident Alfred Schmid sagt: «Wir wollen friedliche und sichere Fussballspiele. Darin sind sich alle einig.»

«Gewaltexzesse verhindern»

Die Massenschlägerei am Aarauer Bahnhof war nicht die einzige gewalttätige Auseinandersetzung im vergangenen Jahr. Zwei Beispiele: Im Oktober reisten St. Galler Fans nach Aarau, boykottierten jedoch das Spiel wegen der Eintrittspreise. Vor einem Aarauer Pub kam es noch während des Spiels zu Ausschreitungen. Und beim Match zwischen dem FC Aarau und dem FC Basel im Mai 2014 stürmten Basler Anhänger das Feld, um den Meistertitel zu feiern. Die meisten taten dies friedlich, ein Teil jedoch provozierte und attackierte die Aarauer. Es folgten wüste Szenen, die Kantonspolizei musste einschreiten.

Von «Tiefpunkten» im letzten Jahr spricht denn auch Kantonspolizei-Kommandant Michael Leupold. «Bei fast jedem Spiel der Vorrunde 2014/15 kam es zu Ausschreitungen.» Dafür seien nicht nur die Gästefans verantwortlich, auch ein Teil der Aarauer Fanszene sei aggressiver geworden.

Fokus auf Identifizierung

Mit ihrer gemeinsamen Offensive erhoffen sich Klub, Kanton und Polizei, die Gewalt rund um Fussballspiele in Aarau eindämmen zu können. Das Hauptziel: Die gewalttätigen Personen konsequenter identifizieren und bestrafen. «Wir müssen das Risiko für gewalttätige Personen erhöhen, für ihre Taten auch wirklich zur Rechenschaft gezogen zu werden», sagt Urs Hofmann. «Niemand darf davon ausgehen, unter dem Deckmantel der Anonymität ungestraft davonzukommen.» Und Alfred Schmid sagt: «Die Täter sollen danach nicht einfach unbehelligt nach Hause schleichen können.»

Um die «strafrechtlichen Sanktionsmöglichkeiten konsequent auszuschöpfen», wie in der Medienmitteilung angekündigt wird, müssen allerdings die Verantwortlichen zweifelsfrei identifiziert werden können. Doch genau dort liegt die grosse Schwierigkeit: Die Täter sind oft vermummt und tauchen in der Masse unter. «Der Fokus liegt auf der Identifizierung der gewalttätigen Fans», sagt Urs Hofmann. Das soll in erster Linie über eine verbesserte Videoüberwachung im und um das Stadion erfolgen. Ausserhalb des Stadions soll die Polizei durch eine erhöhte Mobilität konsequenter gegen Täter vorgehen können.

Gelingt es besser, Personen zu identifizieren, können den straffälligen Fans auch vermehrt Stadion- und Rayonverbote sowie Meldeauflagen auferlegt werden. Die neuen Kameras würden nun installiert, sagt Alfred Schmid. Dabei handle es sich teils auch um versteckte und mobile Modelle.

Dazu kommt, dass die Kapo künftig bei Bedarf das Polizeiaufgebot deutlich aufstocken wird, wie Michael Leupold sagt. Er kündigt an, «nicht zu zögern, ein, zwei Gänge raufzuschalten». Er warnt allerdings vor unrealistischen Vorstellungen. «Wir können nicht den Fansektor stürmen, um Pyrozünder zu verhaften.» Die Gefahr einer Eskalation wäre viel zu gross. Gleiches gilt auch ausserhalb des Stadions, wenn es darum geht, einzelne Personen aus einer Gruppe rauszuholen. «Wann dies verhältnismässig ist und wann nicht, ist jedes Mal eine Gratwanderung», sagt Leupold. Im Vordergrund stehe dabei, keine Unbeteiligten zu gefährden. Identifizierung und Festnahme erfolgen deshalb häufig erst im Nachhinein – im Zusammenhang mit der Bahnhofsschlägerei etwa nahm die Kapo sieben Männer fest.

Spielabsagen möglich

Und Leupold warnt vor «weiteren einschneidenden Massnahmen»: Die Kapo könne sich durchaus vorstellen, ein Spiel ganz abzusagen oder zumindest den Gästesektor zu sperren, sollte das Risiko als zu hoch eingeschätzt werden. «Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem dies eine Option ist.»

Darüber hinaus laufen derzeit Gespräche und Abklärungen in Bezug auf weitere mögliche Massnahmen. Dazu zählt etwa ein Sicherheitsnetz vor der Gegentribüne, das Würfe von Bierbechern und anderen Gegenständen verhindern soll. Doch FCA-Präsident Alfred Schmid hofft nach wie vor auf die Vernunft der Anhänger: «Ich appelliere an die Fans, in Zukunft auf Gewalt und Pyros zu verzichten. Dann wären diese ganzen Massnahmen gar nicht nötig.» Bereits jetzt zahle der FCA pro Saison 700 000 Franken für die Sicherheit.