Aarau

Warum die Bauarbeiter mitten im Fluss Tetris spielen

Beim Bau der neuen Aarebrücke in Aarau hat eine spektakuläre Phase begonnen. Die AZ durfte mit unter den Wasserspiegel.

Fast unbemerkt ist der erste Teil der neuen Aarebrücke (Projektname: Pont Neuf) betoniert worden: Im Süden der Baustelle steht bereits die Hinterseite eines Widerlagers. All jene, die eine mausgraue Brücke befürchtet haben, können aufatmen: Die Wand ist nach zahlreichen Farbversuchen jetzt tatsächlich gelb-bräunlich – wie in den Abstimmungsunterlagen versprochen.

Das erste Stück neue Aarebrücke.

Das erste Stück neue Aarebrücke.

Für die Baustellen-Zuschauer gibt es im Moment sowieso viel zu sehen und zu hören. Derzeit wird der sogenannte Dienststeg erstellt. Er ist der Boden des Leergerüsts, auf das dann die Schalung fürs Betonieren der neuen Brücke kommt. Am Nordufer werden dafür geräuschvoll Rohre gerammt – mit 25 Metern viel tiefer als ursprünglich geplant. «Bei den Rammarbeiten im südlichen Teil hat sich gezeigt, dass die Tragfähigkeit des Bodens nicht gegeben ist», sagt Projektleiter Roberto Scappaticci. Deshalb gehen wir nun tiefer; bis auf den Fels. Dazu mussten die Rohre bis zu zehn Meter verlängert werden.»
Eigentlich wäre geplant gewesen, den ganzen Dienststeg von Süden her zu bauen. Aber jetzt wird im Norden doch schon gearbeitet. «Wir müssen am Südende anfangen zu betonieren, deshalb haben wir den Raupenbagger für die Rammarbeiten in den Norden verschoben», sagt Scappaticci. «Er wäre sonst im Weg gewesen.»


Spektakulär ist im Moment vor allem die grosse Wanne mitten im Fluss. Spundwände, neun Meter tief in den Grund gerammt, formen ein Becken. Darin steht das Wasser nur etwa 30 Zentimeter tief, während ausserhalb der Spundwände die Aare in fünf bis sechs Metern Höhe vorbeirauscht. 15 Pumpen befördern insgesamt 30’000 Liter Wasser pro Minute aus der Wanne.

Mitten in der Aare ist eine Wanne aus Spundwänden entstanden, hier werden die Pfeiler des Pont Neuf betoniert

Mitten in der Aare ist eine Wanne aus Spundwänden entstanden, hier werden die Fundamente der neuen Aarebrücke betoniert.

Am Boden ist der alte Caisson, der beim Bau der Brücke vor 70 Jahren erstellt wurde, gut zu erkennen. Er bleibt, wo er ist, nur die obersten 20 Zentimeter wurden abgetragen. Auch deshalb – wegen des Zements, der ins Wasser gelangt - ist am östlichen Ende der Wanne eine Sonde angebracht. Sie misst den PH-Wert des Wassers, der durch zu viel Zement unerwünschterweise ansteigen würde.
Die Wanne wird nun langsam mit Bewehrungskörben (Armierungseisen) aufgefüllt, die oben auf der Plattform schon bereit liegen und mit dem Kran in die Wanne gelegt werden. «Sie wurden wie Tetris-Steine gebunden, damit jeder Korb in den anderen Korb reicht», sagt der Projektleiter.


Die spektakuläre Wanne – die erste von zwei - war so nicht geplant. Eigentlich hätten Taucher die Arbeiten unter Wasser durchführen sollen; ein teures und kompliziertes Unterfangen. «Wir haben uns vorgenommen, es mit Abpumpen zu versuchen, was deutlich günstiger kommt – und es hat geklappt», freut sich Scappaticci.

Verzögerungen, aber ein klares Ziel 

Die Aare führt derzeit viel Wasser. Der Pegelstand ist jedoch nicht kritisch; Wassermengen, die einem 30-jährlichen Hochwasser entsprechen, bringen die Baustelle nicht aus dem Takt. Dafür Corona: «Es besteht eine Leistungseinbusse», sagt Scappaticci. Auch wegen der Pandemie – aber nicht nur – gibt es auf der Baustelle Verzögerungen. «Wir hoffen, sie beim Betonieren wieder aufholen zu können. Ziel ist nach wie vor, dass die Brücke Ende 2021 dem Verkehr übergeben werden kann.»

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