Aarau

Wahlverwandtschaften: Die Aarauer Politik ähnelt einem Familientreffen

Die Einwohnerratskandidaten von Aarau sind in neun Fällen miteinander verwandt – oder wollen ein Familienmitglied ersetzen. Ob diese Nähe den Kandidaten nützt oder der Wähler die Verbandelung abstraft wird sich zeigen.

Wie die Mutter, so die ganze Familie. Dieses Bonmot trifft mit Blick auf die Aarauer Parlamentswahlen vom 24. November auf die Gemeinschaft Cavegn-Leitner zu.

Am 22. September schaffte Angelica Cavegn-Leitner die Wahl in den Stadtrat, nun wollen ihr Mann Daniel Leitner und Tochter Aline Einwohnerräte werden. Beide stehen auf der Liste von Pro Aarau an neunter respektive zehnter Stelle.

Gemäss Parteipräsident Ueli Hertig hat Pro Aarau schon im Vorfeld abgeklärt, ob es rechtens ist, wenn ein Familienmitglied in der Exekutive sitzt und eines in der Legislative. Laut Gesetz ist jeder mündige Bürger ab dem 18. Altersjahr mit Wohnsitz Aarau wählbar.

Kein Familienprojekt

Sind die Cavegn-Leitners also ein lokalpolitisches Familienprojekt? «Nein», sagt Angelica Cavegn, «wir wollen kein Monopol». Ihre Tochter bekomme zu Hause halt viel von der Politik mit. Und auch ihr Mann fände, man könnte in Aarau «noch einiges bewegen».

Ob die beiden vom Bekanntheits-Bonus ihrer Frau, respektive Mutter profitieren können, oder ob die Wählerschaft eine solche «Verbandelung» nicht goutiert, ist offen.

«Wir sind selber gespannt, wie die Leute darauf reagieren», sagt Cavegn-Leitner. Würde ein Familienmitglied gewählt, so gebe es ja bezüglich Verschwiegenheit klare Spielregeln, findet sie, sind doch Kommissionsberatungen streng geheim.

Man sei am Familientisch übrigens «keineswegs immer gleicher Meinung». So sei Tochter Aline der Ausgangsszene in der Altstadt gegenüber viel positiver eingestellt, während Angelica Cavegn Öffnungszeiten von Clubs oder Restaurants bis um 4 Uhr morgens «nicht zwingend» findet.

Mehrere Verwandtschaftlichkeiten

Die Cavegn-Leitners sind keineswegs ein Einzelfall. Wer die Kandidatenlisten für die Einwohnerratswahlen 2013 durchgeht, stösst auf weitere Facetten dieses an sich harmlosen «Nepotismus».

So tritt zum Beispiel bei der SVP der Pächter des Binzenhofs, Peter Knörr, zurück und schickt umgehend seine Ehefrau Susanne Knörr-Gloor ins Rennen.

Bei den Freisinnigen kandidieren auf den Listenplätzen 17 und 18 Vater und Sohn gemeinsam, nämlich Andreas und Sean Siegenthaler.

Das gilt auch für Pro Aarau, stellt sich doch Ueli Hertig zur Wiederwahl und erhält Konkurrenz von Nichte Vera Hertig.

Die familiäre Nachfolge bereits geregelt hat die EVP/Evangelische Wähler: Im Laufe dieser Amtsperiode machte Pfarrer Ursus Waldmeier seinem Sohn Christoph Waldmeier im Rat Platz.

Bei den Grünen hat eine stattliche Anzahl von Nigglis schon fast Tradition. Waren es vor vier Jahren noch drei aus dieser Familie, die kandidierten, so sind es in diesem Herbst immerhin noch zwei, und zwar Martina Niggli und deren jüngerer Bruder Jeremias.

Ebenfalls auf der Liste der Grünen stellt sich Silvia Fallegger zur Wiederwahl, bedrängt von der um ein Jahr älteren Schwester Ursula Fallegger, die allerdings lediglich auf dem Listenplatz 24 aufgeführt ist.

Mit besonderem Interesse wird man den Ausgang der Aarauer Einwohnerratswahlen im Hause von Silvio und Bea Bircher verfolgen. Beide Sprösslinge des ehemaligen SP-National- und Regierungsrates, Adrian und Felicitas Bircher, kandidieren auf der Liste der Grünliberalen. Hier stellt sich Alexander Umbricht für eine zweite Amtsperiode zur Verfügung, bereits als Kandidat in den Startlöchern ist aber der vier Jahre jüngere Bruder David Umbricht.

Ein Zeichen für Kandidatenmangel

Wie kommt es zu diesen verwandtschaftlichen Häufungen? Angelica Cavegn Leitner sagt, ihre Tochter und ihr Mann hätten über sie eben mitbekommen, wie der Ratsbetrieb funktioniere, und könnten sich das Amt deshalb besser vorstellen. Sie findet: «Es ist doch gut zu sehen, dass die Arbeit fruchtet.»

Dass Politikerblut vererbt wird, ist nichts Neues. Die jetzige Häufung dürfte aber auch ein Zeichen sein, dass es Parteien immer schwerer fällt, Leute ausserhalb des Politikkreises zu motivieren.

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