Aarau sieht weiss. Nur noch wenige Tage bis zum Maienzug, dem Fest der weissen Kleider – und der weissen Schaufenster. Bereits in den Wochen vor dem Maienzug weicht alle Farbe aus der Stadt. Ob in der Kleiderboutique, im Secondhand-Shop oder im Stoffladen; das Geschäft mit den weissen Stoffen ist mindestens genauso wichtig wie das mit den Blumen – egal ob am Laufmeter, fixfertig genäht oder bereits getragen. Und das bis wenige Stunden vor der «Tagwache».

Das Schaufenster gerade eben auf Weiss getrimmt hat Erika Weidmann, seit 17 Jahren Filialleiterin in der Stoffzentrale an der Bahnhofstrasse. «Wir haben ab Frühling jeweils sehr viel Maienzugstoff an Lager», sagt sie. Und das schon seit Jahren. «Dass viele Grossmütter ihren Enkelinnen ein Maienzugkleidchen schneidern, ist seit Jahrzehnten Tradition.»

Neu ist aber, dass sich auch die Mütter zusehends ihre Kleider selber nähen. «Die jungen Frauen trauen sich wieder vermehrt, nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für sich selbst zu nähen», freut sich Weidmann. Für sie ist klar, welchen Mehrwert das bringt: «Wer mit einem selbst genähten Unikat auftritt, tut seiner Seele etwas Gutes. Das ist ein Gefühl, das einem kein Kleid von der Stange geben kann.»

Das dekorierte Schaufenster für den bevorstehenden Maienzug.

Stoffzentrale Aarau

 Das dekorierte Schaufenster für den bevorstehenden Maienzug. 

Auch wenn die Tage bis zum grossen Fest bald an einer Hand abgezählt werden können, so weiss Weidmann aus Erfahrung, dass sie die weissen Stoffe bis am Tag des Vorabends in den Regalen lassen muss. «Jedes Jahr kommen Kundinnen kurzfristig vorbei, weil sie im letzten Moment merken, dass das alte Kleid nicht mehr passt.»

Maienzug 2016: Der Umzug durch die Stadt.

Der Rat der Kundinnen

Alle Farbe aus dem Schaufenster gewichen ist auch bei einer Boutique, bei der Farben das oberste Gebot sind: die Colora Boutique am Graben. «Die Nachfrage nach weissen Kleidern ist enorm», sagt Filialleiterin Judith Heimgartner, «wir haben bereits eine zusätzliche Bestellung aufgeben müssen.»

In der Stoffzentrale Aarau dekoriert Filialleiterin Erika Weidmann ihr Schaufenster für den bevorstehenden Maienzug.

Das Schaufenster kündigt den Maienzug an

In der Stoffzentrale Aarau dekoriert Filialleiterin Erika Weidmann ihr Schaufenster für den bevorstehenden Maienzug.

Dass jetzt auch das Schaufenster auf Weiss umgestaltet ist, hat dem Geschäft noch einen zusätzlichen Schub verliehen. Obwohl die Boutique in Aarau erst im März eröffnet worden ist, hat Heimgartner das Maienzug-Geschäft nicht auf dem falschen Fuss erwischt. Sie lacht und sagt. «Meine Kundinnen haben mich bereits weit im Voraus auf den Maienzug und seine Kleiderordnung aufmerksam gemacht und mir geraten, unbedingt weisse Kleider ins Sortiment aufzunehmen.»

Russischer Volkstanz, Kadettenmusik und der Aarauer Stadtsong: die schönsten Momente der Maienzug-Morgenfeier 2016.

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Weg wie frische Weggli

Wer kein neues Kleid kaufen will, wird in den Aarauer Secondhandboutiquen fündig, zum Beispiel in der Schickeria Secondhand Boutique am Rain. Im Mai wird jeweils per Inserat dafür geworben, dass Damen-Jugendfestkleider gesucht sind, entweder auf Kommissionsbasis oder als Geschenk. «Inzwischen richten wir mit den abgegebenen Kleidern eine ganze Maienzug-Abteilung ein», sagt Monika Wullschleger, Leiterin der «Schickeria».

2016 hat sie die Aktion erstmals durchgeführt, mit grossem Erfolg: «Wir haben nicht nur viele Kleider, sondern auch überraschend viele Hüte bekommen. Die gingen weg wie frische Weggli.» Auch dieses Jahr sei viel Ware eingetroffen, wenn auch deutlich weniger Hüte. Bereits habe man auch schon einiges verkauft, sagt Wullschleger. «Es ist aber völlig normal, dass Kundinnen bis wenige Tage vor dem Maienzug kommen, um ihr Kleid zu suchen.» Vermutlich würden viele den Wetterbericht abwarten, bevor sie sich zur Kleidersuche aufmachen.