Erlinsbach
Während Felssturz: «Ich dachte, jetzt deckt es uns zu»

Vor 60 Jahren donnerten in Erlinsbach die Felsen ins Tal, es war der grösste Felssturz der Neuzeit im Kanton Aargau. Fritz Bitterli (75) erlebte den Schrecken hautnah.

Katja Schlegel
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Fritz Bitterli
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Der grösste Felssturz der Neuzeit im Aargau.
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Der grösste Felssturz der Neuzeit im Aargau.
Der grösste Felssturz der Neuzeit im Aargau.
Mit dieser Sturmlaterne rannte Fritz Bitterli in der Nacht vor 60 Jahren los, um Hilfe zu holen.Sandra Ardizzone

Fritz Bitterli

Sandra Ardizzone

Als die Bleche im Steinbruch krachten, dachte er an den Wind. Doch dann kam der Berg. Wie das toste und donnerte, wie das Haus bebte und ächzte unter der Wucht. Und Fritz dachte, das wars mit uns, jetzt deckt es uns zu. Dann ging das Licht aus. Das war die Nacht vom 16. Februar 1957, um 21 Uhr 40. Die Nacht des bis dato grössten Felssturzes der Neuzeit im heutigen Kanton Aargau.

Mit den Kindern alleine

Fritz Bitterli, damals 15 Jahre alt, ist mit seiner Schwester und den beiden Kindern der Untermieter allein zu Hause. Die Eltern jassen bei den Nachbarn. Fritz tastet sich durch die Küche, hört die Tiere im Stall brüllen und den Bach tosen. Er weiss nicht, was passiert ist, er weiss nur, dass er Hilfe holen muss.

Er erinnert sich, dass der Vater am Nachmittag den Docht in der Sturmlaterne ausgewechselt hat und findet die Laterne in der Laube. Er muss runter, doch die Türen klemmen, so haben die Steinmassen das Haus verschoben. Also springt Fritz in die Tiefe, mitten in die Dunkelheit – und steht bis zu den Knien in eiskaltem Wasser. «Jetzt kommt auch noch der Bach», denkt er und rennt los, in der Hand die Sturmlaterne.

Die Strasse zur Barmelweid war weg

Februar 2017. Fritz Bitterli steht am Fuss des Schuttkegels, die Sturmlaterne baumelt wieder in seiner Hand. Er hat sie aufbewahrt. Man sieht noch immer, wo bis zu jener Nacht die Salhofstrasse zur Barmelweid hoch führte. Verschüttet wurde nicht nur die Strasse, unter Stein und Geröll begraben sind auch all die Bohrgeräte, Steinbrecher und Kompressoren, die Hütte mit dem Sprengmaterial. Seit 60 Jahren.

Was hier passiert ist, hat Fritz Bitterlis Leben verändert. Noch heute schreckt er manchmal auf, weil es ihm vom Berg träumt. Noch immer geht es ihm nah, wenn er von dieser Nacht erzählt. «Nur so viel hat gefehlt», sagt er und hebt die Hand. Eine Handbreit, und die Kinder der Untermieter wären im Schlaf ertrunken. «Die Matratzen schwammen schon im Wasser», sagt er und dreht sich ab.

Alle haben überlebt

Die Steine haben das Bachbett des Erzbaches verschüttet, das Wasser sucht sich seinen Weg durchs Tenn. Der Bach, sonst ein zahmes Gewässer, ist wegen der Schneeschmelze mächtig angeschwollen. Mit Balken und Stangen schlagen die von Fritz alarmierten Männer Stalltüren und Scheunentor ein, eine Flut stürzt ihnen entgegen, mühsam zerren sie Kühe, Rinder und Geissen ins Freie. Ein Nachbar steigt durchs Küchenfenster und rettet die Kinder aus den Betten, die Feuerwehrmänner versuchen, einen Notdamm zu bauen.

Die Mauer verschoben, alles ist schief

Im Morgengrauen wird sichtbar, was der Berg angerichtet hat. Die Hausmauer, rund einen Meter dick, haben die Massen um einen guten Meter verschoben, alles ist schief, keine Tür, kein Fenster lässt sich mehr öffnen. Keller und Erdgeschoss sind geflutet, das Haus ist unbewohnbar, verloren sind das gute Acker- und Wiesland. Und doch ist weder Mensch noch Tier zu Schaden gekommen. Selbst den Kaninchen und Hühnern, deren Ställe der Bach mitgerissen hat und die nun in den Bäumen im Garten festhängen, geht es gut. Ein unglaubliches Glück. Doch Fritz Bitterli sagt: «Das war kein Glück. Das war ein Wunder.»

Mit dem Tageslicht kommen auch die Gaffer. «Eine wahre Völkerwanderung ergoss sich am Sonntagnachmittag nach dem Breitmis. Fussgänger, Autos, Töffs und Velos in grosser Zahl strömten daher», wird der «Freie Aargauer» später in den Erlinsbacher Neujahrsblättern 2007 zitiert. Vom Stubenfenster aus seien 479 Fussgänger, 181 Velos, 178 Motorvelos und 152 Autos gezählt worden. Daran kann sich Fritz Bitterli nicht mehr erinnern. Zu sehr war er mit dem Erlebten beschäftig, damit, das Daheim zu räumen, dem Müetti zu helfen. Nur auf Druck hätten sie eingewilligt, das Haus aufzugeben. «Für meine Eltern war es schrecklich», sagt Fritz Bitterli. «Sie mussten ihr Haus opfern, ihr ein und alles.» Die Selbstversorger stehen vor dem Nichts.

«Er hat uns alles genommen»

Wenn Fritz Bitterli das erzählt, tönt noch immer eine Verbitterung durch. «Der Steinbruch hat uns alles genommen», sagt er. Schon in den Jahren davor war Vater Bitterli mit dem Pächter des Steinbruchs bis vor Obergericht gezogen, weil das Haus und der Baumgarten und sogar Spaziergänger auf der Strasse bei den Sprengungen immer wieder von herumgeschleuderten Steinen getroffen worden waren und sich der Pächter um Schutzbestimmungen foutierte. Im April 1946 zerstörte ein Steinhagel das Dach derart, dass der gesamte Dachstock ersetzt werden musste.

«Und dann dieser Felssturz», sagt Bitterli und schnaubt. Die Schuldfrage sei nie gerichtlich geklärt worden, sagt er. Aber für ihn ist klar: «Da wurde falsch abgebaut. Dem Berg wurde der Fuss weggesprengt.»

Für die Familie beginnt eine schwere Zeit. Was zu retten ist, muss Fritz retten: Der Vater schickt ihn in den gefluteten Keller das Eingemachte zu holen, die Bohnen, Birnenschnitze, das Apfelmus, das Öl, die Sirupflaschen. Währenddessen fackeln die kantonalen Behörden nicht lange, führen Bach und Notstrasse eigenmächtig über das Grundstück der Bitterlis. Für den entstandenen Schaden aber will keiner haften. Selbst für das Haus bekommt der Ätti erst nach einem Gerichtsprozess und dem Bau eines neuen Hauses mit Versicherungsnummer eine Entschädigung. Fritz Bitterli trifft das Elend, die Verzweiflung seiner Eltern noch heute. «Was die mitgemacht haben, ist nicht normal.»

Eine 6 für den Fleiss

Über den Felssturz wurde nicht mehr gesprochen. Auch nicht über das, was es beim 15-Jährigen angerichtet hat. «Für uns gab es kein Zurück, für uns gabs nur eins: Grind abe und wiitermache.» Wie es ihm geht, danach fragt keiner. Tage nach dem Unglück schreibt Fritz Bitterli in der Schule einen Aufsatz. Titel: «Unser Bergsturz». Der Junge schreibt sich das Erlebte von der Seele, es sprudelt, man sieht es der Schrift an, wie es ihn drängt. Für die Form bekommt er eine -5, für den Inhalt eine -6. Wenigstens für den Fleiss gibt ihm der Lehrer eine 6.

Der Bergsturz vergrösserte den Kanton Aargau

120'000 Kubikmeter Felsmaterial oder ungefähr 300'000 Tonnen Gestein stürzten am 16. Februar 1957 im Steinbruch im Breitmis in Erlinsbach AG in die Tiefe – der bis dato grösste Felssturz der Neuzeit auf Kantonsgebiet.

Wie Adolf Hartmann 1958 in den «Mitteilungen der aargauischen Naturforschenden Gesellschaft» schreibt, hatten Erschütterungen durch das Sprengen der Felsen zur Lockerung des Hangs geführt. Der Bergsturz hatte weitreichende Folgen: Weil ein Freilegen der Strasse wegen des verschütteten Sprengstoffdepots unmöglich war, wurde die Strasse verlegt, wie Hansueli Roth in den Erlinsbacher Neujahrsblättern 2007 schreibt. Ebenfalls wurde das Bett des Erzbachs, der natürlichen Grenze zwischen den Kantonen, verlegt.

Das führte dazu, dass der Kanton Aargau sein Terrain um etliche Aren zulasten des Nachbarskantons vergrösserte. Als grösster Felssturz gilt heute der Küttiger Vorfall vom 23. Februar 1999: Hier lösten sich rund 150'000 Kubikmeter Gestein.