Herr Kübler, Sie haben in einer Studie untersucht, wie sich die Fusion Aarau–Rohr auf die Demokratie ausgewirkt hat. Wie kamen Sie darauf?

Daniel Kübler: Kürzlich haben wir eine andere Studie gemacht, in der Gemeindefusionen im Tessin analysiert wurden. Dabei zeigte sich, dass durch diese Fusionen zum einen kleine, lokale Parteien verschwanden und zum andern die Wahlbeteiligung deutlich abnahm. Nun wollten wir wissen, warum – und dazu haben wir die Fusion Aarau-Rohr untersucht.

Wieso ist der Fall spannend?

In Rohr gab es vor der Fusion sehr viele Parteilose, es wurde eher Sachpolitik betrieben. In der Stadt Aarau mit dem Einwohnerrat spielen Parteien eine viel grössere Rolle. Die parteilosen Rohrer wurden mit der Fusion also quasi politisch heimatlos.

Wie die Tessiner. Hat die Wahlbeteiligung in Rohr auch abgenommen?

Weil Rohr kein eigener Wahlkreis mehr ist, können wir das nicht mit Sicherheit sagen. Aber: Der Verein Pro Aarau ist entstanden und hat sich den Parteilosen erfolgreich als neue politische Heimat angeboten. Auf der Ebene der Mobilisierung ist in Aarau also etwas passiert.

Dann hat Pro Aarau den Tessin-Effekt verhindert.

Das könnte man so sagen. Interessant ist, dass sich die anderen Parteien nicht auf den neuen Stadtteil gestürzt haben. Sie haben das Potenzial und die mögliche Wirkung ein bisschen unterschätzt. Das ist die Quintessenz der Studie: Politische Akteure haben eine Verantwortung für die Integration eines neuen Stadtteils.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Angenommen, eine Fusion Aarau-Densbüren wird konkreter. Densbüren wählt tendenziell rechts. Müsste also die SVP Aarau dort bald einmal am Stammtisch vorstellig werden?

Erst, wenn eine Fusion beschlossen ist – sonst fühlen sich die Densbürer vielleicht überrannt. Aber wenn es so weit ist, dass die Fusion umgesetzt werden muss, sollten die Aarauer Parteien dort vorstellig werden. Schauen, ob sie jemanden in Densbüren kennen. Kontakte knüpfen. Präsent sein. Den neuen Stadtteil kennen lernen, seine Themen aufnehmen, sich damit befassen. Heute diskutiert man in der Öffentlichkeit zu einseitig über Gemeindefusionen, nicht nur in Aarau. Man redet über Steuerfüsse, Verwaltungsstandorte und Feuerwehren. Aber man müsste mehr darüber sprechen, was bei einer Fusion mit der Politik passiert.

Haben die Aarauer aus der Fusion mit Rohr etwas gelernt?

Ja, diesen Eindruck habe ich. Man weiss nun eher, was geht und was nicht geht. Dieses Wissen könnte in weitere Fusionsprojekte im gesamten Kanton einfliessen.

Direkt nach der Fusion war Rohr eine Zeit lang ein eigener Wahlkreis, damit eine gewisse Anzahl Rohrer im neuen Einwohnerrat vertreten ist. Soll Aarau wieder Wahlkreise einführen?

Theoretisch ja, falls man alle Quartiere angemessen berücksichtigen will. Praktisch nein, weil die Rekrutierung von Kandidaten in einigen Wahlkreisen sehr schwierig sein dürfte.

Aber später, wenn Aarau mit weiteren Gemeinden fusionieren würde?

Bei einer grösseren Stadt Aarau und nicht allzu kleinen Wahlkreisen würde das Sinn machen.