Der graue Januarmorgen wird wieder musikalisch untermalt: Mit Gezwitscher begrüssen Amsel und Meise den neuen Tag. «Bei uns sind verschiedene Meldungen eingegangen, dass die Vögel schon wieder singen», sagt Michael Schaad von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. Aussergewöhnlich früh sei das aber nicht.

Es ist normal, dass ab Mitte Januar einzelne hiergebliebene Vögel mit Singen anfangen. Der Grund dafür sind die Hormone. «Der Hormonhaushalt der Vögel wird von der Tageslänge gesteuert», so Schaad. Weil es nun früher hell wird, zwitschern die Vögel wieder. «Es ist eine Art Üben.» Und habe noch nichts mit dem Reviergesang oder dem Anlocken von Weibchen zu tun – was ab Mitte März jeweils losgeht.

Das Vogelgezwitscher zu dieser Jahreszeit sei vor allem am Morgen zu hören. Zum Teil meldeten sich aber besorgte Stadtbewohner, dass sie mitten in der Nacht Vogelgesang hören würden. Auch das sei nichts Aussergewöhnliches: «Wegen der starken Beleuchtung in den Städten kann es vorkommen, dass der Hormonhaushalt von Amseln ein bisschen durcheinandergerät», sagt Schaad. Man müsse aber keine Angst haben, dass die Vögel im tiefsten Winter mit der Brutarbeit beginnen würden.

«Burglind» gut überstanden

Wie stark haben die Vögel unter den Winterstürmen gelitten? «Grundsätzlich kommen Vögel gut mit Wind zurecht», sagt der Experte. Starker Wind könne zwar langjährige Nester zerstören oder Bäume mit Horsten fällen. Dies sei aber kein Todesurteil für die Tiere. Die betroffenen Vögel bauen ihr Nest neu.

Was man bei starken Orkanen beobachten konnte, sei, dass Vögel über weite Distanzen verfrachtet wurden. «Nach Lothar hatten wir Meeresvögel aus der Bretagne bei uns.» Die Vogelwarte Sempach konnte nach «Burglind» in unserer Region aber keine solchen unfreiwillig eingewanderte Vögel feststellen. Es gebe auch Vögel, die den Wind jeweils gezielt nutzen. So suchen sie guten Rückenwind oder kommen mit Aufwind schneller von A nach B.

In Daunenjacke unterwegs

Die Temperatur spielt für Vögel kaum eine Rolle. «Dank ihren Federn sind sie quasi ständig im Schlafsack oder in einer Daunenjacke unterwegs», sagt Michael Schaad. Problematisch wird es nur, wenn sie wegen Schnee oder gefrorenen Böden nicht an Nahrung gelangen können. Was beim bisher milden Winter nicht der Fall war.

Gefrorene Wasserflächen wären für Wasservögel besonders schlimm. Eine halbe Million Tiere, wie Enten, Schwäne oder Möwen überwintern bei uns. Würden die Gewässer zufrieren, müssten die Wasservögel weiterziehen. «Dann wird es sehr streng für sie.»

Dramatisch wären gefrorene Wasserflächen auch für den Eisvogel. Sein Name lässt zwar anderes vermuten, er mag aber kein Eis. Strenge Winter können die Eisvogelpopulation drastisch minimieren. Warum? Sie können dann nicht nach Fischen tauchen und würden so verhungern.