Was sich über den Köpfen der Stadträte rankt

Seit 500 Jahren wird in Aarau in den beiden gleichen Sälen getagt – jetzt wurde den Sälen eine Broschüre gewidmet.

Katja Schlegel
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Stadtarchivar Raoul Richner und Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker vor der datierten Supraporte.

Stadtarchivar Raoul Richner und Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker vor der datierten Supraporte.

Bild: Chris Iseli

Wenn der Aarauer Stadtrat tagt, tut er das umgeben von einem Schatz. Einem Schatz aus Holz, aus Täfer und filigransten Schnitzereien, versetzt mit Einhörnern, Totenköpfen oder Blumengirlanden.

Aarau hat mit seinen beiden spätgotischen Sälen im Rathaus zwei der wenigen spätmittelalterlichen Ratssäle der Schweiz. Noch seltener ist die reichhaltige Schnitzerei. Ein Schatz, den die breite Bevölkerung kaum je zu sehen bekommt. Und einer, der nun just 500 Jahre alt ist: Im Stadtratssaal, unter einer Supraporte mit Aarauer Adler ist der Hinweis eingeschnitzt: «Als man zahl von der Geburt Christi 1520.» Aus diesem Anlass haben die Ortsbürger eine Broschüre mit dem Titel «Die spätgotischen Säle des Aarauer Rat-hauses von 1519/1520» herausgegeben. Gestern wurde die Broschüre vorgestellt.

Die Broschüre vereint alles, was man bis dato über die beiden Säle weiss; noch nie wurde so umfassend gesammelt und betrachtet: die Geschichte vom Turm Rore, die verschiedenen Umbauten und Restaurierungsarbeiten, die Geschichte von verschwundenen Medaillons und dem ins Schlössli geretteten Täfer, ausführliche Beschreibungen; all das haben Stadtarchivar Raul Richner und Kunsthistorikerin Dominique Sigg zusammengetragen. Fotografisch dokumentiert wurden die Säle durch Brigitt Lattmann.

Wer die Schnitzereien gemacht hat, ist offen

Eine Suche, die zwischenzeitlich ganz schön ernüchternd sein konnte, wie Richner sagt. Denn gerade zur Entstehung der beiden Säle zwischen 1515 und 1520 ist die Quellenlage sehr dünn, es gibt keinen Ratsbeschluss, kein Protokoll. So ist bis heute nicht bekannt, wer für die Schnitzereien verantwortlich ist. «Wir haben nur Indizien», sagt Richner. Und die führen zu Jörg Wild aus Luzern, aufgrund von gewissen übernommenen Darstellungen oder Jahreszahlen.

Noch ist die Hoffnung auf Klärung aber nicht verloren: Es ist gut möglich, dass sich auf der Rückseite der eingefassten Medaillons Hinweise auf den Urheber verstecken. Das würde sich bei einer nächsten Restaurierung klären. «Oder vielleicht findet irgendwann jemand in einem Archiv das Zettelchen mit dem entscheidenden Hinweis», so Richner.

Von zu grellem Kitsch und hellblauem Täfer

Klar ist hingegen heute aber, dass das Täfer in den beiden Sälen zwischenzeitlich in «heiterblau» gestrichen war, also hellblau. Und sicher ist weiter, dass es die Fassadenbemalung mit dem Jüngsten Gericht, die 1697 auf ganzer Gebäudehöhe auf­gemalt worden sein soll – so schreibt es unter anderem Stadtchronist Paul Ehrismann – nicht gab. Zwar gab es die Darstellung mit Himmel und Hölle, aber kleinformatig über dem Türsturz der oberen Stube, dem heutigen Stadtratssaal. Gute 150 Jahre später, anno musste dieses Gemälde übrigens weichen, es sei doch veraltet und «in allzu greller Zeichnung», befand die Baukommission. Geschmäcker ändern sich.

Ein Umstand, der auch bei Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker Eindruck hinterlassen hat: «Der Abschnitt über die über die Rathausumbauten zeigt, wie rabiat man zum Teil mit historischer Bausubstanz umgegangen ist, wie man sie unbekümmert Wind und Wetter überlassen hat.» Gleichzeitig zeige es aber auch, wie wichtig die zeitgemässe Interpretation von historischen Räumen sei.

Hinweis

Die Broschüre kann kostenlos im Stadtbüro und bei aarau info abgeholt werden. Ab 1. März ist sie auch im Stadtmuseum erhältlich.