Welches die erste Platte war, die er am Eröffnungstag verkauft hat, weiss Dimitri «Dimi» Denage nicht mehr. Geschweige denn, wer der erste Kunde war. Was er aber noch weiss, ist das mit den Schuhen. Nach einer nervenaufreibenden Woche mit viel zu viel Arbeit und viel zu wenig Schlaf schlüpfte er für das Feiern der erfolgreichen Eröffnung in zwei verschiedene Schuhe. «Gemerkt habe ich es erst an der Party», sagt er und lacht. «Das ist mir bis dahin nie passiert und auch seither nie mehr.»

Das will etwas heissen: Am 1. Mai ist es 20 Jahre her, seit Dimi Denage und Martina Ganz (heute Geschäftsführerin von Tuchlaube und Waldmeier) gemeinsam den Plattenladen «Dezibelle» an der Rathausgasse eröffneten. Heute gehört das «Dezibelle» zum Inventar der Stadt, Dimi erst recht. Alle kennen ihn mit diesem Namen, alle sind mit ihm per Du. Und das «Dezibelle» ist der letzte Überlebende von damals vier Plattenläden. Der letzte Ort in Aarau, an dem man eine Melodie vorsummen kann und die richtige CD bekommt.

Vor 20 Jahren haben Martina Ganz und Dimi Denage das «Dezibelle» eröffnet.

Vor 20 Jahren haben Martina Ganz und Dimi Denage das «Dezibelle» eröffnet.

Noch kann er sie auswendig

Dimi zieht eine Vinyl-Single aus dem Plattenregal hinter dem Tresen. «La tragedia americana», wunderschöne Melodien mit tieftraurigen Texten über das Leben von Martin Luther King und John F. Kennedy. Die Single, die seinen Musikgeschmack geprägt hat; wenn nicht unbedingt die Mandolinen, dann doch das Tiefsinnige, das Dramatische der Texte. Noch heute kann der Sohn eines norditalienischen Immigranten und einer Schweizerin, aufgewachsen in den Achtzigerjahren im Suhrental, alle Texte auswendig.

Mit 12 Jahren kaufte sich Dimi von seinem Sackgeld sein erstes Album von «The Sweet». Und damit war es um ihn geschehen. Dimi wurde zum angefressenen Musikfan. Er fing an zu sammeln, tausende Platten stehen heute bei ihm zu Hause, er besuchte hunderte Konzerte im In- und Ausland, legte als DJ Groove Generalissimo – «wenn schon, denn schon» – in Aarau, Olten und Zürich auf und jobbte im Plattenladen «Baby Doll» in der Pelzgasse. Bloss das mit dem selber Musik machen, das hat nicht geklappt. «Ich hatte eine Gitarre, aber keine Geduld.»

Dimi Dimitri Denage in seinem Plattenladen Dezibelle.

Dimi Dimitri Denage in seinem Plattenladen Dezibelle.

Nicht nur für die breite Masse

Und dann kam irgendwann in den Neunzigern die folgenschwere Nacht, in der der Entscheid fiel, einen eigenen Plattenladen zu eröffnen. «Martina und ich haben uns schon lange gekannt», sagt Dimi. «Und wir waren der Überzeugung, dass es noch einen Plattenladen braucht. Einen mit Musik, die nicht nur der breiten Masse gefällt.» Also taten die beiden es, gründeten mit ein paar Freunden eine GmbH und eröffneten nach nur einem guten Monat ihren Plattenladen. «Am Anfang war es ganz schön leer hier drin, nicht mehr als vier, fünf Gestelle standen da.»

Eine kleine Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Das «Dezibelle» wurde zu dem Plattenladen, vor dem die DJs am Morgen auf den Pöstler warteten und über den Tresen gierten, wenn Dimi die Päckchen auspackte. Jeder wollte der Erste sein, der die neusten Hits spielte. «Die wussten genau, wann die Lieferung mit den neusten Platten kam», sagt Dimi und lacht.
Heute ist das alles anders. Wer die neusten Hits spielen will, braucht nur noch vor der eigenen Haustür auf den eigenen Pöstler zu warten – wenn überhaupt. Trotzdem mag Dimi nicht über den Onlinehandel klönen.

«Ich habe das Glück, dass meine Kunden Wert darauf legen, die Platte oder CD im Regal stehen zu haben.» Ausserdem bietet er etwas, was kein Onlinedienst anbietet: Beratung. Und Erinnerungsvermögen. Dimi weiss von vielen seiner Kunden ganz genau, welchen Musikstil sie mögen, und hat für jeden eine neue Entdeckung oder einen Vorschlag parat. Das zieht nicht nur Kunden aus der Region, sondern sogar solche aus Basel, Bern und Zürich an.

Das Kaufverhalten seiner Kunden hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten verändert. Wollte damals jeder CDs haben, kaufen sie heute bedeutend mehr Platten als CDs; das Alte kommt wieder. «Heute kommen alle Künstler wieder auf Vinyl heraus, Platten sind wieder viel beliebter», sagt Dimi. Den Kunden ginge es um den Klang und die schönen Cover, die grossformatiger besser zur Geltung kommen als in der handlichen Plastikhülle.

Ein letzter Blick auf die Schuhe

Seit zehn Jahren führt Dimi das «Dezibelle» allein. Seither hört er privat nur noch selten Musik. «Ich bin sechs Tage die Woche im Laden und höre hier so viel Musik, da habe ich auch gern meine Ruhe.» Seine Vorliebe für Musik, die Geschichten erzählt, ist aber seit Kindstagen geblieben. Poetische Texte über gesellschaftliche Themen begeistern ihn, dafür liebt er Fabrizio De André oder Bruce Springsteen, Nick Cave am allermeisten.

Jetzt wird also gefeiert. Am 1. Mai mit einem Aktionstag mit vielen Rabatten, den ganzen Monat Mai über gibt es einen CD-Sale. Und am 5. Mai geht die Post ab, erst mit einem Apéro im «Dezibelle» ab 15 Uhr, später dann in der Tuchlaube mit einer Plattenauktion (20.20 Uhr), einem Konzert von Marius Baer (21.30 Uhr) und anschliessender Party mit Dezibelle-Residents. Ein rauschendes Fest soll es werden. Und Dimi wird ganz bestimmt zweimal schauen, ob er zwei gleiche Schuhe erwischt hat.