Auf dem Video, das Khaleb (Name geändert) dem Journalisten auf seinem Smartphone zeigt, ist ein Motorboot zu sehen, vollgepackt mit Menschen. Es steuert mit hohem Tempo auf einen Hafen zu. Die Menschen auf dem Boot rufen euphorisch durcheinander, halten sich aneinander fest. Es sind syrische Flüchtlinge, kurz vor der Ankunft in der Türkei. Khaleb ist einer von ihnen, geflohen aus seiner Heimatstadt Aleppo, wo er mit seiner Familie monatelang im Bürgerkrieg ausharrte. Khaleb arbeitete als Schuhmacher in einem Vorort der Stadt. Zuletzt getraute er sich kaum mehr, seinen Arbeitsort zu verlassen. Zu gefährlich sei das gewesen, die Bomben, die Banden, der Kugelhagel.

Jetzt sitzt Khaleb an einem Tisch im Kirchgemeindehaus Gränichen. Der Winterregen trommelt gegen die Fenster, Kinder rennen zwischen den Tischen umher, Erwachsene sitzen bei Kaffee und Kuchen an den zusammengeschobenen Tischen. Ein typischer, gemütlicher «Treff». Mit dem Unterschied, dass sich viele der Menschen hier vorher noch nie gesehen haben – und dass sich viele von ihnen nur mit Händen und Füssen, mit Gesten und viel gutem Willen verständigen können. Es ist der erste «offene Treff» zwischen der Gränicher Dorfbevölkerung und den hier lebenden Flüchtlingen.

Organisiert hat den «Treff» die neu gegründete Gruppierung «integraenichen». Vertreter verschiedener Kirchen und der SP-Ortspartei haben die Gruppe ins Leben gerufen, um die Ängste im Dorf abzubauen und jene Menschen, die schon immer hier lebten, und jene, die das Schicksal erst kürzlich hierhingebracht hat, zusammenzubringen. «Es braucht dringend eine Kontaktfläche für die Dorfbevölkerung und die Flüchtlingsfamilien in Gränichen», sagt Simon Pfeiffer, reformierter Pfarrer und Mitinitiator des Projekts «integraenichen». «Es gibt gewaltige Ängste und viele Vorurteile auf allen Seiten. Dagegen hilft nur, dass sich Menschen treffen und die Angst voreinander verlieren», betont Pfeiffer. Er wünscht sich, dass die Gränicher Vereine ihre Türen öffnen und den Flüchtlingen ermöglichen, Vereinsluft zu schnuppern.

Mit den bisher 13 neu angekommenen jungen Männern auf der Liebegg biete sich der Gemeinde eine neue Chance, sich von ihrer integrativen Seite zu zeigen. «Viele helfen schon freiwillig mit. Es dürfen aber gerne noch mehr werden», wünscht sich der engagierte Pfarrer.

Der erste Treff im Kirchgemeindehaus ist gut besucht. Die Sprachbarrieren aber sind trotz den Bemühungen beider Seiten schwer zu überwinden. Pfeiffer, der vor Jahren für eine Weile in der syrischen Stadt Damaskus gelebt hat und Arabisch spricht, muss ständig übersetzen. Das soll bald nicht mehr nötig sein, denn: Gemeinsam mit einer wachsenden Gruppe Freiwilliger erteilt er den seit zwei Monaten in Gränichen lebenden Flüchtlingsfamilien aus Eritrea, Afghanistan und Syrien Deutschunterricht. «Wir sind auf der Suche nach weiteren Freiwilligen, die uns dabei unterstützen. Ohne gemeinsame Sprache kann es keine Integration geben, das zeigt sich hier deutlich», sagt Pfeiffer.

Noch haperts vielerorts mit dem Deutsch. Ein leuchtendes Beispiel aber gibt es: Gholam sitzt mit einem Glas Wasser an einem Tisch, ein Auge immer auf seinem vierjährigen Sohn Amir, der zwischen den Tischen umherflitzt. Gholam ist 30, Afghane, und nach einer langen Odyssee zusammen mit seiner schwangeren Frau und Amir in Gränichen gelandet. «Meine Frau kann nicht kommen. Schwangerschaftskontrolle», sagt er auf Deutsch und strahlt. Zusätzlich zum «integraenichen»-Deutschkurs nimmt er Unterricht bei der Caritas in Aarau. «Ich möchte bald arbeiten. Und ich will Fussball spielen», sagt Gholam. In Afghanistan und im Iran, wo er jahrelang gelebt hat, schuftete er den Tag durch als Schneider, am Abend als «Garçon», wie er sagt. Und was will er hier tun? «Irgendwas, ich mache alles!» Was er auf jeden Fall macht: Nächsten Montag wieder zum wöchentlichen «offenen Treff» kommen. «Dann mit meiner Frau!»

Offener Treff jeden Montag (ausser an Feiertagen) von 14.30 bis 16.30 Uhr im reformierten Kirchgemeindehaus Gränichen. Infos unter www.integraenichen.ch.