Gränichen

Was im Kopf eines Menschen vorgeht, der aus Rache tötet

Am Dienstag bewachte ein Mitarbeiter der Securitas den Tatort inGränichen. Adrian Hunziker

Am Dienstag bewachte ein Mitarbeiter der Securitas den Tatort inGränichen. Adrian Hunziker

Das Tötungsdelikt vom Sonntagabend in Gränichen könnte ein Racheakt der mutmasslichen Täter am Opfer gewesen sein. Es wäre die zweite Tötung aus Rachegefühlen innerhalb von fünf Tagen im Aargau. Was muss im Kopf eines Täters vorgehen?

Am Sonntagabend erschossen die mutmasslichen Täter Daniel G. und Beat G. in Gränichen den 31-jährigen David M. (die Aargauer Zeitung berichtete). Die drei Schweizer kannten sich. Bei der Bluttat handle es sich um einen Racheakt von Daniel G. an David M., Ex-Freund seiner Ziehtochter Nadya M., berichtet der «Blick».

Das wäre somit die zweite Tötung aus Rachegefühlen innerhalb von fünf Tagen im Kanton Aargau. Erst am letzten Mittwoch hatte ein Türke scheinbar aus Eifersucht seine von ihm getrennt lebende Ehefrau in ihrem Coiffeursalon in Wettingen erschossen und sich danach selbst gerichtet. Es stellt sich die Frage: Was muss im Kopf eines Menschen vorgehen, damit er aus Rache jemanden tötet?

Individuelle Gutachten erstellen

«Das ist Gegenstand eines jeden psychologischen Gutachtens und individuell sehr unterschiedlich», sagt Jérôme Endrass, stellvertretender Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Amts für Justizvollzugs im Kanton Zürich. «Jeder einzelne Fall muss differenziert erfasst und untersucht werden. Es ist also nicht möglich, generell zu sagen, was im Kopf eines Straftäters vorgeht.»

Die individuelle Begutachtung sei zudem eine wichtige Voraussetzung für einen risikoorientierten Umgang mit dem Täter. «Wenn man versteht, wie der Straftäter funktioniert, dann kann man auch die Tat verstehen – ohne sie zu entschuldigen», sagt Endrass.

Das gibt die Möglichkeit, geeignete Interventionen zu planen und Rückfälle zu verhindern. Beim Tötungsdelikt in Wettingen erschoss ein Türke seine Landsfrau, beim Verbrechen in Gränichen waren Schweizer involviert. Werden also Racheakte überall gleich stark gewertet?

Gewalt als legitimes Mittel

Es ist bekannt, dass Ehrenmorde oder Blutrache in gewissen Kulturen als legitim beurteilt werden. Laut Endrass hat eine wissenschaftliche Studie aus dem Kanton Zürich auch gezeigt, dass Vorfälle von häuslicher Gewalt insbesondere bei Personen aus dem Balkan und Nordafrika häufiger vorkommen.

«Es gibt Personen aus diesen Kulturen, für die Gewalt gegen die Ehefrau ein legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen darstellt. Bei Tätern, die ein Wertesystem verinnerlicht haben, das Gewalt legitimiert, sprechen wir von einer ‹delinquenzfördernden Weltanschauung›.»

So ist es nicht erstaunlich, dass im Kanton Zürich fast die Hälfte der polizeilich dokumentierten Fälle von häuslicher Gewalt von Ausländern begangen wird. «Ausländer sind drei- bis viermal überrepräsentiert», sagt Endrass. Dabei dürfe man aber nicht vergessen, dass es sich bei diesen Angaben um ein paar hundert Personen handle. Der allergrösste Anteil, also über 99 Prozent der Ausländer, würden nicht gewalttätig in Erscheinung treten. Man könne also keineswegs von einem Massenphänomen sprechen, sagt Endrass.

«Generell sind Rachegefühle wegen Eifersucht bei Fällen von schwerer Partnergewalt eher seltene Motive», erklärt Endrass. Eifersucht als deliktauslösendes Moment treffe noch am ehesten bei emotional instabilen Personen zu. «Diese Menschen fühlen sich permanent ungerecht behandelt und können meist keine stabile Beziehung aufrechterhalten. Die Delikte dieser Personen fallen laut Studien besonders gewalttätig aus.»

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