Autofahren

Was Aargauer Autofahrer hinter dem Steuer alles so treiben

Von wegen schlechte Autofahrer im Aargau. Das Gegenteil ist wahr. Aargauer sind Akrobaten am Steuer und beherrschen ihre Fahrzeuge im Schlaf. «Der Sonntag» liefert den Beweis.

Die Dame, Mitte 40, ist mit ihrem Auto auf dem rechten Fahrstreifen der Aaretalstrasse T5 in Richtung Hunzenschwil unterwegs. Geschätztes Tempo: 80 bis 90 km/h. Mit der linken Hand hält sie ein Telefon am Ohr. Das Gespräch scheint intensiv zu sein, denn mit der rechten Hand gestikuliert sie wild herum. Das Auto lenkt sich von selbst. - Die Szene ist nicht erfunden. Sie ist mit einer Aufnahme dokumentiert.

Für den Fotografen, der an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je eine Stunde mit der Kamera an der T5-Böschung in Buchs gestanden hat, war es (fast) ein Kinderspiel, weitere grobe Verkehrsregelverstösse im Bild festzuhalten: einen Autofahrer, der während der Fahrt offensichtlich mit beiden Händen am Drehverschluss einer Flasche hantiert. Zwei weitere (Nicht-)Lenker, die mit der linken Hand ein Handy bedienen und mit der rechten Zettel halten, von denen sie wohl die einzutippende Telefonnummer ablesen. Einen Mann mit Trinkflasche vor dem Gesicht, einen weiteren mit Sandwich, einen dritten mit Glace in der Hand. Weit über ein Dutzend Frauen und Männer, die während der Fahrt SMS schrieben, gegen 100 die ohne Freisprechanlage telefonierten.

Erschreckende Erkenntnisse

Grob geschätzt wurden in den fraglichen zwei Stunden ungefähr in jedem 25. Auto, das auf der T5 in Richtung Hunzenschwil fuhr, von der Lenkerin oder dem Lenker SMS geschrieben oder Telefonnummern eingetippt, in mindestens jedem 20. Auto hatten der Lenker oder die Lenkerin ein Handy am Ohr. Durchschnittlich alle 10 Minuten ist dem Fotografen ein Schnappschuss von einem «führerlosen» Auto gelungen. Will heissen: Lenkerinnen oder Lenker in diesen Fahrzeugen hatten keine Hand am Steuer. - Mehrere Dutzend grobe Verkehrsregelverstösse, dokumentiert innerhalb von rund zwei Stunden auf einem rund 20 Meter langen Abschnitt der Aaretalstrasse. Ist denn wirklich der halbe Aargau im Blindflug unterwegs?

«Erschreckend, aber für mich nicht überraschend», kommentiert Kapo-Mediensprecher Bernhard Graser die zwei eindeutigsten Bilder, welche ihm vorgelegt wurden. «Wir ziehen täglich Leute aus dem Verkehr, welche die Aufmerksamkeit am Steuer sträflich vernachlässigen. Die modernen Kommunikationsmittel würden immer mehr Leute dazu verleiten, ihre ganze Büroarbeit hinter dem Steuer zu erledigen. Die Polizei versuche, Gegensteuer zu geben. Unter anderem mit der Kampagne «Blindflug», die von den Kantonen des Polizeikonkordates Nordwestschweiz gemeinsam lanciert worden ist. Mindestens bis Ende 2012 sollen unaufmerksame Lenkerinnen und Lenker verstärkt kontrolliert und zur Kasse gebeten werden.

Hochgefährlich

Ein Verstoss kann ziemlich teuer werden. 100 Franken beträgt die Ordnungsbusse für Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung. Wer während der Fahrt SMS liest und schreibt oder andere Verrichtungen vornimmt, welche die Aufmerksamkeit stark vermindern, wird verzeigt. Das zieht auf jeden Fall eine Busse von mehreren hundert Franken nach sich. Der Verstoss kann aber auch im Entzug des Führerausweises für mindestens 3 Monate münden und drastische Strafen (bis zu 360 Tagessätze à maximal 3000 Franken oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren) nach sich ziehen.

Wie nötig die Kampagne Blindflug ist, belegt nicht nur die (kurze) Fotosession an der T5. Das zeigen auch die Unfallzahlen: 2009 wurden auf den Strassen der Nordwestschweizer Kantone 14046 Verkehrsunfälle polizeilich aufgenommen. Als häufigste Unfallursache (2328) wurden dabei Unaufmerksamkeit und Ablenkung registriert. Das entspricht jedem fünften Unfall. Die Polizei schätzt, dass die Dunkelziffer noch weit höher liegt. Im Kanton Aargau wurden im gleichen Jahr 248 von 2848 Unfällen auf Unaufmerksamkeit zurückgeführt. 2010 ist der Anteil dieser Unfallkategorie sogar noch beängstigend angestiegen: 427 von 2759 Unfällen haben sich ereignet, weil Fahrzeuglenkerinnen oder -lenker zu wenig konzentriert am Steuer gesessen sind. Und eine letzte Zahl: 2010 wurden im Aargau 8488 Lenkerinnen oder Lenker gebüsst, weil sie während der Fahrt ohne Freisprecheinrichtung telefoniert haben. Tendenz steigend. Es ist eine Frage der Zeit, bis die Polizei auch die eingangs erwähnte Dame erwischt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1