Aarau

Warum die Bibliothek für einmal ganz auf Jungs setzt

Die Stadtbibliotheke setzt bei der Veranstaltung auf Leseförderung für Kinder und Jugendliche – nicht aber auf die Gleichbehandlung der Geschlechter.

Die Stadtbibliotheke setzt bei der Veranstaltung auf Leseförderung für Kinder und Jugendliche – nicht aber auf die Gleichbehandlung der Geschlechter.

Bei der neuen Veranstaltungsreihe der Stadtbibliothek werden Mädchen ausgeschlossen. Man wolle den Jungs Lesevorbilder geben, sagt die Bibliotheksleiterin.

Die Stadtbibliothek Aarau führt eine neue Veranstaltungsreihe namens «Lesekerle» durch, wo männliche «Berufshelden» – Polizist, Feuerwehrmann, Förster, Archäologe, Rettungssanitäter – dem Publikum aus ihrem Berufsalltag erzählen. Dass das Angebot ausschliesslich für Jungs von 6 bis 10 Jahren in männlicher Begleitung vorgesehen ist, wird in den Sozialen Medien intensiv und kontrovers diskutiert.

Stadtbibliothek-Leiterin Lilo Moser sagt dazu: «Irgendwie freut es mich ein wenig, dass wir so viel Diskussionsstoff geliefert haben.» Man habe intern kurz diskutiert, ob es sinnvoll sei, den Anlass nur für Buben und deren männliche Begleitpersonen anzubieten, habe sich dann aber «ganz klar dafür entschieden»: «Bei diesem Anlass steht die Zielgruppe Jungs und das Ziel Leseförderung im Fokus und nicht die Gleichbehandlung der Geschlechter. Was nicht heisst, dass wir dieses Thema nicht ebenfalls als wichtig erachten.»

Mädchen lesen mehr als Knaben

Viele Studien zeigten, so Moser, dass Jungs viel weniger lesen als Mädchen und dass 80 Prozent der Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche Knaben sind. «Lehrer, Bibliothekare, Eltern und sonstige Fachleute machen sich mehr denn je Gedanken darüber, wie dieser grosse Unterschied beim Leseverhalten überhaupt zustande kommt.» Knaben würden lesen eher als langweilig und uncool erleben – etwas für Mädchen halt. Lilo Moser: «Für die Mädchen gehören Bücher einfach dazu. Sie reden mit Freundinnen über die gelesenen Geschichten und tauschen sich auch über die neusten Bücher aus. Jungs setzen da ganz andere Prioritäten. Statt ein Buch zu lesen, klemmen sie lieber das Skateboard oder den Fussball unter den Arm und treffen sich mit Freunden. Abends entspannen sich gerade ältere Jungen gerne am Computer oder Smartphone oder vor dem Fernseher.»

Mangel an männlichen Vorbildern

Ein Grund für das fehlende Interesse der Jungen an Büchern liege – neben dem Vormarsch des Computers in den Kinderzimmern – an ihren männlichen Vorbildern, «von denen es heute leider viel zu wenige gibt – besonders im Bereich der Frühpädagogik», so die Bibliotheksleiterin. «Die Väter – sofern sie überhaupt mit der Familien zusammenleben – lesen eher Fachliteratur oder werfen einen Blick in die Zeitung. Und das geschieht meistens auch erst dann, wenn der Nachwuchs bereits tief und fest schlummert.» Oft seien es Frauen, die ein Buch in die Hand nähmen und den Kindern etwas vorläsen. «Zu Hause ist es die Mutter, im Kindergarten die Erzieherin und in der Grundschule, die ebenfalls ein wichtiger Ort für die Leseförderung ist, sind es meist Lehrerinnen.»

«Um hier Abhilfe zu schaffen, haben wir uns entschieden, ausnahmsweise einmal ein spannendes, cooles Angebot nur für Jungs zu machen – mit männlichen (Lese-)Vorbildern», so Lilo Moser. «Alle angefragten Berufsleute müssen in ihren Berufen viel lesen und schreiben und werden dies den Kindern altersgerecht schildern.»

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