Referendum
«Wachstum absolut ungesund»: Hunzenschwiler proben den Aufstand gegen den Bau-Boom

Eine Mini-Bürgerinitiative sammelt 339 Unterschriften und erzwingt eine Referendumsabstimmung. Sie sind gegen die Pläne des Gemeinderats, dass in Hunzenschwil drei Meter höher gebaut werden darf.

Urs Helbling
Merken
Drucken
Teilen
«Wir waren ein Bauerndorf»: Andreas Pfenninger tut sich schwer mit dem Bau-Boom und seinen Gebäuden. Pascal Meier

«Wir waren ein Bauerndorf»: Andreas Pfenninger tut sich schwer mit dem Bau-Boom und seinen Gebäuden. Pascal Meier

Pascal Meier

Vordergründig geht es am Wochenende an der Urne um eine vergleichsweise kleine Änderung der Bau- und Nutzungsordnung. Hintergründig um viel mehr: Um scheinbar so viel, dass die az keinen Gemeinderat zu einer Stellungnahme bewegen konnte (die Frau Gemeindeammann ist unerreichbar auf hoher See).

Initiiert hat die Volksbewegung ein Mann, der von sich sagt, er sei bisher nicht politisch aktiv gewesen. «Ich habe zusammen mit meiner Frau innerhalb von zwei Wochen 250 Unterschriften gesammelt. Getrennt gingen wir von Haus zu Haus», erklärt Andreas Pfenninger (56).

Der Metallbau-Monteur zog vor über 30 Jahren ins Dorf – der Liebe wegen. Seine Frau Marianne (51) ist in Hunzenschwil aufgewachsen. Die beiden leben in einer Eigentumswohnung und haben zwei erwachsene Töchter.

50 Prozent mehr Einwohner

Hunzenschwil vor 15 Jahren: ein Dorf mit 2590 Einwohnern. Ende letzten Jahres waren es 3886 – 50 Prozent mehr. Und wenn alle gegenwärtig leerstehenden Wohnungen besetzt sind, werden es deutlich über 4000 sein. Der Ausländeranteil liegt bei 28 Prozent.

Hunzenschwil war Ende des letzten Jahrhunderts noch recht ländlich. Überregional bekannt wegen des Hauptsitzes von Möbel Märki. Bei vielen Autofahrern ein Begriff wegen des legendären «Pilz», dem Mini-Restaurant bei der Shell-Tankstelle.

Hunzenschwil ist heute eine Art «Spreitenbach im Dorfformat». Vor allem entlang der Hauptstrasse. Dort wurden in den letzten Jahren viele mässig attraktive Geschäfts- und Wohnblocks gebaut.

Ex-Gemeindeammann mitbeteiligt

Dem Hunzenschwiler Gemeinderat gehören zwei SVP-Männer, ein Freisinniger und zwei Mitglieder der Einwohnervereinigung (EVH) an. Die erfahrene Silvana Richner (63, EVH) ist seit 2010 Gemeindeammann. Die Hunzenschwiler Verwaltung ist in einem Bereich speziell: Die Bauverwaltung ist – auf Mandatsbasis – an den örtlichen Bauingenieur und ehemaligen Gemeindeammann Franz Bitterli ausgelagert.

Das sorgt – in Kombination mit dem Bau-Boom – für Misstrauen. «Beim Unterschriftensammeln war immer wieder ein Unbehagen gegenüber dem Gemeinderat zu spüren. Es hiess etwa: Wir haben in Hunzenschwil sechs Gemeinderäte: die fünf Gewählten und einen, der sie aktiv unterstützt», berichtet Andreas Pfenninger. Für ihn steht fest: «Wir haben einen schwachen und labilen Gemeinderat.»

«Junge kommen nicht zurück»

Einen ersten Sieg hat Pfenninger bereits erzielt. Mit Hilfe seines Rechtsanwalts Lukas Pfisterer, dem Aarauer FDP-Grossrat. Das kantonale Baudepartement hob eine vom Gemeinderat Hunzenschwil erteilte Baubewilligung auf. Es ging um ein Mehrfamilienhaus mit acht Wohnungen und drei Carports. Das kommunale Verfahren hatte so viele Mängel, dass jetzt die Beschwerdeführer, das Ehepaar Pfenninger, 5550 Franken Parteienentschädigung erhielt.

Einen zweiten Sieg hofft Andreas Pfenninger am Sonntag zu erringen. Dann findet die Abstimmung über das Referendum statt, das mit 339 Unterschriften zustande kam. Die Opposition will verhindern, dass in Hunzenschwil drei Meter höher gebaut werden darf.

Pfenninger hatte bereits versucht, im Mitwirkungsverfahren Änderungen zu erreichen. Aber er wurde vom Gemeinderat nicht erhört. Unbeantwortet blieben auch die Fragen, die er an die Gemeindeversammlung vom Juni stellte. Damals waren nur 81 Personen zugegen. «Es kann doch nicht sein, dass so wenige Leute über eine so wichtige Sache entscheiden», sagt der Referendumsführer.

Die Versammlung stimmte der Änderung der Bau- und Nutzungsordnung zu. Ein Fehlentscheid, findet Pfenninger: «Das Wachstum, das wir in Hunzenschwil in den letzter Zeit erlebt haben, ist absolut ungesund.» Und: «Muss Hunzenschwil in den nächsten drei Jahren so verbaut werden, dass danach nichts mehr erstellt werden kann?»

Pfenninger weiter: «Wir waren ein Bauerndorf. Anstatt nur Flachdächer, wie vom Gemeinderat erwünscht, dürfte es bei uns auch noch einige Giebeldächer haben.» Und er sorgt sich: «Die Jungen kommen nicht mehr nach Hunzenschwil zurück, weil es kein ländliches Dorf mehr ist.»