Die Bezeichnung «Altherrenverband» nehmen einem diese Männer nicht krumm. Erstens sind es allesamt alte Männer, und zweitens heisst ihr Verband tatsächlich so: Altherrenverband Helvetia–Reutlingen. Diese Woche kommen rund 40 Mitglieder fürs Jahrestreffen zusammen. Nach 108 Jahren zu ersten Mal in Aarau, der Partnerstadt von Reutlingen.

Der Altherrenverband entsprang der 1897 in Reutlingen gegründeten Studentenverbindung «Helvetia». Die Studenten waren Absolventen der ehemaligen Webschule am Technikum, der staatlichen Techniker- und Textilfachschule sowie der Hochschule für Wirtschaft und Technik. Der Verbindung kam die Aufgabe zu, «uns jungen Landsleuten bei fröhlichen Zusammenkünften Gelegenheit zu geben, sich näher kennen zu lernen und in Lied und Wort des fernen Heimatlandes zu gedenken», wie im Gründungsprotokoll steht. Wer die Schule absolviert hatte, wechselte von der Verbindung in den 1908 gegründeten Altherrenverband. Waren es zu glorreichen Zeiten 300 Mitglieder, zählt der Verband heute noch 120 Herren; der jüngste im Pensionsalter, die ältesten sind über 80 Jahre alt.

Aarauer Glocke im Stadthaus

Unter den Schweizer Studenten in Reutlingen befand sich auch der eine oder andere Aarauer, allesamt ehemalige Lehrlinge der Färberei Jenny & Cie. aus der Telli. So zum Beispiel Benno Künzle und Walter Hoehle, seit sechs Jahren Aktuar des Verbandes. «Es war mein Wunsch, unsere Veranstaltung in meiner Heimatstadt zu organisieren», sagt Hoehle. Heute sind noch fünf ehemalige Jenny-Mitarbeiter im Verband. Mitsamt der Städtepartnerschaft sei dies der Grund, weshalb der Altherrentag in Aarau stattfinde.

An ihre Zeit in Reutlingen erinnern sich Künzle und Hoehle noch gut. Künzle kam 1964 mit 22 Jahren in die Stadt, direkt nach der Rekrutenschule. «Als Schweizer wurde man sehr herzlich aufgenommen», sagt er. Und als Mitglied der Studentenverbindung sowieso. Schliesslich bekam damals die ganze Stadt Wind von den «Fuchsenprüfungen», den Aufnahmeprüfungen für junge Studenten in die Verbindung. «Da musste einer ein Tramhäuschen mit Pickel und Steigeisen erklimmen, ein anderer musste sich als Scheich auf Staatsbesuch ausgeben und mit dem Bentley vor dem Stadthaus vorfahren», erinnert sich Künzle. Geschichten, die keiner vergisst. Und Geschichten, wie sie jedes Jahr an den Versammlungen freudig zum Besten gegeben werden.

Höhle hatte in Reutlingen eine Zeit lang gegenüber dem Stadthaus gewohnt und erinnert sich, durchs Fenster des Sitzungszimmers hindurch jeweils eine Glocke stehen gesehen zu haben. «Im Nachhinein erfuhr ich, dass die Glocke ein Geschenk aus der Aarauer Glockengiesserei Rüetschi war.»

Ein ganzes Hotel für die Herren

Für ihre Versammlung in Aarau haben die Altherren Grosses vor: Nach einer Führung durch die Meyerschen Stollen ist ein Apéro auf dem AEW-Hochhaus geplant, danach geht es für das Abendessen und den geselligen Teil in den «Schützen». Für die Übernachtung habe man das gesamte Hotel Kettenbrücke gebucht, sagt Künzle. Da findet am Samstag denn auch der zweite Teil mit der Generalversammlung und dem Zmittag statt.