Unterentfelden

Warum die Maske eine halbe Million Menschen in der Schweiz ins Abseits stellt

Maskenpflicht im ÖV. (Symbolbild)

Maskenpflicht im ÖV. (Symbolbild)

Beim Landenhof in Unterentfelden weiss man, was Masken für hörbeeinträchtigte Menschen bedeuten.

Die Dame an der Kasse guckt immer finsterer. Die bösen Blicke gelten dem jungen Mann mit dem Portemonnaie in der Hand, der die Frau wiederum verständnislos anschaut. Der junge Mann sieht zwar, dass die Frau etwas sagt. Er sieht, dass sich ihr Kiefer bewegt, versteckt unter der Schutzmaske. Aber er kann nicht verstehen, was sie sagt. Beim besten Willen nicht.

Der junge Mann ist schwerhörig. Andere Menschen zu verstehen, wäre dank Hörhilfen, Schall, Lippenlesen und Mimik möglich. Eigentlich. Wäre da nicht Corona. Lippenlesen kann der Mann wegen der Gesichtsmaske nicht, genauso wenig, wie er die Mimik erkennen kann. Und die für den Schall wichtige Nähe machen Abstandsregel und Plexiglas zunichte.

Geschichten wie diese gehören für die Klientinnen und Klienten des Lan­denhof Unterentfelden zur Tagesordnung. Der Landenhof ist nicht nur Zentrum und Schweizerische Schule für Schwerhörige (aktuell 122 Schülerinnen und Schüler aus zehn Kantonen), in seinen Räumen befindet sich auch die Beratungsstelle für Schwerhörige und Gehörlose Aargau/Solothurn.

Für das Landenhof-Team bedeutet Corona viel Arbeit

Es sind unschöne Geschichten. «Und einschneidende Erlebnisse für die Betroffenen», sagt Gesamtleiter Stefan Buchmüller. Die Kommunikationsbarriere wirke nicht nur einschränkend und ausgrenzend, sondern auch sehr verletzend. «Wer nichts versteht, wird sofort als ‹dumm› abgestempelt.» Ein Problem, das selbstverständlich alle Gehörlosen oder Schwerhörigen in der Schweiz betrifft. Gemäss Schweizerischem Gehörlosenbund sind das rund 10000 Personen mit einer Gehörlosigkeit und mehr als eine halbe Million Menschen mit einer Schwerhörigkeit.

Für das Landenhof-Team bedeutet Corona demnach viel Arbeit. Aufklärungsarbeit. Berufsschulen und Fachhochschulen werden angeschrieben, Arbeitgeber, Weiterbildungsinstitutionen und Universitäten. Institutionen, in denen das Maskentragen für Dozenten, Lehrer oder Schüler Pflicht ist. Institutionen, in denen Hörbeeinträchtigte vom Unterrichtsstoff wegen der Maske nichts mehr mitbekommen.

«Viele denken beim Erarbeiten der Sicherheitskonzepte schlichtweg nicht daran, welche Konsequenzen die Maske eines Dozenten für den Schüler haben kann», sagt Buchmüller. Ihre Aufgabe sei es da, gemeinsam mit den Institutionen individuell zugeschnittene Lösungen zu finden. Beispielsweise die Übertragung des Gesprochenen mit Mikrofon direkt auf das Hörmittel des Lernenden.

Stefan Buchmüller.

Stefan Buchmüller.

Die Aufklärung klappe sehr gut, so Buchmüller. «Das Verständnis ist gross. Das Problem ist tatsächlich meist, dass man die Situation von schwerhörigen oder gehörlosen Menschen nicht mitbedacht hat.» Da spiele das altbekannte Problem dieser Behinderung mit: Man sieht den Betroffenen ihre Beeinträchtigung nicht an.

Hoffnung setzen sie in durchsichtige Masken

Hoffnung setzen gehörlose und schwerhörige Menschen in durchsichtige Gesichtsmasken. Entsprechende Versuche mit Masken mit durchsichtigem Vlies laufen, auch am Landenhof. «Doch bis diese einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen werden, wird es noch dauern», sagt Buchmüller.

Dolmetscher und Softwares können helfen

Bis dahin setzt der Landenhof auf die Strategie Notizblock; zumindest für spontane Begegnungen. Bei geplanten Treffen, bei denen die Maske Pflicht ist (beispielsweise Arzttermine), müssen unter Umständen Schriftdolmetscher oder Gebärdensprachdolmetscher bestellt werden. Helfen können auch Softwares, die Gesprochenes in Schrift umwandeln können.

Die Masken verteufeln will Buchmüller auf keinen Fall. «Es geht schliesslich um das Wohl und die Gesundheit der Bevölkerung.» Aber er möchte auf das Problem aufmerksam machen. «Wer im Hinterkopf mitträgt, dass das Gegenüber vielleicht wegen der Maske nicht reagiert, hat mehr Verständnis für solche Situationen.»

Meistgesehen

Artboard 1