Herr und Frau Schweizer essen an den Festtagen gerne ein Fondue Chinoise. Im Sinne der Assimilation an das eidgenössische Brauchtum habe ich mich integriert – in die Schlange vor der Metzg. Als ich so da stand und ein wenig Zeit hatte, über die unterschiedlichen Weihnachtsessen dieser Welt nachzudenken (in meiner Heimat Deutschland ist es ja etwa die Weihnachtsgans), fiel mir ein weiteres länderübergreifendes Brauchtum ein, welches ab Januar als kollektives Wehklagen über uns hereinbricht: der Weihnachtsspeck in Form zusätzlicher Kilos Körpergewicht! Kaum ein Gespräch, in dem es nicht darum geht, wie man die über Weihnachten angehäuften Zusatzkilos wieder los wird.

Nun ja: Das Fondue Chinoise ist ganz sicher nicht der Täter! Und auch nicht die dazu gereichten fetten Sösschen. Wir könnten an den Festtagen eigentlich essen, was wir möchten, es wäre kein Unterschied auf der Waage zu erkennen. Ich befürchte vielmehr, dass das davor und danach ein gewichtiges Problem darstellt. Wenn ich nur bedenke, wie viel Schoggi, Chrömli und Schaumweine bereits vor Weihnachten verschenkt werden – alles wunderschöne Gesten, die uns sehr zu Herzen gehen, und wofür wir sehr dankbar sind. Allerdings haben diese leckeren vorweihnachtlichen Gaben einen hohen Hüftgold-Index und verewigen sich gerne in Form einer Hosengrösse nordwärts.

Nach Weihnachten geht es dann ja üblicherweise so weiter, Körbe voller Süssigkeiten warten darauf, verspeist zu werden, der Alkohol fliesst in Strömen und bereits an Silvester wartet ein fettiges Fondue oder ein Raclette darauf, unsere subkutanen Fettdepots weiter zu füllen.

Zu Beginn des Jahres zeigt sich in unserer Klinik ein klarer Beratungspeak zum Thema Liposuktion – auf Deutsch: Fettabsaugung. Viele Anfragen müssen wir enttäuschen, denn die Liposuktion ist kein Diätersatz. Vielmehr eignet sie sich hervorragend, um einzelnen Fettdepots abzutragen, die trotz Sport und Diät nicht verschwinden. Hüften, Reiterhosen und die männliche Fettbrust sind klassische Behandlungsareale.

Wer schlicht und einfach an gut verteilten Zusatzkilos leidet, muss das Thema anders angehen, und zwar nicht zwischen Weihnachten und Silvester, sondern zwischen Silvester und Weihnachten. «Diät» ist ein Begriff, den ich aus meinem Wortschatz gestrichen habe. Diäten bringen nichts oder führen via Jojo-Effekt sogar zum Gegenteil.

Wer dauerhaft in Form bleiben möchte, dem bleibt – neben Sport und Bewegung – eigentlich nichts, ausser seine Ernährung konsequent umzustellen. Ist gar nicht so schwer, wenn man ein paar Dinge beherzigt. So habe ich zum Beispiel einen Belohnungstag pro Woche eingeplant: Einen Tag, an dem ich nach Lust und Laune essen kann, was ich möchte. Pizza, Schoggi und dazu ein schönes Bier trinken. Der Körper kann das gut wegstecken und setzt kein Gewicht an, wenn man es bei diesem einen «Fress»-Tag belässt. Neuere wissenschaftliche Forschungen haben zudem ergeben, dass das sogenannte «intermittierende Fasten» einen gute gewichtserhaltende, oder –reduzierende Massnahme sein kann. Dafür sollte man die 16:8 Regel einhalten: Das heisst, zwischen der letzten Mahlzeit am Abend folgt eine 16-stündige Fastenpause bis zur nächsten Mahlzeit am Folgetag. Auf die 16-stündige Fastenperiode folgt eine 8-stündige Phase, in der gespeist werden darf.

Wer dann noch versucht – abgesehen von seinem «Belohnungstag» –, möglichst frische und unverarbeitete Lebensmittel in seinen Speiseplan zu integrieren, reich an Eiweiss, Gemüse und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, dafür arm an Industriezucker und Weissmehl; der hat gewonnen. Wer das beherzigt, kann die Weihnachtszeit frei von schlechtem Gewissen als wohlverdiente Ausnahme betrachten.

Als ich in der Schlange vor der Metzg stehend über all dies nachdachte und meiner Chinoise-Platte entgegendämmerte, habe ich spontan den Entschluss gefasst, auszuscheren. Es anders zu machen. Den geschätzten Dorfmetzg besuche ich gerne im neuen Jahr wieder – aber für Weihnachten machte ich nun neue Pläne, bewusst und anders.

Letztlich gab es dann kein Chinoise, sondern einen schönen Aargauer Bachsaibling mit Rüeblikruste und dazu gegrilltes Gemüse überbacken mit etwas Käse von meiner geschätzten Chäsi Thürig aus Möriken. Übrigens: Seine Chestenberg-Fonduemischung ist legendär und schmeckt ausgezeichnet! Die kredenzte ich mir an meinem Belohnungstag – an Silvester.

* Dr. Felix Bertram (42) ist ärztlicher Leiter und Inhaber von Skinmed, dem Zentrum für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau. Er lebt im Raum Lenzburg.