Aarau

«Was könnte besser sein, als wenn Bildung in einem Kulturobjekt passiert»

Denkmalpfleger Reto Nussbaumer neben einer originalen Schulzimmertüre im Gönhardschulhaus. Matthias Marx

Denkmalpfleger Reto Nussbaumer neben einer originalen Schulzimmertüre im Gönhardschulhaus. Matthias Marx

4 Millionen Franken hat die Sanierung des Gönhardschulhauses Aarau gekostet. Für die stilechte Restauration wurde das Schulhaus am 15. November mit dem Schweizer Denkmalpreis 2013 ausgezeichnet. Ein Gespräch mit dem kantonalen Denkmalpfleger.

Der kantonale Denkmalpfleger, Reto Nussbaumer, kennt die Vorurteile gegenüber seiner Tätigkeit. Er argumentiert gelassen. Auch auf die Frage, warum wir heute so auf Altes stehen, hat er eine einleuchtende Antwort.

Herr Nussbaumer, was wird dem Denkmalschutz vorgeworfen?

Reto Nussbaumer: Dass wir Verhinderer seien. Was nicht stimmt.

Aber Sie können Hauseigentümer verpflichten, zu restaurieren?

Wenn ein Dach leck ist und wir das zufällig sähen, dann wäre es über das Kulturgesetz möglich, dass wir jemanden zur Reparatur verpflichten.

Kommt das regelmässig vor?

Zum Glück nicht. In meinen drei Jahren als Leiter der Denkmalpflege musste ich dies nur zweimal einem Hauseigentümer androhen.

Der Denkmalschutz bezahlt an solche Restaurierungen. Aber unter dem Strich legt der Eigentümer drauf, oder?

Nicht unbedingt, das ist auch eines der Vorurteile. Die Leute sind meist skeptisch, wenn sie uns zum ersten Mal treffen. Oft sagen sie danach: «Hätten wir nur schon früher mit Ihnen Kontakt aufgenommen.» Aber natürlich ist ein historisches Haus auch ein anspruchsvolles «Hobby». Via Kulturgesetz können wir die Extrakosten meist knapp decken.

Bei der Sanierung des Gönhardschulhauses betrug die kantonale Subvention über 400'000 Franken.

Ein vergleichsweise immenser Betrag. Aber so wurde die Stadt für die denkmalpflegerischen Mehrkosten entschädigt.

Das Göni ist erst knapp 60 Jahre alt. Ihr jüngstes Objekt?

Nicht ganz, die Abdankungshalle im Friedhof Rosengarten in Aarau stammt von 1968. Die Muttergotteskapelle auf dem Niesenberg ist ebenfalls aus den frühen 1960er-Jahren.

Es gibt also keine Regel, wie alt ein Haus sein muss, damit es unter Denkmalschutz gestellt wird?

Nein. Aber eine Generation sollte dazwischen liegen. So stellen wir sicher, dass allfällige Mängel behoben sind und das Gebäude voll funktionstüchtig ist. Wenn wir heute Inventare erstellen, ziehen wir beim Jahr 1980 die Grenze. Weniger als ein halbes Prozent aller Häuser im Aargau stehen unter kantonalem Denkmalschutz. So schlimm steht es also nicht. Und es geht bei der Denkmalpflege ja auch um eine kulturelle Aufgabe. Sind Sie gerne im Göni zur Schule gegangen?

Ja, aber das hat wohl nichts mit dem Gebäude zu tun.

Haben Sie sich das wirklich mal überlegt? Interessanterweise gibt es im Gönhardschulhaus keinen Vandalismus, keine Schmierereien, nichts. Ich behaupte: Einem Gebäude, in dem man sich gerne aufhält, trägt man Sorge. Obwohl ich mit Esoterik nichts am Hut habe, glaube ich: In einer guten historischen Umgebung wirkt etwas mit. Das Gönhardschulhaus ist ein hervorragender, kindgerechter Schulhausbau.

So perfekt, dass sogar die Lampen bei der Sanierung nachgebaut wurden.

Sie mussten nicht extra nachgebaut werden, ein grosser Schweizer Lampenhersteller hatte sie sowieso gerade in Produktion.

Waren die Lampen zwingend?

Sie sind ein integraler Bestandteil der Schulzimmer, sie transportieren Geschichte. Warum denn nicht?

Weil es teurer kommt.

In diesem Fall war es nicht so.

Oder weil es ehrlicher wäre, das Neue auch modern zu gestalten und nichts vorzutäuschen.

Die Leuchtmittel in den Lampen sind modern.

Die sieht man nicht.

Das stimmt. Aber ich will damit sagen: Wo es Sinn machte, haben wir neue Elemente verwendet. Die Wandschränke wurden neu gebaut, aber neben neuen Schiebetüren wurden die alten Schranktüren wiederverwendet.

Der Zierrand wurde nachgebaut. Soll man in einem Schulhaus wirklich die Zeit anhalten?

Wir haben die Zeit nicht angehalten. Wir haben nichts nachgebaut, wir haben bloss nachvollzogen.

Sie bewahren.

Wir haben bewahrt, wo wir es tun konnten und sonst weitergestrickt. Die erwähnten, mit Schiefer belegten Schiebetüren sind topmodern. Und es ist doch nachhaltig, Altes zu bewahren. Wie bei den Zimmertüren, die aufgeschnitten wurden und nun die Brandschutznormen erfüllen, äusserlich jedoch original sind. Diese exakt nachzubauen, hätten wir uns wohl nicht leisten können.

Wenn das Gönhardschulhaus jetzt so exquisit ist, könnte die Stadt von den Eltern der Schüler glatt einen Sonderbeitrag verlangen.

Es ist ein kultureller Mehrwert, das stimmt. Aber die öffentliche Hand hat diesbezüglich auch einen Auftrag. Bildung ist auch Kultur. Was könnte besser sein, als wenn die Bildung direkt in einem Kulturobjekt passiert.

Die Schüler nehmen das doch nicht wahr.

Noch einmal: Ich glaube, etwas bekommen die Schüler mit davon. Das wirkt. Auch wenn die Schulzimmer mit Zeichnungen und Postern in Beschlag genommen werden, was ganz normal ist.

Muss es für diese Wirkung echt alt sein, oder kann es auch bloss so aussehen?

Bei der Frauenkirche in Dresden beispielsweise, die nahezu eine reine Rekonstruktion ist, nie dieselbe Aura einstellen, wie wenn der Bau tatsächlich 270 Jahre alt wäre.

Selbst wenn man es nicht sieht?

Man sieht es. In ein paar Jahrzehnten vielleicht weniger, aber dann ist es immer noch eine Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Was spürt man dann?

Man spürt etwas. Aber nicht dasselbe. Rekonstruktion ist keine denkmalpflegerische Tätigkeit. Punkt.

Warum mögen wir die Aura des Alten?

(Steht auf und öffnet die Schublade eines antiken Stehpultes.) Man spürt das Handwerk, sieht die Gebrauchsspuren.

Warum ist das gut?

Es vermittelt Geschichte. Das Stehpult ist ein Zeitzeuge. Er steht echt hier in seiner originalen Substanz.

Und das will man?

Ja, schauen Sie bloss, wie viele Leute sich mit alten Möbeln umgeben. Mein ehemaliger Professor sagte: Wenn die Leute ihre alten Häuser so pflegen würden, wie ihre Oldtimer, bräuchte es keine Denkmalpflege. Bei Oldtimern wird auch geschaut, dass nur Originalteile verwendet werden. Es gibt momentan auch einen unglaublichen Vintage-Boom.

Warum wollen die Leute alte Objekte?

Ich bin mir nicht ganz im Klaren darüber, warum. Aber je undurchschaubarer die Gegenwart wird, umso sicherer werden wohl alte Werte, Objekte von Hand gemacht, deren Funktionsweise man noch nachvollziehen kann. Keine seelenlose Dutzendware.

Ist das Bewahren ein Phänomen der heutigen Zeit?

Nicht nur von heute, das gab es schon immer. Aber heute ist es bei einer breiten Bevölkerungsschicht populär. Die Preise der Vintage-Objekte sind abartig hoch.

Sind die Bewohner von Neubauten unglücklich?

Nein, ich glaube nicht. Nicht alle wollen in alten Häusern wohnen. Aber wenn man neue Häuser besucht, steht dort dann interessanterweise oft der Sekretär der Grossmutter. Ich wohne in einer Wohnung aus den Jahren um 1900. Also mit Parkett, Stuck und Täfer –  was alle wollen, aber oft nicht mehr bezahlbar ist. Damals wurde einfach in einer anderen Qualität gebaut als in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren. In solchen anonymen Bauten, in dieser ökonomischen Massenarchitektur, spüre ich wirklich nichts. Ausser einen gewissen Fluchtinstinkt.

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